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Swing both ways: Kate Tempests Wortkunst

1. August 2016

Ich habe meine allererste Rap-CD gekauft. Allerdings erst, nachdem mich Kate Tempests Roman the bricks that built the houses (deutsch: Worauf du dich verlassen kannst) und der Gedichtband Hold your own so gründlich vom Hocker geholt haben, dass ich einfach zu neugierig wurde. Nun bin ich zwar keine neugeborene Hip-Hop- oder Rap-Enthusiastin, aber unbedingt ein Anhängerin Kate Tempests geworden.

978-3-499-26989-9

Genau genommen erzählt sie immer wieder die gleichen Geschichten und tut dies mal rappend und mal dichtend. Egal ob als Musik, im Theater oder gedruckt und zu Büchern gebunden sind, es geht immer um die Worte.

“Sometimes I say I’m a writer, and I write different things: music, poetry, plays, fiction. The commonality between it all is the words.” – Evening Standard, 31. März 2016

Ihr erster Roman ist dann auch in groben Zügen die Geschichte, die sie auf ihrer CD Everybody Down erzählt, allerdings bekommen ihre Figuren Becky, Harry und Leon mehr Tiefe und die Geschichte mehr Handlung. Besonders auffällig ist dabei, dass Harry im Roman nun eine Frau ist. Eine „jungenhafte“, lesbische Frau, die sich nie ganz sicher ist, ob ein anderes Mädchen sie anflirtet oder nur freundlich ist. Schon in Hold your own hat sie den Mythos um Teiresias, dem Propheten, der sein Leben sowohl als Mann als auch als Frau gelebt hat, neu aufgelegt.

Zurück zum Roman: Harry und Leon sind Freunde seit eh und jeh und vertrauen sich mit ihrem Leben. Zusammen dealen sie mit Drogen und verkaufen vor allem an die Gutbetuchten, aber sobald sie eine Million Pfund zusammen haben, sind sie raus aus dem Geschäft. Die beiden möchten in diesem sich ständig verändernden London einen Ort schaffen, der ihr eigener wird, unabhängig von Trends und Geld. Ein Café, eine Bar, eine Art Treffpunkt. London überhaupt ist eine der wichtigsten „Figuren“ im Buch.

“Without London, what’s the dream?”

Becky ist Tänzerin, allerdings nicht so erfolgreich, wie sie es sich erhofft hat. Sie muss tagsüber in dem Cafè ihres Onkels arbeiten. Dabei hat sie Angst, sich ihren Traum nie erfüllen zu können, in zwanzig Jahren immer noch dort Kaffee auszuschenken. Ihr Vater hatte große Träume und wollte nicht weniger als die Welt verändern.

It’s on us, the people at the bottom, John realised, to fix things for ourselves, even though it’s us who suffer the decisions of the people at the top the most.“

Kate Tempest mag sich zurückhalten wollen mit politischen Kommentaren, obwohl das letztlich unmöglich scheint.

„We live in crazy times. You can’t tell a story without it feeling political.“ – The Guardian, 23. Oktober 2015

Als sich dann Harry und Becky auf einer Party treffen, ist nichts mehr wie es vorher war. Kate Tempests Geschichte mag auf den ersten Blick nicht die originellste sein, ist aber ungemein wahrhaftig und rührend. Eine eben doch einmalige Geschichte über junge Leute, die versuchen, es zu etwas zu bringen – und dabei Drogen nehmen.

KT-SquareVieles in ihrer Geschichten macht den Eindruck, autobiografisch zu sein: die Liebe zu London, Beckys Vater und besonders die Figur Harry, so erzählt Kate:

“I was a weird gay woman in a homophobic, misogynistic culture [and it] took me a long time to be able — rather than just trying to hide all those parts of myself — to realize that actually it’s O.K.” – NY Times, 6. März 2015

Harry scheint es nicht anders zu ergehen. Becky hat kein Label für sich und geht mit Männern und Frauen aus, aber für Harry ist die “Sache” nicht so einfach. Sie hat mitunter sogar Schwierigkeiten “es” auszusprechen und ihre Mutter glaubt nicht einmal, dass Frauen überhaupt homosexuell sein können. Nicht wirklich jedenfalls.

“There has been a wide silence between them since Harry was young and Miriam told her that two girls together was wrong. It just couldn’t last, she had said. It wasn’t real was the word she had used.”

Aber Kate erzählt nicht nur von den schmerzhaften und komplizierten Seiten queerer Identitäten. Tatsächlich stolpern wir hin und wieder über wunderschöne Passagen über sich liebende Frauen in London.

“Another girl is laughing in her friend’s flat, getting her hair done, another girl is in love with her girlfriend and lying beside her and feeling her breathing.”

Hier ist Kate Tempest beim Performen zu hören: Ballad of a Hero (aus Hold your own) bei NPR’s Tiny Desk Konzert.

Nun aber schnell in die nächste Buchhandlung und bei einem Pint in der eigenen Stammkneipe gleich mit Worauf du dich verlassen kannst anfangen. Im besten Fall ist es hier genauso wie bei The Hanging Basket, der Stammkneipe von Kates Held_innen.

„The doors are heavy, they demand a push with the shoulders and, like the best of us, they swing both ways.“

Kate Tempest: Worauf du dich verlassen kannst. Übersetzt von Stella und Karl Umlaut. Rowohlt, Paperback, 400 Seiten, 14,99 Euro. E-Book 12,99 Euro.

Kate Tempest kommt mit ihrem Album auch nach Deutschland auf Tour:

29.10. Düsseldorf (Capitol)
30.10. Hamburg (Mojo Club)
1.11. Frankfurt (Sankt Peter)
2.11. Berlin (Astra)
3.11. München (Muffathalle)

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