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„Future Presidentess“ – Victoria Woodhull

2. Juli 2017
Victoria Woodhull, 1870 (public domain)

Victoria Woodhull, 1870 (public domain)

„Ich gebe hiermit bekannt, dass die Frauen der Vereinigten Staaten von Amerika ab sofort das Wahlrecht haben.“

Wer hätte es gewagt, diese Schlagzeile bereits im Jahr 1870 in einer US-Zeitung abzudrucken? Eine gewisse Victoria Woodhull postulierte in der mit ihrer Schwester gegründeten Zeitung „Woodhull and Claflin’s Weekly“ das Frauenwahlrecht ein halbes Jahrhundert zu früh. Und das war bei weitem nicht ihre einzige außergewöhnliche Tat. Der Präsidentschaftskandidatur von Hillary Clinton haben wir es wohl zu verdanken, dass eine höchst faszinierende Persönlichkeit der amerikanischen Geschichte auch hierzulande bekannter wird. Mit Vote for Victoria! hat Antje Schrupp im Ulrike Helmer Verlag eine kurzweilige Biografie über die erste US-Präsidenschaftskandidatin veröffentlicht. Doch der Reihe nach…

„Macht es wie ich, befragt die Geister.“

In einem Dorf in Ohio wird 1837 Victoria als siebtes von zehn Kindern der Familie Claflin geboren, die sich mit Wahrsagerei, Prostitution und Erpressung durchs Leben schlägt. Nicht nur ihre Armut macht die Claflins zu Außenseitern, sondern auch ihre Praxis des Spiritismus. Die Überzeugung, unter dem Schutz der Geister zu stehen, hat Victorias ganzen Leben geprägt. Ihre spirituelle Veranlagung ist zudem lange ihre wichtigste Einnahmequelle, denn nach dem Bürgerkrieg sehnen sich ihre Landsleute nach Kontakt zu den Verstorbenen. Schon mit fünfzehn Jahren heiratet Victoria zum ersten Mal, den Alkoholiker Woodhull. Dennoch kommt sie von ihrer Familie nicht los und reist weiter kreuz und quer durchs Land. Als Medium und Wunderheilerin hat Victoria unter ihren Kundinnen auch Sexarbeiterinnen, für deren Rechte und Ankennung sie sich früh einsetzt.

„Die betörenden Brokerinnen“

Mit ihrem zweiten Mann James Blood und ihrer jüngeren Schwester Tennessee geht Victoria nach New York, wo sie in einem Bordell den Multimillionär Cornelius Vanderbilt kennenlernt. Der Spiritismusanhänger lässt sich von ihr in Finanzfragen beraten. Diesen Einfluss nutzt sie, um beim „Black Friday“ 1869 durch Spekulationen riesige Gewinne zu erzielen, an denen Vanderbilt die Schwestern großzügig beteiligt. Kurzerhand gründen Victoria und Tennessee das erste von Frauen geführte Maklerbüro der Wall Street – mit dem sie auch explizit weibliche Kundschaft ansprechen. Als „Königinnen der Finanzwelt“ haben sie sowohl finanziellen Erfolg als auch in den Zeitungen.

„Ich vertrete die freie Liebe in ihrer höchsten, reinsten Bedeutung als die einige Heilung von der Unmoral …“

Ihrem neuen Status verdankt Victoria Kontakte zu bekannten Frauenrechtlerinnen. Deren bürgerliche Fraktion setzt sie radikalere Vorstellungen entgegen: Sie bekennt sich zum Sozialismus, zur Gleichstellung der schwarzen Bevölkerung und zu freier Liebe. Sie setzt sich für den Achtstundentag, Schwangerschaftsabbrüche und  Empfängnisverhütung ein. Auch beim Frauenwahlrecht hat sie eine unpopuläre Haltung: In erster Linie will sie erreichen, dass Frauen wirklich wählen wollen – dann würden sie das Recht dazu schon durchsetzen. Da sich weder Republikaner noch Demokraten für das Frauenwahlrecht  aussprechen, gründet Victoria Woodhull eine Partei und tritt als deren Präsidentschaftskandidatin an. Mit flammenden Reden und mit Artikeln in ihrer eigenen (oben erwähnten) Wochenzeitung erreicht sie eine wachsende Anhängerschaft. Der Höhepunkt des Wahlkampfs ist ihr Memorial vor dem Repräsentantenhaus, in dem sie argumentiert, dass es verfassungswidrig sei, Frauen das Wählen zu verbieten.

„Victoria C. Woodhull, Future Presidentess“

Diesen frechen Schriftzug trug ihre Autogrammkarte – doch natürlich hat ihre Kandidatur keine reelle Chance. Stattdessen sorgen Gegner, deren Doppelleben sie in ihrer Zeitung bloßstellt, dafür, dass Victoria und Tennessee mehrfach festgenommen werden. Die Abenteuer der Schwestern setzen sich danach in England fort: Tennessee heiratet dort später einen Adligen und Victoria einen jüngeren Bankier. Sie gründen eine Landwirtschaftsschule für Frauen, interessieren sich für Automobile und Luftfahrt und werben weiter für das Wahlrecht, bis es Amerikanerinnen 1920 endlich bekommen.

Die Journalistin Antje Schrupp, die euch sicher keine Unbekante ist, erzählt diese unglaubliche Lebensgeschichte mit viel Schwung und bissigen Pointen. Für manche erstaunliche Anekdote reicht ihr ein einziger Satz. Und sie macht klar: Auch aus heutiger Sicht ist Victoria Woodhull eine innovative Querdenkerin, die noch immer inspiriert. Inspiriert wurde auch Brie Larson, die, wie man hört, einen Film über die erste US-Präsidentschaftskanditatin koproduziert und auch gleich die Hauptrolle übernehmen will. Ich bin gespannt!

Antje Schrupp

Vote for Victoria! Das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin Victoria Woodhull (1838-1927)

Ulrike Helmer Verlag 2016, Taschenbuch, 139 Seiten, 12,95 Euro.

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