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Medienwechsel: Die Mitte der Welt

12. Mai 2017

Eines meiner allerliebsten Jugendbücher wurde verfilmt: Die Mitte der Welt. Sowas ist ja immer eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Einerseits ist das doch mal ein wirklich guter Filmstoff, eine unkonventionelle Comig-of-Age-Geschichte mit Figuren, die das Gegenteil von Abziehbildern sind. Andererseits kann ein Film unmöglich Andreas Steinhöfels liebevoll direkte Sprache und das Schwebende des Romans übertragen. Oder doch?

Heute erscheint der Film von Jakob M. Erwa fürs Homekino. Kinostart war bereits im Oktober, doch er passt viel besser zum Sommer, in dem das Herzstück der komplexen Geschichte spielt.

Bei “Die Mitte der Welt” gibt es dramatische Szenen, aber der Film will trotzdem eine gewisse Leichtigkeit vermitteln. Er soll den Zuschauer ein Stück weltoffener entlassen. – Louis Hofmann

Allen, denen der Roman seit 1998 entgangen ist, muss kurz erklärt werden, was das Besondere der Geschichte ist. Solch eine glückliche Regenbogenfamilie gab es in der (deutschen) Literatur bis dato nicht. Dass nicht alle Jungs „nur Mädchen im Kopf“ haben, setzte Steinhöfel einfach voraus und erspart uns den Coming-out-Plot. Seine Hauptfigur Phil (im Film Louis Hofmann) wächst in einer Familie auf, für die Anderssein so alltäglich ist, dass weder seine exzentrische BFF noch sein erster Freund Nicholas (Jannik Schümann) für Aufsehen sorgen. Phils amerikanische Mutter Glass (großartig gespielt von Sabine Timoteo) zog einst als schwangerer Teenager in ein heruntergekommenes Anwesen am Rande einer deutschen Kleinstadt. Ihre einfühlsame beste Freundin Thereza (Inka Friedrich) und deren herzlich-ruppige Frau Pascal (noch ein Filmhighlight: Nina Proll) geben Phil und seiner Zwillingsschwester familiären Halt. Dass Glass kein Wort über den Vater der beiden verliert, ist nicht das einzige Familiengeheimnis.

 

Bis heute müssen schwule Buchhelden nicht selten einer düsteren Vergangenheit entkommen (Das Ende von Eddy von Édouard Louis) oder einem tragischen Schicksal entgegensehen (Movie Star von Raziel Reid). Selbst der lebensfrohe Tschick (Wolfgang Herrndorf) landet im Jugendknast. Ganz anders verläuft das Schicksal von Phil, der aus seiner ersten Liebe selbstbewusst hervorgeht – in einem gleichzeitig offenen und happy Ending. Mit Rückblenden, kleinen Storys und magischen Elementen strickte Steinhöfel einen schillernden Roman, der zum Kultbuch wurde. Mit Defender. Geschichten aus der Mitte der Welt wurde 2001 sogar eine Fortsetzung in Erzählungen veröffentlicht.

Jakob M. Erwa gehört selbst zu den langjährigen Steinhöfel-Verehrern und hat nicht weniger als sechs Jahre am Drehbuch und seiner Umsetzung gearbeitet. Er schafft es, die Stimmung und die „Seele“ der fast 500-seitigen Vorlage nicht nur ins andere Medium, sondern auch ins Heute zu übersetzen. Allerlei filmische Spielereien lockern die dicht erzählten zwei Stunden auf. Für uns Booksnerds hat er geschickt kleine Anspielungen eingebaut, die ganze Handlungsstränge aufrufen. Dazu kommt ein herausragender Soundtrack, der Soap&Skin, Austra und Emika mit einem sanften Score verbindet. Alles in allem gelingt ihm ein Film, der langjährige Fans und Nachwuchs gleichermaßen glücklich hinterlässt – ohne den Eindruck zu vermitteln, es allen recht machen zu wollen. Und das Buch hat sicher auch ein paar neue Liebhaber*innen gefunden.

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt (1998). Carlsen Taschenbuch, 480 Seiten. 9,99 Euro.

Die Mitte der Welt (2016). Regie: Jakob M. Erwa. 110 Minuten. Seit 12. Mai 2017 auf DVD/Blu-ray/VoD. Website zum Film

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