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Teeniefreundschaft plus: Vier Kinofilme

31. März 2017

Paula zitiert Proust © Salzgeber

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Diesen Monat laufen gleich mehrere Filme im Kino, die das beliebte Coming-of-Age-Genre mit queeren Liebesgeschichten verbinden. Typische Coming-out-Storys sind es dennoch nicht: Eltern und Mitschüler*innen sind zum Glück nicht mehr die Gegner; meist reagiert das Umfeld unaufgeregt. Eher erzählen die Filme von einer Suche nach den richtigen Worten und Gesten, von Freundschaft mit intimen Momenten, vom Traum einer Liebe ohne Geschlechtergrenzen. Ich entführe euch jetzt auf eine kleine Weltreise: von Österreich über Frankreich nach Brasilien und Argentinien. Beginnen wir bei den Mädchen:

Siebzehn

Wer in der niederösterreichischen Provinz aufzuwächst, leidet mitunter an Perspektivlosigkeit. Damit ist Paula nicht allein. Allein ist sie, wenn sie sich um ihren psychisch kranken Vater kümmert, mit ihrer egozentrischen Schwester streitet, aufdringliche Typen wie ihren verklemten Französischlehrer abwehrt – oder von ihrer Banknachbarin Charlotte träumt. Diese hadert mit der Beziehung zu ihrem Freund, während Paula verspielte Signale von Lilli und ernsthaftere von Tim bekommt. Paulas beste Freundin schwärmt heimlich für jemanden, der eigentlich ihre Gefühle erwidert. Emotional aufgeladen verbringt die Internatsklasse die ersten Sommerwochen, bis es am letzten Schultag heftig knallt.

Für ihr Spielfilmdebüt engagierte die Filmemacherin Monja Art junge Nachwuchsdarsteller*innen, unter denen die Hauptdarstellerin Elisabeth Wabitzsch heraussticht. Bei ihr braucht es keine Hilfsmittel wie Traumsequenzen, um das dramatische Auf und Ab zu inszenieren. Monja Art hat all die Peinlichkeiten des Fast-Erwachsenseins, die unausgesprochenen Lieben und Kriege (auch gegen sich selbst) eingefangen – ohne alle Fäden zusammen zu führen oder gar mit einem versöhnlichen Ende zu trösten.

Siebzehn (Edition Salzgeber) läuft im April in der Queerfilmnacht, ab 27.4. dann regulär im Kino.

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Mit Siebzehn (Quand on a 17 ans)

Wieder Provinz, diesmal die französischen Berge, malerisch durch alle Jahreszeiten gefilmt. André Techinés neuer Film, auf der Berlinale letztes Jahr uraufgeführt, hat es nun in unsere Kinos geschafft. Zur typischen Techiné-Stimmung kommt dank Ko-Autorin Céline Sciamma (Tomboy, Water Lillies, Bande de Filles) eine queere Story, die sich allerdings ganz langsam entfaltet. Zunächst geht es zwischen Damien und Thomas feindselig zu, die beiden sind offenbar grundverschieden. Dann entscheidet Damiens Mutter (Sandrine Kiberlain), eine Ärztin, Thomas vorübergehend bei sich aufzunehmen. Seine schwangere Mutter, ihre Patientin, soll entlastet werden und Thomas sich auf das Abitur vorbereiten, statt den Bauernhof zu bewirtschaften.

Während Thomas als Adoptivsohn sogar zuhause nicht ganz dazugehört, zeigt Damien in den eigenen vier Wänden wie wohl er sich in seiner Haut fühlt. Durch kleine Hinweise wie die Poster überm Bett, wird dem Publikum klar, dass er längst offen schwul ist. Er beginnt dem Gast offene Avancen zu machen, die Thomas erst abwehrt. Zudem ist da eine Anziehung zwischen ihm und Damiens Mutter. Dann entlädt sich die Spannung in heftige Prügeleien und schließlich entsteht doch noch eine große Nähe zwischen den beiden Jungs.

Mit Siebzehn (Koolfilm) läuft seit 16. März im Kino.

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Seashore (Beira-Mar)

Nicht nur der europäischen Jugend ist die Unterscheidung zwischen Hetero und Homo ziemlich gleichgültig geworden. Geblieben ist die Hemmung, über Gefühle zu sprechen und dem Begehren nachzugehen. Das brasilianische Freundespaar im Film von Filipe Matzembacher und Marcio Reolon könnte scheinbar vertrauter kaum sein. Tomaz lässt fraglos eine Familienhochzeit sausen, um Martin beim Klären seiner Familienangelegenheiten zu unterstützen. Zusammen fahren sie zur winterlichen Südküste des Landes. Hier treffen sie Martins Verwandte und laden Freunde ins Haus seines Vaters ein. Die meiste Zeit tun sie typische Teenie-Dinge: Video Games und Partyspiele, Saufen und (Beinahe-)Sex.

In die langjährige Vertrautheit haben sich Geheimnisse eingeschlichen. Warum hat Martin Angst vorm vor der Tür liegenden Strand? Mit wem telefoniert Tomaz heimlich? („Er ist nicht mein Boyfriend!“) Warum ist er wirklich mitgefahren? Die Sehnsucht der beiden zueinander materialisiert sich langsam. Allmählich verlässt der Film die eher beobachtende Haltung und zeigt eine Nähe, die man den beiden Darstellern in jeder Minute glaubt.

Seashore (Pro-Fun Media) ist jetzt am 30. März gestartet. Die DVD folgt am 14. April.

 

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Esteros

Die Protagonist*innen der oben besprochenen Filme würden bei der Aussage ungläubig gucken, und doch haben sie eine Wahlfreiheit, von der schon die vorangegangene Generation nur träumen konnte. Die Geschichte von Tomaz und Martin aus Seashore hätte ihre sein können: Matías und Jeronimo entwickeln in argentinischen Esteros, der titelgebenden Region aus Papu Curottos Debütfilm, schon als Kinder eine innige Freundschaft. Die Reaktionen darauf sind ambivalent. Jeronimos Mutter fotografiert die Jungs in jedem vertrauten Moment. Matías‘ Vater zeigt offen sein Missfallen, worauf der Sohn immer wieder auf Distanz geht. Schließlich zieht Matías Familie nach Brasilien.

Der Film setzt ein, als Matías zehn Jahre später mit seiner Freundin in die Heimat zu Besuch kommt, wo Jeronimo als schwuler Künstler lebt. Gemeinsam besuchen die beiden das Haus in Esteros und die Erinnerungen an die Kindheit. Auf zwei Zeitebenen umkreist der Film die Was-wäre-wenn-Frage. Vor einer bildschön gefilmten Landschaft erzählt er von zu früh entdeckter Liebe und einem späten Happyend.

Der Filmstart von Esteros (Pro-Fun Media) ist nächste Woche, am 06. April. Am Montag zeigt ihn das Berliner International in der Mongay-Reihe.

 

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