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Unbequeme Wahrheiten: I Am Not Your Negro

19. April 2017

Gastautorin Lisa kennt sich gut aus mit James Baldwin. Für uns hat sie den Film über den Bürgerrechtler (und schwulen Romanschriftsteller) angeschaut, der aktuell im Kino läuft (Edition Salzgeber) und ab 25. April parallel auf arte gezeigt wird, und sich einige Gedanken über dessen Aktualität gemacht.

© Edition Salzgeber

 

Der haitische Filmemacher Raoul Peck hat mit dem Dokumentarfilm I Am Not Your Negro ein beeindruckendes Portrait des hier bislang kaum bekannten Schriftstellers und Bürgerrechtlers James Baldwin abgeliefert. Erstaunlicherweise wurde diese Leistung auch im Mainstream anerkannt und mit einer Oscarnominierung in der Kategorie Best Documentary Feature geehrt. Nach dem Aufruhr über #oscarssowhite bei den Academy Awards 2016 scheint Hollywood (zumindest kurzfristig) seine Lektion gelernt zu haben. Die erfreuliche Folge: Dieses Jahr gingen beeindruckende drei der fünf Nominierungen an Dokumentarfilme, die sich explizit mit Rassenkonflikten in der amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzen: I Am Not Your Negro, 13th und O.J.: Made in America (gewonnen hat letzterer).

I Am Not Your Negro hebt sich stilistisch vom „klassischen“ Dokumentarfilm ab, da er ohne Erzählerstimme funktioniert, die traditionell außerhalb der Geschichte steht und die Geschehnisse in einen Kontext einordnet. Stattdessen ist der Erzähler dieses Essays James Baldwin selbst (gelesen von Samuel L. Jackson). Raoul Peck gelingt es, Baldwins Wörtern Bilder zuzuordnen, die den Eindruck erwecken, Baldwin spräche tatsächlich unmittelbar zu den Bildern, die wir sehen. Die Folge ist, dass Baldwins persönlicher Stil in den Vordergrund tritt. So spricht Baldwin viel über seine Wut, seine Enttäuschung und die Machtlosigkeit und Ohnmacht, mit denen er den rassistisch motivierten Gewalttaten seiner weißen US-Mitbürger gegenübersteht. Sowohl die Brutalität, die das Leben schwarzer Amerikaner zur Zeiten der Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren bestimmt hat, als auch subtilere Formen des Rassismus werden im Zusammenspiel von Text und Bild deutlich.

Erschreckend ist dabei, dass ein unglaublich hoher Anteil des Bildmaterials keine Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren sind, sondern den aktuellen Protesten der 2013 aufgekommenen #BlackLivesMatter-Bewegung  entstammen. I Am Not Your Negro ist daher nicht nur eine Hommage an einen zu lange vergessenen, großen amerikanischen Schriftsteller, sondern auch eine Erinnerung daran, wie wenig sich an der Lebensrealität schwarzer Amerikaner in den letzten 70 (bis 300) Jahren geändert hat.

© Edition Salzgeber

 

Die Basis des Films ist ein unvollendetes Manuskript, in dem Baldwin versucht, die Ermordungen seiner drei Mitstreiter in der Bürgerrechtsbewegung, Medger Evers, Martin Luther King und Malcom X, zu verarbeiten. Für mich ist es eine bedeutungsschwere Tatsache, dass Baldwin zwar schon 1979 mit der Arbeit an Remember This House (der angedachte Titel der Memoire) begonnen hatte, es ihm aber trotzdem bis zu seinem Tod im Jahr 1987 nicht gelang es zu vollenden. Der Schmerz über den Verlust seiner drei Freunde prägt den Film. Baldwin ist nicht nur persönlich tief betroffen, sondern erkennt die politische Tragweite dieser Morde. Die Botschaft, die dadurch gesendet wird, und die Baldwin hervorragend in Worte fasst, ist:

If any white man in the world says, “give me liberty or give me death”, the entire white world applauds. When a black man says exactly the same thing, he is judged a criminal and treated like one, and everything possible is done to make an example of this bad nigger so there won’t be any more like him.

