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Yuri on Ice: Charlys Serienhighlight des Jahres

22. Dezember 2016

2016 war ein Jahr, in dem uns queere Charaktere im Fernsehen links und rechts wie die Fliegen weggestorben sind, in dem die politische Weltlage und das Nachrichtenlesen uns an manchen Tagen direkt beim Frühstückstee den Magen umgedreht hat. Wenn man also ad hoc sagen sollte, welche Serie oder welcher Film ein durchweg warmes und schönes Gefühl vermittelt hat, kommen vermutlich viele erstmal ins Stocken.
Genauso ging es mir, bevor ich vor einer Woche auf das Drängen etlicher internationaler Onlinefreund_innen endlich klein beigab und mich seit langem wieder einem Anime widmete: Yuri on Ice.

Nach einer Episode war ich begeistert, nach drei Episoden war ich tief im Binging-Dschungel verschollen und gab mich willentlich der ca. 20.000 verschiedenen Emotionen hin, die in den 20-minütigen Folgen ständig wechseln. Dass ich als Teenager ein riesiger Eiskunstlauf-Fan war und ein Großteil der Serie passenderweise zur Weihnachstzeit spielt, kommt noch als Bonus dazu.

Yuri on Ice wird vom 23-jährigen Yuri Katsuki erzählt. Nachdem er beim Grand Prix des Eiskunstlaufs auf dem letzten Platz gelandet ist, kehrt er geknickt und außer Form in seine Heimat im südlichen Japan zurück. Die kleine Stadt jedoch empfängt Yuri mit offenen Armen. Poster von ihm zieren die Straßen. Yuri verkriecht sich allerdings im Onsen seiner Familie im alten Jugendzimmer – bis er eines Abends eine alte Freundin bittet, ihm beim Eiskunstlaufen zuzusehen. Für sie läuft er jene Kür, die Viktor Nikiforov, Eislaufstar und Yuris großer Jugendschwarm, jüngst zur fünften Goldmedaille verhalf. Die drei Töchter seiner Freundin zeichnen diese Performance auf und stellen sie natürlich auf Youtube. Es dauert nicht lange, bis Viktor auf das schnell Views gewinnende Video aufmerksam wird. Zur Überraschung aller hängt er seine eigene Karriere an den Nagel und reist nach Japan, um Yuris Trainer zu werden.

Was sich von hier an entfaltet, ist (ohne groß zu spoilern) eine der schönsten, „fluffigsten“ Liebesgeschichten, die ich seit langem gesehen habe. Nicht nur zwischen Yuri und Viktor entfaltete sich eine positive Geschichte, auch die anderen Figuren lernen im Laufe der Serie, was Liebe für sie bedeutet und auf welche Weise sie diese empfinden können. Da wäre zum Beispiel der erst 15-jährige russische Yuri, später Yurio, der zuerst an Victors Rockzipfel hängend, später in der Serie seinen fulminanten Durchbruch in der Seniorenliga des Eiskunstlauf feiern kann.


Neben der Liebe ist ein großes Thema, wie man mit großem Druck und Angstzuständen umgeht. So hat Yuri am Anfang nur den letzten Platz erreicht – allerdings ist den meisten Zuschauer_innen zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass es sich bei diesem Wettbewerb um einen der bedeutendsten der Eiskunstlaufwelt handelt. Yuri ist nicht, wie er die Zuschauer zu Anfang glauben lässt, ein Underdog oder Versager – er ist einer der besten Eiskunstläufer der Welt.

Wenn es also einen „Bösewicht“ in Yuri on Ice gibt, dann ist das die Angst vor dem eigenen Versagen – etwas womit wir alle uns identifizieren können. Diese Angst verliert Yuri nie völlig, allerdings lernt er dank seiner Liebe zu Viktor und der durch ihn neuentdeckten Liebe zum Eiskunstlauf damit umzugehen.

