Lovely Saturday - Annemarie Schwarzenbach
1. August 2009 von Charly
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“Dann tritt mir mein Bild entgegen, das Bild eines jungen Menschen, ich stütze die Hände gegen das Glas und betrachte es, mir ist, als gewänne ich dieses blasse und von heimlichem Fieber bebende Gesicht lieb, als hätte ich vordem nicht so gut gekannt, ich ging an seiner Traurigkeit vorüber, kein Lächeln schenkte ich diesen von Frage und schwermütigem Ernst erfüllten Augen, keine Nachsicht hatte ich für diese Hände, die hell und mager sind und deren Schlankheit mir heute zum ersten Mal schön erscheint.”
(Annemarie Schwarzenbach - Eine Frau zu sehen)
Als Annemarie Schwarzenbach diese Sätze für ihre Novelle “Eine Frau zu sehen” schreibt, ist sie gerade 21. Die, die nach eigener Aussage “nur Frauen mit wirklicher Leidenschaft lieben kann”, geht erst zwei Jahre später, 1931, als freie Schriftstellerin nach Berlin, nachdem sie in ihrem Heimatland der Schweiz promoviert hatte. Ihr erster Roman “Freunde um Berndhard” erscheint ebenfalls 1931.
Annemarie Schwarzenbach ist sicherlich eine der traurigeren Figuren der Geschichte: Von einer ständigen Umtriebigkeit getrieben, reiste sie ab 1933 durch die halbe Welt und heiratete den, ebenfalls homosexuellen, schweizer Diplomaten Claude Clarac. Sie selbst war unsterblich in Erika Mann verliebt, die ihre Liebe jedoch nicht erwiderte und sie an Morphin heranführte. Eine Sucht, von der sie ihr kurzes Leben lang nicht mehr loskommen sollte.
Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach
Die Freundschaft zu den Geschwistern Mann blieb jedoch lange erhalten und Schwarzenbach traf Jahre später wieder mit ihnen in den USA zusammen, wo sie sich erneut aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit und Depressionen in psychiatrische Behandlung begab. Thomas Mann bezeichnete sie später in einem seiner Tagebücher als “verödeten Engel”.
Eine ihrer Reisen, die sie zusammen mit der Schriftstellerin Ella Maillart in ihrem geliebten Ford nach Kabul unternommen hatte, wurde 2000 mit dem Titel “Reise nach Kafiristan” und Jeanette Hain in der Rolle von Annemarie Schwarzenbach verfilmt.
Der Film ist nicht schlecht, nicht so furchtbar wie der Trailer vermuten lässt, sehr ruhig und gut geschauspielert.
Erst 1942 kehrt Schwarzenbach nach einer Reise in den Kongo in die Schweiz zurück, nachwievor depressiv und morphinsüchtig. Wenig später, stirbt sie, erst 34, an den Folgen eines Fahrradunfalls.
Nach ihrem Tod geriet sie zunächst in Vergessenheit, nicht zuletzt aufgrund ihrer hitlerliebenden Mutter, der sie ein ständiger Dorn im Auge war und welche gegen ihren testamentarischen Willen, viele Briefe und Manuskripte einfach verbrannte. Auch innerhalb der eigenen Familie wurde sie weiterhin einfach totgeschwiegen.
Erst später wurde sie wieder entdeckt, nicht zuletzt von ihrer eigenen Großneffe, Alexis Schwarzenbach, der es in ihrem ZEIT-Artikel gut auf den Punkt bringt:
“Annemarie Schwarzenbach war eine freie Frau, ein freier Geist, eine Freibeuterin auch. Die Erinnerung an sie, in der engen Nachkriegszeit gelöscht, entfaltete sich gegen Ende der achtziger Jahre neu. Inzwischen ist sie das, was man ein wenig hilflos ob all ihres posthumen Ruhms eine Kultfigur nennt.”
Wer mehr über Schwarzenbach wissen möchte, kann mit diesem Artikel anfangen oder sich gleich eines der Bücher von oder über sie besorgen. Wert ist es das allemal.
“Das Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke.”
(Schwarzenbach in einem Brief an Thomas Mann)
Bilder Copyrights: Schweizerische Nationalbibliothek Bern
Lovely Saturday meets Buchtipp – “Women before 10 a.m.” von Véronique Vial
25. Juli 2009 von Gastautorinnen
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Vor zehn Uhr morgens ist ja nicht so meine Zeit. Dank Véronique Vial und ihrem charmanten Bildband weiß ich nun, dass es Salma Hayek offenbar ähnlich geht:
Aber was könnte uns das Aufstehen besser versüßen, als schönen Frauen bei ihren ganz normalen Morgentätigkeiten zuzuschauen?