Wenig hat sich geändert, seit Baldwin diese Worte gesprochen hat. I Am Not Your Negro macht unter anderem deutlich, wie absolut und garantiert die gewalttätige Reaktion des weißen Establishments auf schwarze Forderungen nach Freiheit und Gleichberechtigung war und ist. Baldwin scheint der einzige Anführer der Civil Rights Bewegung zu sein, der so prominent im Rampenlicht stand und trotzdem eines natürlichen Todes starb. Bis heute sitzen beispielsweise Mitglieder der Black Panther Party als politische Gefangene in Haft.

© Edition Salzgeber

 

I Am Not Your Negro hüllt uns trotz all dieser Grausamkeit nicht absolut in Dunkelheit. Ein Glück, das wäre nicht nur furchtbar deprimierend, sondern auch monoton und damit langweilig. Stattdessen beleuchtet Peck kontinuierlich den grellen Gegensatz zwischen der funkelnden amerikanischen Popkulturwelt und den grausamen Bildern von prügelnden Polizisten und Panzern die durch Mengen schwarzer Protestanten donnern. So werden Szenen der tanzenden und singenden Doris Day Bilder gegenübergestellt, die gelynchte Körper an Bäumen der amerikanischen Südstaaten zeigen. Dieser Horror der Gleichzeitigkeit betont einzigartig die surreal überspitzte Grausamkeit amerikanischer race relations.

Baldwins Schreiben ist wütend und traurig, aber oft auch aufklärerisch. Er bezeichnet sich selbst als Zeugen, nicht als Akteur, sieht also seine Verantwortung darin, Geschehenes durch Schreiben und Vorträge bekannt zu machen: Tatsachen, die für Weiße hinter der schützenden Mauer ihrer Privilegien liegen. So schreibt er:

“White people are astounded by Birmingham. Black people are not.”

Der Luxus dieser selektiven Blindheit der weißen Bevölkerung gegenüber der anhaltenden systematischen Unterdrückung nicht-weißer Minderheiten – ein Luxus den wir uns in Deutschland immer noch viel zu freimütig gönnen – ist mit der Wahl Donald Trumps wieder in den Vordergrund gerückt. Ein weiterer Grund, wieso I Am Not Your Negro so zeitgemäß ist. Vier Tage nach Trumps Wahlsieg am 8. November 2016 erschien ein Sketch bei Saturday Night Life, in dem der überrumpelte Schock des weißen liberalen Amerika ob der Wahl Trumps der wissend-resignierten Haltung von Chris Rock und Dave Chappelle gegenübergestellt wird. SNL Cast-Mitglied Cecily Strong präsentiert den ironischen Höhepunkt des Sketches, als sie sagt: “Oh my god, I think America is racist“, woraufhin Chappelle trocken antwortet: “Oh my god, you know, I remember my great-great-grandfather told me something like that, but he was, like, a slave or something …”

 

Mehr also 50 Jahre sind vergangen zwischen den Protesten in Birmingham einerseits und den Protesten in Ferguson und Baltimore sowie der Wahl Donald Trumps andererseits, aber an der privilegierten Blindheit der weißen Mehrheit hat sich wenig bis nichts geändert.

I Am Not Your Negro ist ein beeindruckender, notwendiger Film. Er erhebt Anklage gegen den kontinuierlichen Anspruch auf moralische Überlegenheit; ein amerikanisches Phänomen, aber auch ein deutsches. Er macht den Preis sichtbar, den neben der nicht-weißen Minderheiten auch die weiße Mehrheit zahlt, um diesen Überlegenheitsanspruch aufrecht zu erhalten. Der Unterschied ist: Für Baldwin, seine Mitstreiter und die Demonstranten der Back Lives Matter-Bewegung geht es um Leben und Tod – und nicht nur um die Konfrontation mit unbequemen Wahrheiten. Auch in Deutschland ist es dringend an der Zeit diese Konfrontation anzugehen.

 

Wer bei all dem eindringlichen Antirassismus doch etwas Baldwins andere, offen nicht-heterosexuelle Seite vermisst hat, dem rät Sascha Westphal (SissyMag) genauer hinzusehen und entgegen der Blickweise des Regisseurs selbst den queeren Baldwin zu entdecken!

 

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Weiterschauen

13th (2016), Regie: Ava Duvernay, unter anderem bei Netflix

 

Lovely Saturday – Audre Lorde

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