Filme Kultur

Feministisch-Queeres auf der 67. Berlinale

9. Februar 2017

Es gibt ja kaum ein Jahr, in dem nicht irgendein Medium die „Berlinale der starken Frauen“ ausruft, mal wegen einer Jurypräsidentin wie Meryl Streep, mal wegen ein paar weiblicher Hauptfiguren im Wettbewerb. Tatsächlich wird mit solches Slogans darüber hinweg getäuscht, in welchen Sparten die Frauen fehlen oder unsichtbar sind. Im Wettbewerb finden sich dieses Jahr fünf Filme (aus 24) von Regisseurinnen. Das ist nicht viel, gleichzeitig eine echte Steigerung nach den zwei vertretenen Frauen 2016 und ein Vorsprung vor anderen A-Festivals wie Cannes. Dafür, dass sich hier bald mal mehr tut, wurde die Aktion Pro Quote Regie ins Leben gerufen.

Tiger Girl © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

 

Eine Chance auf den Goldenen Bären hat zum einen Sally Potters Film The Party, der neben einer Starriege (inkl. der lesbischen Cherry Jones) auch ein Frauenpaar zu bieten hat:

Colo von der Portugisin Teresa Villaverde erzählt ein Familiendrama in Zeiten der Wirtschaftskrise. Agnieszka Holland folgt in Pokot einer pensionierten Ingenieurin in den Wald, wo diese ein exzentrisches Leben führt. Der Film wird als feministisches Öko-Krimi-Märchen angekündigt. Schon der Trailer ist auch ohne Polnischkenntnisse hochspannend. Auch die Ungarin Ildikó Enyedi zieht es in den Wald für ihren Liebesfilm Testről és lélekről  (Trailer im Original und Filmlöwin-Kritik), während Gurinder Chadha in Viceroy’s House auf politische Spannung setzt: Gillian Andersen plagt als britische Lady im Indien am Ende der Kolonialzeit das Gewissen, während dem Empire der Kampf angesagt wird.

Berlin hat traditionell viele LGBT-Filme in allen Sektionen, die Chance auf den 31. (!) Teddy-Award haben und auf dessen Website, im Blog und im eigenen Programmheft (pdf) aufgelistet sind. Der Ehrenteddy geht wohlverdient an die Filmemacherin Monika Treut für ihr Werk von Die Jungfrauenmaschine bis Von Mädchen und Pferden.

Ein weiterer Wettbewerbsfilm, der unbedingt erwähnt werden muss, ist das chilenische Drama Una mujer fantástica, in dem die Hauptfigur nicht nur wegen ihrer Trans-Identität in eine bedrohliche Krise gerät.

Im Panorama laufen wieder erfreulich viele spannende queere Filme. Fans von Dokumentationen sei zum einen besonders das Porträt der lesbischen Sängerin Chavela Vargas ans Herz gelegt …

 

…. zum anderen I Am Not Your Negro über den legendären schwulen Autor und Aktivisten James Baldwin. Dessen Regisseur Raoul Peck hat zur Berlinale auch einen Spielfilm über den jungen Karl Marx mitgebracht.

 

Einen Genuss für Herz und Augen verspricht die Romanverfilmung Call Me By Your Name, in der Luca Guadagnino (A Bigger Splash) eine Coming-Out-Geschichte an der italienischen Riviera der 80er inszeniert. Die wunderbare Vorlage von André Acimen erschien hierzulande als Ruf mich bei deinem Namen.

© Sony Pictures Classics

Wie sich zwei Männer in weniger sonnigen Gefilden annähern, zeigt das Regiedebüt God’s Own Country von Francis Lee. Er wuchs selbst im ländlichen Yorshire auf, bevor er den Bauernhof zugunsten der Schauspielschule verließ. Seine Protagonisten werden ihr Farmglück versuchen, aber zunächst müssen sie sich ihren eigenen Emotionen öffnen.

https://www.youtube.com/watch?v=5dQmFg7p6yg

Sexuelle Selbstfindung thematisiert selbstverständlich auch die Jugendfilmsektion 14+. Hier zeigt Bruce McDonald (The Tracy Fragments) das süße Retro-Road-Movie Weirdos, das er selbst so ankündigt:

Ebenfalls in der Reihe 14+ läuft Trudie Stylers Freak Show über einen Cross-Dresser, der seiner konservativen Highschool zum Trotz Homecoming Queen werden will, unterstützt von Abigail Breslin und Laverne Cox.

© Maven Pictures

 

Noch viel freakiger dürften die neuen Filme von Bruce LaBruce sein. In The Misandrists bereiten radikal-feministische Lesben die Revolution vor. Vom titelgebenden Männerhass über Kritik an Transphobie bis zu lesbischen Orgien hat LaBruce an nichts gespart. Als Twist hat er den Plot im Jahr 1999 angelegt. Susanne Sachse, die LaBruce zuletzt als crossdressenden Pierrot Lunaire inzsenierte, mimt hier die herrische Vorsteherin des Feminist*innenklosters. Die beiden zeigen auf der aktuellen Berlinale außerdem die RAF-Monster-Farce Ulrike’s Brain.

 

Jetzt endlich zum Titelmotiv dieses Artikels: In Tiger Girl räumt Jakob Lass (Love Steaks) mit sämtlichen Mädchenklischees auf. Seine Hauptdarstellerinnen Ella Rumpf und Maria Drăguș, die am improvisierten Script mitgewirkt haben, wehren sich gegen dumme Anmachen. Bald stellen sie fest, wie viel Macht sie wirklich haben. Hier wird klar, dass man vor „starken Frauen“ auch Angst haben darf.

 

Zuletzt noch was Feines für die Ästhet*innen unter euch:

Eine Hommage widmet sich der Kostümbilderin Milena Canonero, die für ihr Werk den Ehrenbären erhält. Die Italienerin hat für so unterschiedliche Regisseure wie Stanley Kubrik ( u.a. bei Clockwork Orange, Barry Lyndon, The Shining), Sydney Pollack (Out of Africa) oder Wes Anderson (The Life Aquatic With Steve Zissou, The Grand Budapest Hotel) gearbeitet. Gleich dreimal erhielt sie einen Oscar, zuletzt für Sofia Coppolas bonbonfarbenes Konstümdrama Marie Antoinette (Bild unten). Die Berlinale zeigt zehn ihrer Filme.

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