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Suffragetten revisited

20. Juni 2016

Endlich ist Sarah Gavrons Spielfilm Suffragette fürs Heimkino erschienen (DVD/Blu-ray/VoD) und ich kann ihn allen, die ihn noch nicht kennen, wirklich empfehlen: Das Historiendrama ist perfekt besetzt und genauso atmosphärisch wie spannend inszeniert. Gavron vermittelt eindrücklich, dass die englischen Wahlrechtskämpferinnen im frühen 20. Jahrhundert an ihre existentiellen Grenzen gingen. Das Schlagwort Suffragette wird wieder mit persönlichen Geschichten gefüllt. Zwar konzentriert sich der Film ganz auf die Perspektive der armen Wäscherin Maud (Carey Mulligan). Aber es werden auch historische Figuren und Ereignisse aufgriffen, darunter die Verzweiflungstat von Emily Davison.

Suffragette erzählt von der Radikalität dieser wohl einzigen Generation von feministischen Aktivistinnen, die gezielt Zerstörung und Gewalt für ihre Zwecke einsetzte. Die Arbeiterinnen riskieren alles, ihren Job, ihre Familien, ihre Gesundheit, ihr Leben, in Ausnahmefällen sogar das von anderen. Ihnen ist klar, dass ihre Ziele nicht leicht zu erreichen sein werden.

Was Gavrons Film leider ausspart, sind die Konflikte innerhalb der Bewegung. Aus Mauds Perspektive taucht beispielsweise die führende Aktivistin Emmeline Pankhurst nur als Idol auf. Der Feminismus wird als eine weitgehend homogene Bewegung gezeigt. Lesbische Beziehungen werden nicht thematisiert. Diese Lücken schließen zwei Bücher, die letztes Jahr rund um das stargekürte Kinoerlebnis in Deutschland erschienen sind: Ein Roman und eine Graphic Novel machen ebenfalls smarte Unterhaltung aus dem Kampf der Suffragetten – anders als beim Film schon im Titel im Plural.

 

Katharina Müller nähert sich dem historischen Frauenkampf im Coming-of-Age-Roman Rosie und die Suffragetten. Ihre Heldin ist ein naives, stotterndes Dienstmädchen aus Nordengland, das durch Zufall bei Familie Pankhurst landet. Hausherrin Emmeline und ihre Töchter gewinnen Rosie schnell für die politische Arbeit – die sie selbstverständlich neben ihren Haushaltspflichten zu erledigen hat. Vom Vater aus dem linken Arbeiterkampf geschult, erkennt Rosie bald die Widersprüche in der Arbeit der bürgerlichen Suffragetten um Emmeline, die am besitzgebundenen Wahlrecht festhält. Deren Tochter Sylvia engagiert sich dagegen für die Arbeiterinnenbewegung, die auch massiv von Männer unterstützt wird. Trotz vieler gemeinsamer Ziele kommt es zum Bruch zwischen Mutter und Tochter, zwischen den feministischen Strömungen. Es wird deutlich, dass es schon damals nicht den einen Feminismus gab. Auf allen Seiten wird energisch gekämpft – mitunter leider auch gegeneinander.

Eine Episode in der Mitte des Romans lässt Rosie mit ihrer Sexualität hadern: Nach einer Nacht mit einer Prostituierten befürchtet sie nun eine „Amazone“ zu sein; sofort ist sie mit Vorurteilen konfrontiert. Doch dann entsteht zwischen den Frauen eine Freundschaft und Rosie widmet sich wieder dem Hafenarbeiter George. Sie wendet sich immer weiter von der bürgerlichen Welt ab. Am Ende findet sie ein überraschend konventionelles familiäres Happy End. Rosies persönliche Entwicklung bettet Müller in viel Zeithistorie. Dafür wird die Figurenperspektive manchmal sehr gedehnt und auch die historische Illusion stellenweise gebrochen. Letztlich schafft der unterhaltsame Historienroman es, uns den Kampf der Suffragetten besonders nah zu bringen – ohne die Geschichte zu vereinfachen oder zu idealisieren.

Katharina Müller: Rosie und die Suffragetten. Historischer Roman. Querverlag 2015, 14,90 Euro, E-Book 9,99 Euro.

 

Vom Film über den Roman zum Comic wird es erstaunlicherweise immer differenzierter und historisch genauer: Dem Autorenpaar Talbot und der Zeichnerin Charleswoth ist mit Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten eine sehr beeindruckende Graphic Novel gelungen, die vor Authentizität und Details nur so strotzt. Gleichzeitig überzeugen die schwungvollen Striche und eine sparsame, effektvolle Koloration: Sallys rote Haare, die lila-grünen Streifen der Bewegung. Wieder geht die Geschichte von einem fiktiven Dienstmädchen aus, schlägt dann aber einen großen Bogen über historische Wendepunkte, Konflikte und Personen – einige davon sind so legendär wie die Pankhursts, andere werden aus der Vergessenheit geholt. Die Graphic Novel vermittelt einerseits die Begeisterung aller Beteiligten fürs Thema und andererseits eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen Ereignissen. Erstaunlich umfangreiche Anmerkungen belegen, wie nah das alles an der Historie ist, und zeigen, wo man mehr dazu lesen kann. Votes for Women ist sowohl als Einstieg ins Thema als auch für Eingeweihte eine Goldgrube.

Bryan Talbot/Kate Charlesworth/Mary M. Talbot: Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten. Aus dem Englischen von Johanna Wais. Egmont Graphic Novel 2015, 24,99 Euro.

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Die Suffragetten sind alles andere als vergessen. Noch mehr Hintergründe bietet ein neuer, abwechslungsreich aufbereiteter Sammelband: Antonia Meiners (Hg.): Die Suffragetten. Sie wollten wählen und wurden ausgelacht. Elisabeth Sandmann Verlag 2016. 19,95 Euro.

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