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Gays und Queers in Wien: Interview zu „Solo“

„Solo“ ist in Christopher Wurmdoblers Wien-Roman eigentlich niemand – ständig Neue kennen lernen wollen trotzdem alle. Die größtenteils schwule Clique bewegt sich zwischen Barber und Grindr, Fitnesscenter und Vernissagen. Martins Freund lebt im fernen New York. Seine beste Freundin Steph nimmt ihren veganen Lifestyle-Blog auch nicht ernster als ihren neuen Lover, den sie nicht mal nach dem Namen fragt. David und Arnold haben eine offene Beziehung mit festen Regeln. Der junge Ben sucht und findet Bestätigung von vielen Seiten. Als Rita und Lena ihre Hochzeit mitten im tristen Winter vorbereiten, spitzen sich die unterschwelligen Konflikte unerwartet zu …

Wer sich in Wien auskennt, wird es in den detailliert gezeichneten Schauplätzen wiederentdecken. Wer die Community anderer Großstädte kennt, hat auch reichlich Aha-Momente. „Solo“ erzählt vor allem von alltäglichen Situationen und ihrer Tragikomik. Was ihn zu seinem Debütroman inspiriert hat und wie er die Wiener Szene erlebt, erzählt der Autor und langjährige Falter-Redakteur im Kweens-Interview. Zuerst aber eine kleine Hörprobe:

Christopher Wurmdobler im Interview

Es mag an dem gerade unerträglichen Frost hier in Berlin liegen, dass ich mich frage: Warum hast du deinen Wien-Roman ausgerechnet im Winter angesiedelt?

Christopher Wurmdobler: Ich habe meinen Roman zum großen Teil im widerlich winterlichen Wien spielen lassen, damit die Sehnsucht der Figuren nach dem wunderbaren Wiener Sommer noch größer ist. Alle sehnen sich nach dem Sommer, erinnern sich an den letzten Sommer. Wien im Sommer ist wunderbar.

 

Der Roman handelt in Episoden von einer Gruppe schwuler Freunde und ihrer Freundinnen. Hattest du Vorbilder wie Amistead Maupins Stadtgeschichten oder Tania Wittes queere Berlin-Trilogie im Kopf?

Tatsächlich habe ich vor vielen Jahren die „Stadtgeschichten“ mit Vergnügen gelesen. Beim Schreiben von „Solo“ habe ich daran gar nicht mehr gedacht. Eher an so tolle aktuelle Serien wie „Please Like Me“ von Josh Thomas oder Lena Dunhams „Girls“, die über ihre Figuren auch viel über die Städte erzählen, in denen sie spielen.

 

Welcher der Charaktere ist dir persönlich besonders nahe? Ist Martin ein Alter Ego des Autors?

Haha, die Alter-Ego-Frage kommt immer wieder. Und obwohl ich nicht in einem Kleingartenhaus an der Alten Donau lebe und kein Landschaftsplaner bin, steckt da Einiges von mir persönlich drin.

Beim Schreiben am spannendsten fand ich allerdings den ganz jungen Ben, wahrscheinlich die modernste meiner Figuren. Seine Sexualität ist fluide, ihm scheint es (noch) nicht um Geld und Karriere zu gehen, seine mehr oder weniger elternlose Kindheit, seine Begabungen als Wissenschaftler und Musiker interessierten mich sehr. Und natürlich auch die Art, wie er sein Umfeld gestaltet, seine eigene Freundesfamilie baut. Nicht zuletzt löst dieser Ben ja bei vielen Figuren Dinge aus …

 

Einige deiner Figuren scheinen recht starre Identitäten im Kopf zu haben. Selbst der junge Ben wird von allen als „schwul“ bezeichnet, obwohl er Sex und emotionale Beziehungen mit Frauen und Männern hat. Ist das nur die Perspektive der älteren Generationen?

Ben selbst definiert sich gar nicht. Ich habe bewusst über drei Generationen geschrieben, die durchaus unterschiedlich ticken: den Anfang-20-Jährigen, der allem gegenüber offen ist, am ehesten würde er sich als „queer“ bezeichnen. Dann den Mitt-30er, in dessen Leben sich außer Karriere nicht mehr viel ändert, der stattdessen seinen Körper perfektioniert – auch weil sein perfektes Beziehungskonzept sich als nicht ganz so perfekt erweist. Und den 50-Jährigen, der in den 1980ern schwul sozialisiert wurde, der vielleicht zur ersten Generation Schwuler gehört, für die Schwulsein nicht mit Verstecken zu tun hatte.

 

Im Buch wird ausdrücklich korrekte Sprache thematisiert – und sich darüber hinweg gesetzt. War es ein Mittel, die schwule, weiße, gehobene „Bubble“ deutlich zu machen, dass beispielsweise ein Roma-Witz oder eine fragwürdige Bemerkung über eine Transperson unkommentiert stehen bleiben?

Ja, meine Figuren sind oft unsicher, aber sie sind sicher, auf der „guten Seite“ zu sein. Damit bewegen sie sich in einer Blase – und stellen das sogar mal mit Bedauern fest. Sie unterhalten sich über „cultural appropriation“ oder „political correctness“, versuchen, in ihrem Alltag korrekt zu handeln und machen dann doch manchmal Fehler. Und als sie sich über die „Gays“ lustig machen, schreitet eine Figur auch mal ein und sagt, sie sollen sich bitte nicht über andere stellen.

 

Bei all den Techtelmechteln und Verwirrungen bleibt Freundschaft das Herz der Geschichte. Wie geht es mit den Freunden weiter, wird es eine Fortsetzung geben?

Ein Leser hat gepostet, „Solo“ sei „kein Schwulenbuch, sondern ein Buch über Freundschaft“. Ich finde, das trifft es sehr gut. Es ging mir auch darum, heteronormativen Familienmodellen etwas entgegenzusetzen. Seine Freunde könne man sich nicht aussuchen, heißt es da einmal in „Solo“. Genau: Ich hab den blöden Spruch „seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ einfach umgedreht. Die Sache mit der Familie nämlich, die läuft oft fürchterlich falsch.

Und wegen der Fortsetzung: Ich arbeite gerade an einem ganz anderen Thema, aber ja, das Personal für eine „Solo 2“ wäre zumindest da.

*

 Aus seinem Roman liest Christoph an drei Terminen rund um die Buchmesse in Leipzig sowie danach mehrmals in Wien.

Christopher Wurmdobler
Solo
Roman
Czernin Verlag
ISBN: 978-3-7076-0630-0
248 Seiten
20,00 Euro

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