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Somerset Maughams Traum: Heny Ruttkay im Interview

16. Dezember 2017

Heny Ruttkay (© Marie-Hélène Goix)

„Im Rückblick kommt mir mein Leben wie ein Hürdenlauf vor … Ein Leben voller Verstellung, Winkelzüge und Lügen. Zunächst wegen meiner Homosexualität, dann wegen meiner Arbeit für den Geheimdienst, und nun muss ich wieder zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, damit meinem Bruder endlich Gerechtigkeit widerfährt.“

In Heny Ruttkays Roman „Somerset Maughams Traum“ (Größenwahn Verlag) blickt der britische Schriftsteller William Somerset Maugham auf sein Leben zurück. Maugham, einer der erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, lebt im hohen Alter in einem Anwesen an der Côte d’Azur und wird, wie man so sagt, von seiner Vergangenheit eingeholt. Die Erinnerungen an seine Familie, Freunde, Liebhaber und beruflichen Abenteuer bettet Ruttkay raffiniert in einen historischen Kriminalfall: den rätselhaften Selbstmord von Maughams ebenfalls schwulen Bruders Harry.

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Interview mit Heny Ruttkay

Mit „Somerset Maughams Traum“ setzt du deinem Lieblingsschriftsteller ein Denkmal. Warum hast du dich dabei für einen biografischen Roman entschieden, der gleichzeitig ein vertrackter Krimi ist?

Henry Ruttkay: Es gibt keine Biografie auf Deutsch über Maugham und die meisten seiner englischsprachigen Biografen waren ihm gegenüber extrem kritisch bis feindselig (zum Teil aufgrund seiner Homosexualität und seines Reichtums). Mein Anliegen war, dem deutschen Publikum das Leben dieses Schriftstellers und Spions aus einem wohlwollenden Blickwinkel näherzubringen und ihn zugleich nach all den Verleumdungen durch neidische Kollegen und homophobe Kritiker zu rehabilitieren.

Zum Schreiben des Romans wurde ich durch den Selbstmord des jüngsten Bruders von Maugham inspiriert, der den Schriftsteller noch im hohen Alter beschäftigt hat. Er hat zwar keinen Privatdetektiv mit der Untersuchung des Falles beauftragt und es gab auch keine Mrs. Norris, aber etwa 80 % der biografischen Angaben des Romans beruhen auf Tatsachen.

Die Geschichte spielt 1961 und blickt zurück bis ins ganz frühe 20. Jahrhundert – Zeiten, in denen Homosexualität kaum frei gelebt werden konnte. Dennoch hat Somerset Maugham dafür einen Weg gefunden. Ist er ein positives Beispiel für selbstbewusst gelebte Identität?

Nein, das glaube ich nicht. Er hat in dieser Hinsicht erst ab einem gewissen Alter, als er bereits berühmt und reich war, selbstbewusst gelebt. Als junger Medizinstudent hat er Oscar Wildes Sturz miterlebt und nie vergessen können.

Somerset Maugham (public domain)Erzähle doch kurz für diejenigen, die sich nicht damit auskennen, was man über Maughams Bücher wissen sollte!

Wer Maugham nicht kennt, sollte zunächst mit dem Lesen seiner zeitlosen, atmosphärisch sehr dichten Kurzgeschichten anfangen. Die Kurzgeschichten mit dem Geheimagenten Ashenden dienten übrigens als Vorbild für Flemings James Bond. Es gibt auch hervorragende Romane: „Der Menschen Hörigkeit“, „Der bunte Schleier“, „Südseeromanze“ und vielleicht auch „Theater“ sowie „Rosie und die Künstler.“

Seine (Ex-)Frau und seine Tochter betrachtet die Romanfigur Maugham mit Missachtung. War der Schriftsteller misogyn?

Ich glaube nicht, dass er misogyn war und ich denke, er hätte zu seiner Tochter ein besseres Verhältnis entwickelt, wenn sie sich nicht auf die Rolle als Ehefrau eines hochgestellten Politikers und Mutter von vier Kindern beschränkt hätte. Und was seine Ex-Frau betrifft, waren sich Freunde des Paares einig, dass sie nie zusammengepasst haben, und nicht nur aufgrund Maughams Homosexualität. Die Scheidung war zwar die beste Lösung, doch sie kam für Maugham so spät, dass er für seine Frau nur noch Abscheu empfand. Aber dieses Gefühl erstreckte sich keineswegs generell auf alle Frauen, er hatte zum Teil enge und herzliche Freundschaften mit ihnen.

Du hast ihm zwei Frauen gegenübergestellt, für die er Respekt hat: Sie haben die auffallend „männlichen Berufe“ Geheimagentin und Privatdetektivin. Gab es für sie auch historische Vorlagen?

Soweit ich weiß, kannte Maugham keine Privatdetektivin, aber er hatte während seiner Karriere als Geheimagent im ersten Weltkrieg sicherlich viele Geheimagentinnen kennen gelernt. Man muss bedenken, dass zu jener Zeit die meisten Frauen darauf dressiert wurden, um jeden Preis einen Ehemann zu finden. Dass er dies verachtenswert fand und Frauen bewunderte, die sich diesem „System“ entzogen, kann man öfter in seinen Romanen nachlesen, vor allem in „Der bunte Schleier“.

Eindeutig historisch sind ein paar Lesben, denen du Gastauftritte gibst: Patricia Highsmith, Natalie Barney und Romaine Brooks. Hatte Maugham lesbische Freundinnen?

Ja, vor allem Romaine Brooks gehörte seit seiner Jugend zu seinem engsten Freundeskreis und die Freundschaft hielt bis zu Maughams Tod. Soweit ich weiß, kam Natalie Barney nur in Begleitung ihrer Lebensgefährtin R. Brooks zu Besuch. Patricia Highsmith war eine junge Autorin, als Maugham ihr in Rom begegnet ist und dem berühmten Schriftsteller gegenüber angeblich sehr schüchtern; ich glaube nicht, dass man von einer Freundschaft sprechen kann.

In „Gestohlene Tage“ hast du mit erstaunlicher Leichtigkeit von einer schweren Zeit erzählt, von der energischen Suche nach Glück gegen alle Widerstände. In deinem neuen Buch ist es eher andersherum: Maugham lebt im Luxus, es geht ihm für sein Alter sehr gut und doch ist er missmutig. Ist Glücklichsein eine Charakterfrage?

Auf alle Fälle ist Glücklichsein eine Frage des Charakters. Maugham hatte seine Kindheit als entwurzeltes Waisenkind nie verwunden und er fühlte sich meist ungeliebt und einsam. Im Übrigen waren auch seine drei Brüder zeitlebens schwermütig, zum Teil sogar schwer depressiv. Ob dies auf die Genetik oder ihre gemeinsame Kindheit zurückzuführen ist, wird wohl ein Rätsel bleiben.

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„Eine große Freundschaft, die sich in Liebe verwandelt. Dieser Satz klingt friedlich und harmonisch, aber in Wirklichkeit war es ganz anders.“

Somerset Maughams Traum (© Größenwahn Verlag)

 

Heny Ruttkay
Somerset Maughams Traum
Roman
210 Seiten
Größenwahn Verlag
September 2017
21,90 € (E-Book 17,99 €)

 

 

 

Heny Ruttkay: Gestohlene Tage

 

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