Bücher

Bücher für den langen Winter

29. Januar 2017

Immer noch Winter und lange, kalte Abende, das heißt, viel Zeit zum Lesen. Während die Verlage schon mit ihren Frühjahrsprogrammen in den Startlöchern stehen, will ich daher schnell – ergänzend zu meinen Sommerbüchern von Antje Strubel, Christa Winsloe & Antje Wagner – noch ein paar meiner liebsten Neuerscheinungen 2016 vorstellen: ein Sachbuch, ein Jugendbuch, einen romantischer Krimi und eine Autobiografie.

 

Alles andere als ein Geheimtipp darf Margarete Stokowskis amüsante Kampfschrift auf keinen Fall fehlen. Ein freundlicher Reminder für alle, die Untenrum frei (Rowohl, 19,95 €) noch nicht gelesen haben, sei dieses typische Zitat der Frau, die sogar mich auf SPON klicken lässt:

Ich habe vor Jahren einen Motorsägenschein gemacht, weil wir in unserem Haus in Brandenburg Brennholz brauchten … letztlich kommt meine Faszination für Feminismus, Whisky und Bäumefällen aus derselben Ecke: da ist etwas jahrzehntelang gewachsen oder gereift, und dann kommen wir und fällen es oder trinken es aus, weil wir es warm haben wollen … Zeiten ändern sich und es ist möglich das alte zu Fall zu bringen.

Mit diesem typischen Humor und historischen Bezügen belegt Stokowski, wofür weiterhin feministisch gekämpft werden muss. Zwischen dicken Pappdeckeln, auf 250 Seiten, wird das „Untenrum“, spricht Sexualität und Körper, an das „Obenrum“, Rollenbilder, Normen und Mythen, gekoppelt – und aufgezeigt, wie man beides ändern kann. Egal, ob sie das Übel der Frauenzeitschriften und -ratgeber, lächerlichen Sexualkundeunterricht oder monogame Zwangsheterosexualität entlarvt, die Pointen treffen ins Schwarze. Außerdem erzählt sie erstaunlich offen ihre eigene Comig-of-Age-Geschichte in oft schmerzhaften Erlebnissen. In vielen Kapiteln konnte ich mich wiederfinden – und gleichzeitig auf neue Generationen freuen, die mit solchen Büchern und Kolumnist_innen aufwachsen dürfen.
Indem wir öffentlich sprechen, machen wir uns nicht zu Opfern. Im Gegenteil: Wir ent-opfern uns.

 

Gegen eine grausame Welt kämpfen andere mit den Mitteln des Romans, des Jugendromans im Fall des kanadischen Shootingstars Raziel Reid. Aus dem wahren Fall eines Hassmords entwickelte er mit When Everything Feels Like the Movies (deutsch: Movie Star, Albino, 19,99 €) die Geschichte eines queeren Schülers, der seine Ausgrenzung in Stolz umkehrt. Die feindliche Schulumgebung wird für ihn zum Laufsteg, zum Filmset, auf dem er der glitzernde Star ist und um die Liebe eines Jungen kämpft – wobei er die Gefahren der wahren Welt aus den Augen verliert.

Weil Reids eindrucksvoller Roman als bestes Jugendbuch ausgezeichnet wurde, entstand in Kanada eine Kontroverse um seine Darstellung von Teenie-Umgangsweisen, sprich Sex, Drogen, expliziter Sprache, wobei die Hauptfiguren gerade einmal 14-15 Jahre alt sind. Andere kritisieren, dass die egozentrischen Figuren kein Identifikationspotential böten. Raziel Reid nimmt auf solche Haltungen keine Rücksicht; ihm liegt einzig und allein daran, den heutigen Teenies möglichst nahe zu kommen, ihrer Weltsicht gerecht zu werden. Diese mag mitunter schockieren, sie ist aber auch lebendig, witzig, mitreißend, schillernd.

Go ahead, blame the victim! The villain is my favourite role to play.

 

Sarah Waters ist nicht nur als Autorin krimihaft spannender Liebesromane berühmt, sie behandelt immer auch das Spiel der Identitäten und die Suche nach dem wahrhaftigen Leben. In ihrem neusten Roman The Paying Guests (deutsch: Fremde Gäste, Lübbe, 22 €) finden zwei Frauen erst nach langer Zeit zu einem glücklichen, unabhängigen Leben – nach dramatischen Verstrickungen.

The rest of us become narrow and mean when we live falsely. I’m sick to death of living falsely. I’ve been doing it for years.

Im London der frühen Zwanzigerjahre zieht das junge Ehepaar Lilian und Leonard in das verstaubte Anwesen der „altjüngferlichen“ Francis und ihrer verwitweten Mutter. Francis Alltag geht ganz in der Haushaltsführung auf – seitenweise wird die Monotonie des Putzens geschildert – bis sie die erotische Faszination für die junge Untermieterin zunehmend aus dem Rhythmus bringt. Sie lässt sich auf eine verwirrende Freundschaft mit dem partyfreudigen Paar ein und ihre verdrängten Wünsche wieder zu.

Langsam entfaltet sich eine thrillerhafte Spannung. Wie in ihren früheren Schmökern, zum Beispiel Tipping the Velvet und Fingersmith, spielt Waters gekonnt mit Perspektivwechseln, so dass oft nicht klar ist, wer was im Schilde führt. Dabei suchen alle nach dem richtigen Leben im falschen.

[Frances] said, ‚It’s real, isn’t it?‘ Lilian answered after a pause, with a bowed head, in a murmur. ‚Yes, it’s real. It’s the only real thing.‘

Hier die Rezensionen zu den beiden Waters-Klassikern Tipping the Velvet und Fingersmith.

ml


Fast an mir vorbeigegangen wäre die Biografie von Viv Albertine (deutsch: Typical Girl, Suhrkamp 18 €). The Slits kannte ich zwar als frühe Frauenband und vor allem durch das herrlich sarkastische Typical Girls. Über die Bedeutung der Band in der Punkgeschichte und die Laufbahn der tonangebenden Musikerin wusste ich fast nichts. Nach diesem mitreißenden Buch ist mir nun klar, dass die Ursprünge des Punk zu einem enormen Teil weiblich waren. Viv Albertine spielte mit Sid Vicious, bevor er zu den Sex Pistols ging. Sie gehörte zum engen Umfeld von The Clash, mit denen The Slits durchaus auf Augenhöhe starteten. Diese Ur-Geschichte des Punk zeichnet ein plastisches Bild vom Underground-London der 70er.

Umso größer ist der Kontrast zu Albertines weiterer Lebensgeschichte, die sie ebenso offen und pointiert erzählt. Von Ehe, quälendem Kinderwunsch, gesundheitlichen Tiefpunkten und beruflichem Wandel (als Filmstudentin, Regisseurin, Solomusikerin) erzählt sie wie von Abenteuern. Nebenbei lässt Albertine einige feministische Bonmots fallen – in bestem Punk-Vokabular natürlich.

Having periods changed my personality: resentful and angry inside, I felt cheated and knew to the core of my being that life was unfair and boys had it easier than girls. A burning ball of anger and rebelliousness started to grow within me.

Weil seit der Fertigstellung ihrer Memoire schon wieder so viel passiert ist, hat Viv Albertine bereits ein zweites Buch angekündigt!

Zu guter Letzt betone ich gern immer wieder: Lest Kate Tempest!

Swing both ways: Kate Tempests Wortkunst

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