Bücher Kultur

Sommerbücher von Strubel, McEwan, Winsloe & Wagner

5. Juni 2016

 

Endlich Sommer und damit Haupturlaubssaison. Damit ihr auf Reisen auch was Vernünftiges zu lesen habt, stelle ich hier gleich drei herausragende Neuerscheinungen vor. Diesmal gibt es keine leichten Strandschmöker, sondern Bücher, die Erwartungen brechen. Zwei Autorinnen, die euch längst ein Begriff sind, Antje Rávic Strubel und Christa Winsloe, erweitert mit hübschen Hardcovern das Bücherregal. Strubels Figuren wechseln Partner*innen und Identitäten, dass eine beim Lesen kaum nach kommt. Winsloe nimmt die Welt im Sturzflug wahr oder auch mal den Blickwinkel von Eichhörchen ein. Und Antje Wagners Anthologie versammelt hinterm frechen Cover überraschende Perspektiven auf den Mädchenalltag. Allen, die es klassisch mögen, lege ich zusätzlich einen Bestsellerautor ins Gepäck, der (trotz kritischer Äußerungen) in seinen Romanen gern Geschlechtermodelle thematisiert: Ian McEwans Frischvermählten fehlt gerade der nötige Perspektivwechsel.

 

Herzen

In den Wäldern des menschlichen Herzens ist ein Joan-Didion-Zitat vorangestellt, in dem Identität als „vorübergehende Anpassung an Druck“ beschrieben wird. In Antje Rávic Strubels neuem Buch, dessen Episoden sich erst ganz allmählich zum Roman verdichten, ziehen Reisen, Länder, Lieben, Freundschaften und eben auch Identitäten vorüber. Hier werden Figuren zurückgelassen – und dann neu wiederentdeckt. Es beginnt gleich mit dem Ende einer Beziehung, mit einem Rückblick auf die Liebe von Katja und René am schwedischen Stora Le.

„René fischte gern mit Katja. Sie hatten es im letzten Jahr zum ersten Mal getan. Sie hatten vom Ufer aus geangelt, an einem windstillen, warmen Morgen. Die Holzstämme waren noch feucht gewesen vom nächtlichen Regen … Später hatte Katja ihr Jackett über einen Ast gehängt und im Umdrehen Renés Gesicht berührt.“

Eine der beiden steht zum Schluss in einem Mecklenburger Obstgarten – und ist doch jemand ganz anderes. Dazwischen führt ein Reigen, ein Netz von Begegnungen über kalifornische Felsen, finnische Schneelandschaften und Ostseestrand, durch Hotels in Manhattan und München. (Wohin ihr auch fahrt, und wenn es nur ein See in Brandenburg ist, hier ist die passende Lektüre!) Die durchgehende Spannung ist oft eine queer-erotische, manchmal suspence, vereinzelt erschütternd. Schillernd werden all die Szenen und Landschaften beschrieben, doch bleibt das unausgesprochen, was die Sprache eben nicht fassen kann. Mit ansteckender Freude geht Antje Strubel (wieder) an und über Identitätsgrenzen. Wo ginge das besser als auf Reisen.

Am größten war die Gefahr an den Rändern, an den Rändern von Erdplatten, den Rändern von Siedlungen und am menschlichen Rand, der Haut, dort, wo die Sicherheit darüber verlorenging, ob man innen oder außen war … Die Ränder waren das, was zuerst verschwand.

Antje Rávic Strubel: In den Wäldern des menschlichen Herzens. Episodenroman. 272 Seiten, gebunden. S. Fischer 2016. 19,99 Euro (E-Book 18,99 Euro).

 

Auto-bio

Neues von Christa Winsloe? Die berühmte Autorin der Vorlage von Mädchen in Uniform wurde 1944 als vermeintliche Spionin erschossen. Doch erst jetzt erscheint eine Sammlung ihrer Artikel ergänzt durch einige unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass. Versammelt und kommentiert hat das Doris Hermanns, die schon 2012 die spektakuläre Biografie der Schriftstellerin, Tierbildhauerin, Baronin und Feuilletonistin erzählte. In Auto-Biografie und andere Feuilletons kommt Winlsoe selbst zu Wort – wobei der titelgebende Text allerdings das „Leben“ ihres Fahrzeugs schildert. Auch über alles andere schreibt Winsloe mit viel Ironie und Biss. Wie in der Auto-Geschichte handeln die Artikel oft von Reisen und Begegnungen. Das reicht von der turbulenten Flugstunde über die Wüstenexpedition bis zum 5-Uhr-Tee in der Münchner Gesellschaft:

„Kommen Sie allein und erlauben Sie mir, Ihre Gattin zu einem unserer weiblichen Junggesellenabende einzuladen.“

Viel Aufmerksamkeit gilt ihren zahlreichen Haustieren: Möpsen, Agutis, Galagos und „Möhrschweinchen“. Für sie hat Winsloe oft mehr Respekt übrig als beispielsweise für ihre Atelierbesucher. Ob nun im Umgang mit Menschen, Tieren oder Transportmitteln erweist sich Winsloe immer wieder als überaus smarte und vor allem unkonventionelle Persönlichkeit.