Das Buch bietet erfreulich unterschiedliche Frauen und noch so einige Entdeckungen: Natasha Lyonne beim Ketterauchen, Gina Gershon beim Kochen, Sigourney Weaver beim Tai Chi…
Offen bleibt: Heißt Nim Kim wirklich so? Warum hat ausgerechnet Sean Penn das Vorwort geschrieben? Und nehmen tatsächlich so viele Frauen ihre Hunde mit ins Bett?? Was soll ich zum Beispiel davon halten, Courtney:
Véronique Vial hat (neben Babys, Tieren und „lifestyle“) viele attraktive Celebritys fotografiert. Also vielleicht gibt es ja mal eine Fortsetzung mit Farbfotos…
Alfred Hitchcock vs. Lesbian Angels
1. Juli 2009 von Charly
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Ihr wolltet doch sicherlich immer schon einmal wissen, was der gute Alfred so von uns Lesben hält.
Nicht? Nunja, auch nicht weiter schlimm. Lehnt euch einfach zurück, versucht nichts trinkbares in der Hand zu halten und genießt das Opening und die letzten fünf Minuten eines amerikanischen Propagandafilmes, schätzungsweise aus den 50er Jahren, namens: The Disease of Lesbianism.
- dramatische Musik und theatralische Lichteffekte mit dem Lichtschalter bitte hier einfügen -
Vor allem gefällt mir ja, dass Bull Dyke Pfeife raucht, die “Arbeit” macht und die anderen Frauen im Raum quasi als Fesselersatz dienen. Ganz, ganz großes Tennis.
Im Kontrast dazu jetzt der Trailer zu “Lesbian Angels“, einer Doku über Lesben in L.A. 2009, in dem die Mädels erfreulich unstereotypisch aussehen.
Lesbian Angels ~ Trailer #2 from Karla Eduvia
Wann genau Lesbian Angels erscheint und wie, habe ich leider nicht gefunden. Wer mehr Infos hat, immer her damit!
Also Mädels, wer gewinnt? Die Zombielesben? Oder die 2009er L.A.-Lesbe?
Historical Lovely Saturday – Anita Berber
27. Juni 2009 von Gastautorinnen
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von Nadin
Neulich las ich im aktuellen Missy Magazine in der Rubrik „vor uns“ einen wunderbaren Artikel über die Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber. Ich bin ohnehin ein Fan der legendären Zwanziger Jahren mit allen ihren flüchtigen Freiheiten und widersprüchlichen Persönlichkeiten. Umso faszinierender ist die Geschichte der Berber: Sie gilt als erste deutsche Nackttänzerin, Star der frühen Aufklärungsfilme und Ikone der lesbischen Subkultur im Berlin der frühen Weimarer Republik. Von Drogen und Alkohol gezeichnet starb sie mit nur 29 Jahren an TBC.

Leo Lania: „Als Anita am Kurfürstendamm aus dem Auto stieg – Zobelpelz, Monokel im grell bemalten Gesicht unter rotem Haarschopf – blieben Passanten stehen, Huren liefen herbei, bildeten ehrfürchtig eine Gasse, durch die Anita ins Lokal stürmte.“
Otz Tollen: „Sie wollen doch einen älteren Mann?“ – „Nun ja, mein Gott, aber eine junge Frau wäre mir lieber!“
Zu sehen ist die Schauspielerin unter anderem im allerersten Homosexuellen-Film „Anders als die Andern“, in Fritz Langs berühmtem „Dr. Mabuse“ und in „Der Schädel der Pharaonentocher“:
Berbers typische Kinorollen waren die Tänzerin, das gefallene Mädchen oder die Dirne und auf der Bühne gab sie eine Skandalshow nach der anderen.
Leni Riefenstahl (!): „Ihr Körper war so vollkommen, dass ihre Nacktheit nie obszön wirkte.“
Nein, das ist nicht Anita Berber, sondern ihr schwuler zweiter Ehemann Sebastian Droste. Zusammen tourten sie mit den Tanzprogrammen „Morphium“, „Cocain“, „Peitschentanz“ usw. Hier eine Szene aus “Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase”:

Klaus Mann: „Ich wurde mit dem Schicksal dieser rabiaten Frau und ihres sanfteren Gefährten [Berbers dritten Mann Henri] vertrauter. Sie stand, von ihrer Legende umwoben, inmitten einer grauenhaften Einsamkeit…Sie brauchte nicht nur den moralischen Skandal, sondern auch die körperliche Gefahr.“
Der Künstlerin Charlotte Berend stand Anita Berber für einige Lithographien Modell:

Schließlich setzte Otto Dix der Diva ein Denkmal ganz in Rot:

Als Bonus gibt’s noch ein etwas reißerisches Mini-Portrait:
Moment mal, war da nicht Peaches’ „Boys wanna be her“ zu hören?! ![]()
Die Zitate stammen aus Lothar Fischers Buch „Tanz zwischen Rausch und Tod. Anita Berber 1918 – 1928 in Berlin“. Die meisten Bilder sind von societyofcontrol.com.
