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Medienwechsel: Never Goodnight / We Are the Best!

10. Oktober 2016

„Das ist Punk, Mann. Lass dir die Haare schneiden!“, lautet eine von mir gern zitierte Liedzeile (Knarf Rellöm: Autobiografie einer Heizung). Es könnte das Motto der drei Mädels aus dem Comicroman Never Goodnight sein. Als die 13-jährige Coco dank ihrer älteren Schwester zum ersten Mal The Clashs London Calling hört, ist für sie und ihre beiden besten Freundinnen (wiederum Schwestern) sofort klar: Erst kommen die Haare ab und Farbe drauf. Dann wird eine Band gegründet.

Clash

Dass die drei noch nie Instrumente in der Hand hatten, ist kein Hindernis – schließlich gehts um Punk. Die Reaktionen der anderen schon eher. Ständig werden sie als Girl Band bezeichnet oder als hässlich beschimpft. Trotzig treten sie mit ihrem ersten Song bei einem Weihnachtskonzert auf und treffen sich mit der einzigen Stockholmer (Jungs-)Punkband. Auf die ist genauso wenig Verlass wie auf Jungs im Allgemeinen oder die ach so liberalen Eltern. Was wirklich zählt, ist die Mädchenfreundschaft. Als die Mädels nach einer Party nebeneinander einschlafen, beschließen sie, immer zusammen zu halten und nie „Gute Nacht“ zu sagen.

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Die schwedische Autorin Coco Moodyson verarbeitet in ihrer kleinen Graphic Novel viel Autobiografisches. Never Goodnight erzählt von ihren eigenen ganz frühen Punkjahren (Bild ganz oben). Schließlich gab es lange vor Riot Grrrl Frauen und Mädchen im Punk. Viel Beachtung wurde ihnen nicht immer geschenkt. So muss selbst Viv Albertine sich mittels Memoir ihren legitimen Platz in der großen Punkgeschichte sichern. Moodysson erzählt allerdings eine viel kleinere Geschichte, eher Anekdoten, die alle sehr persönlich sind. Auch ihr Comic-Stil passt zur Punk-Story: grobe Striche, schwarze Flächen und trotzdem niedlich.

Der Comic ist mittlerweile aus dem Schwedischen ins Englische übersetzt, was wir wohl Cocos Ehemann Lukas Moodysson zu verdanken haben. Der Regisseur – euch allen seit Fucking Åmål bekannt – hat sich nämlich von der Geschichte zum Jugendfilm We Are the Best! inspirieren lassen und damit einen Indie-Hit gelandet.

This is Punk! Get out!!

Wo es im Comic an Farbe fehlt, ist es im Film dafür umso bunter. Auch die Story ist von kleinen Freundschaftepisoden auf eine richtigen Bandgeschichte angewachsen. Zwar wurden die starken Schwesterpaare gestrichen, dafür kommt nun ein musikalisches Wunderkind dazu, das (erstmal) seine langen Hippiehaare behalten darf. Dabei sorgt die neue Freundin auf allen Seiten umso mehr für Überraschungen.

Anders als in der Vorlage kommt hier schnell die Einsicht, dass auch Punks musikalisches Talent und Knowhow nicht schadet, sondern gerade empowernd sein kann. So ganz kann der Film die Erwachsenenperspektive nicht vermeiden, sogar ein bisschen lehrsam wird es. Normen, Ästhetik und Stereotypen wird gleichzeitig der Kampf angesagt – schon beim Zuschauen ein großer Spaß. Der Sountrack bietet darüberhinaus einen Ausflug in den schwedischen Punk der frühen 80er. Derweil entwickeln die kleinen Heldinnen zusammen ein herrliches Selbstbewusstsein und behalten das letzte Wort.

Buch und Film sind bisher nur als Import erhältlich:
Coco Moodysson: Never Goodnight. (The Friday Project/Harper Collins 2015) 252 Seiten, Broschur.
We are the Best! (Vi är bäst!, 2013) Regie: Lukas Moodysson, mit: Mira Barkhammar, Mira Grosin, Liv LeMoyne, 102 min, DVD/Blu-ray (auch in Indie-Videotheken wie b-ware).

 

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