Nicht nur online hat Yuri on Ice schnell begeisterte Fans gewonnen. Das liegt auch daran, dass für die Choreographie Kenji Miyamoto veratwortlich war, der unter anderem in der Vergangenheit mit Yuzuru Hanyo zusammen gearbeitet hatte, welcher selbst olympisches Gold gewann. Das Resultat macht nicht nur die Kurzprogramme und Küren besonders authentisch, man kann sogar bei jedem Läufer einen eigenen Stil erkennen. Auch deswegen sind viele bekannte, richtige Eiskunstläufer_innen große Fans der Serie. Die russische Eiskunstläuferin Evgenie Medvedeva, Welt-/Europameisterin von 2016, cosplayte sogar Yuri und twitterte ein Bild.

Die herzerwärmende Beziehung zwischen Viktor und Yuri, aka Victuuri, zog mich zuerst in seinen Bann. Die unglaublich schön animierten Eiskunstlaufszenen sowie die charakterliche Entwicklung der Figuren lassen mich die Folgen immer wieder gucken. Wie schön, sich zur Abwechslung in der Serien-Filmen-Welt einfach mal gut zu fühlen.

Was lediglich bitter aufstößt, ist das Fat-Shaming, das Yuri in den ersten Episoden erfahren muss. Zwar ist es nicht überraschend, dass ein professioneller Eiskunstläufer idealerweise kein Gramm Fett am Körper haben sollte. Als potentieller Trigger für die Zuschauenden hätte es aber besser gehandhabt werden können.

Werden viele diesen Anime (zuerst) als zu kitschig finden? Bestimmt. Allein schon, weil die meisten von uns inzwischen daran gewöhnt sind, sofort mit dem drohenden Tod einer queeren Figur zu rechnen, sobald sie auftaucht. Selbst bis zur vorletzten Folge der Staffel war ich so darauf getrimmt, dass queeren Figuren und ihren Zuschauer_innen einfach nichts Gutes passiert, dass ich immer noch heimlich mit einem „Ha, es war nur alles platonisch!“-Plottwist gerechnet habe. Aber glaubt mir: Dem ist nicht der Fall. So wirklich, wirklich, wirklich gar nicht.

Yuri on Ice beweist zwei Dinge: Es muss nicht immer furchtbar düster sein, wenn Themen wie Anxiety behandelt werden. Und es braucht keine traurige Storyline über Homophobie oder den plötzlichen Tod einer Figur, um die Story einer gleichgeschlechtlichen Liebe zu erzählen.

Für mich ist Yuri on Ice definitiv das unerwartete Serienhighlight am Ende eines katastrophalen Jahres. Es kann vielleicht nicht alles wieder besser machen. Aber es ist definitiv ein Pflaster auf meiner queeren Seele, die das so dringend benötigt hat. Besonders deswegen, weil ich in den letzten Minuten des Staffelfinales so viel und so glücklich geweint habe wie noch nie bei irgend einer Serie.

https://www.youtube.com/watch?v=-Onv0V1UIps

 

Die erste Folge von Yuri on Ice kann ohne Werbung und in HD umsonst auf der Anime-Site Crunchyroll gestreamed werden, alle anderen sind dann mit Werbung unterbrochen. Wer auf HD und werbefreies Bingen nicht verzichten möchte, kann das direkt für ca. 5 Euro im Monat tun oder erst einmal 14 Tage ein Premiumabo testen.

1 Kommentar

  • Reply Lucy 4. Januar 2017 at 11:14

    Nette Review, aber Kenji Miyamoto’s Arbeit mit Hanyu hat rein gar nichts mit Yuri! on Ice zu tun! Und Hanyu’s Olympia-Sieg in Sochi steht ebenfalls in keinster in Verbindung mit Miyamoto. (Keine Ahnung, ob der Artikel hier tatsächlich einen Zusammenhang herzustellen versucht. Meiner Meinung nach klingt es so.) Erwähnenswert wäre Miyamoto’s Zusammenarbeit mit seinem Musterschüler Daisuke Takahashi gewesen, dessen Stil Yuri’s Präsentation sehr offensichtlich zu Grunde liegt.

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