We all kiss for ice cream - Knutschdemo Schöneberg
Ein Nachrichtensprecher sagte es gestern ganz richtig:
Wenn alle Demos so friedlich verliefen, wie die Knutschdemo gestern in Berlin Schöneberg, wäre die Welt ein Ort voller Liebe.
Aber für die unter euch, die von dem großen Spektakel gestern nichts mitbekommen haben, mal von Anfang an.
Im Berliner LGBT-Kiez Schöneberg, gibt es einen Eisdielenbesitzer, der hier seit 25 Jahren wohnt, Eis verkauft, der deutschen Sprache immernoch nicht wirklich mächtig ist, für Waffeln (so hört man) einen Aufpreis verlangt und dann auch noch Homos aus seinem Laden verscheucht, anpöbelt und sich weigert sie zu bedienen.
Das klingt unglaublich, skandalös und geradezu verrückt. Warum sollte jemand homophobes dann gerade in diesem Bezirk einen Laden aufmachen und eine Existenz daran verknüpfen?
Die Bloggerszene munkelte - vielleicht hatte sich sein Sohn ja jüngst als schwul geoutet?- und die Gayszene fackelte nicht lang, erstattete Anzeige, hisste die Fahne und rief zum Gruppenkuscheln auf.
Lesarion, gayromeo, twitter und ganz altmodisch Mails - mit dem Internet wurde eine Spontandemo möglich, die man sich zu Zeiten von Handzetteln nur hätte erträumen können.
Knutschdemo, Kiss-in, wie auch immer man es nennen wollte, es war zumindest voll. Zeitungen schätzen, dass sich bis zu 2000 Menschen dort versammelten. Wer selbst da war, packt gerne noch gefühlte 1000 mehr rauf.
Während die Polizei die Straße sperrte und auch nur da war, weil die Demo spontan und nicht angemeldet war, lief dem Eisdielenbesitzer wohl schon ein wenig Schweiß die Stirn herunter.
Wir kamen nicht mit Steinen, Fackeln, Feuer, wir kamen mit Liebe! Einer riesigen Menge an regenbogenfarbiger, fluffiger, fernsehkameralastiger, homosexueller Liebe!
Und obwohl sich um 14 Uhr weitaus weniger Frauen und Männer küssten, als ich mir das so erhofft hatte, verfehlte das ganze seinen Zweck nicht.
Ein Missverständnis sei das alles, sagte er schließlich zu der Menge und ging unter den ständigen Buh-Rufen unter.
Die Menge schrie im Chor “Eisboykott” und Privatleute gingen mit riesigen Tüten voller kleiner Eis am Stiel herum - umsonst, natürlich.
Bespaßungsmusik setzte an und an jeder Ecke lief am Gefahr in eine Kamera zu laufen.
Die Eisdiele schloss und viele, die kein Frei-Eis abbekamen, gingen schnell um die Ecke um doch noch ein Eis zu essen - zur Freude der Eisdielenbesitzer, die, wie alle anderen an diesem Tag im Kiez, die Regenbogenfahne sichtbar und groß gehisst hatten.
Und der Pizzariabesitzer neben dem Ort des Verbrechens, der seine Mitarbeiter an diesem Tag mit T-Shirts mit der PACE-Fahne drauf eingekleidet hatte, freute sich über den Appetit der sich langsam lichtenden Reihen.
Er machte das Geschäft seines Lebens und wird begriffen haben, was Popstars schon lange wissen:
Wer uns auf seiner Seite hat, hat Fans fürs Leben.
Haben wir gesiegt? Oder wurden wir wirklich “eiskalt abserviert”? Was meint ihr?
Wollen wir einfach hoffen, dass wir in den nächsten Jahren weniger Demos organisieren müssen, obwohl diese, so erst die Sache an sich auch ist, ja immer einen gewissen Spaßfaktor haben.
Bleibt nur noch eine Frage: Warum hat die BILD-Zeitung darüber nichts online?


