„Was machen Sie denn nun eigentlich mit all‘ Ihren Tieren?“ … Ich geniere mich nicht: Ich sammle Tiere, weil sie „schön“ sind – unendlich schön. Daß ich sie hie und da zeichne oder modelliere, ist nur ein armer Versuch, diese Schönheit der Vergänglichkeit zu entreißen. Hauptsache ist: Ich habe sie.

Christa Winsloe: Auto-Biografie und andere Feuilletons. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Doris Hermanns. 272 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen. AvivA 2016. 19,90 Euro.

 

Unicorns

Während Winsloes Buch eine dieser typischen (Wieder)Entdeckungen ist, für die ich den AvivA Verlag seit Jahren liebe, ist mit Unicorns don’t swim ein Novum erschienen: ein LGBTQ-Jugendbuch herausgegeben von der sympathischen Antje Wagner (bekannt aus dem Querverlag, aber auch durch Jugendbuch/Thriller wie Schattengesicht). Vom Status quo der „Mädchenbücher“ frustriert, bat Wagner eine Reihe Kolleginnen um Erzählungen mit weniger stereotypen Hauptfiguren und Themen. Herausgekommen ist eine beeindruckende Mischung von meist original Beiträgen teils ganz junger, teils etablierter Autorinnen (Tania Witte, Corinna Waffender, Juliette Bensch). Weiblichkeit und Feminität werden nicht nur in schillernden Variationen gezeigt, sondern auch mal transzendiert. Konkret treffen wir unter anderen: ein die Nächte durchprogrammierdes Geek-Girl, eine essgestörte Schwester, eine vom Skaten faszinierte Geflüchtete, eine Mutter in transition, erste lesbische Liebe, kotzende Meerschweinchen, ein unerfreuliches Erstes Mal und die eine oder andere Superheldin. Bei den jugendlichen Held*innen spielen Familie und Freundschaft natürlich eine zentrale Rolle. Aber auch Erwachsene lernen hier noch sich und ihre Liebsten ganz neu kennen.

Noch angenehm erschöpft von der vergangenen [Hochzeits-]Nacht machte ich die Badezimmertür auf, starrte eine Weile verständnislos hinein, machte die Tür wieder zu, zählte bis zehn und öffnete sie wieder. In meinem Badezimmer stand ein Drache. Der Drache war blau, kämmte sich gerade seine drei wolligen, ebenfalls blauen Haare und drehte sich dann zu mir um. Er sah mich irgendwie – begeistert an. – Antje Wagner, Feuer und Flamme

Antje Wagner (Hg.): Unicorns don’t swim. Erzählungen. 256 Seiten, Taschenbuch. AvivA 2016. 14,90 Euro. Empfohlen ab 14 Jahren.

Antje Wagner und Tania Witte sind Mitte Juni auf Lesereise mit Unicorns don’t swim auf Lesereise: in Braunschweig, Neckargemünd und Frankfurt.

 

AmStrand

Um eine Hochzeitsnacht dreht sich auch Am Strand. Titel und Cover der deutschen Ausgabe legen es eindeutig auf ein Urlaubsbuch an. Und so ist dieser schmale Roman irgendwie in meiner Tasche gelandet. Statt entspannter Ferienlektüre handelt es sich aber um ein gekonnt gezeichnetes Beziehungsdrama.

In einem Anfall von Scham und Wut sprang sie vom Bett, während die andere, die sie beobachtende Florence, ihr zwar nicht in Worten, doch in ruhigem Ton mitteilte, daß es so nun mal eben sei, wenn man verrückt wurde. … Selbst als sie endlich den Strand erreichte, hörte sie nicht auf zu rennen. – Ian McEwan

Welchen Geschlechterrollen wir noch immer davonrennen, zeigt Ian McEwan in einem Rückgriff auf die frühen 60er. Eine Hochzeitsnacht im Süden Englands scheitert an den Erwartungen und Tabus. Die gutbürgerliche Braut, neben ihrer Konzerthauskarriere lediglich an einer freundschaftlichen Bindung interessiert, kann ihre eigene Lust gar nicht entdecken, so sehr wurde ihr Sex als Ehepflicht vermittelt. Ein Konflikt, für den der unsichere junge Gatte völlig blind ist. Leider belässt es McEwan eher bei Andeutungen und konzentriert sich letztlich auf die männliche Perspektive. Eine atmosphärische Momentaufnahme kurz vor der sogenannten sexuellen Revolution.

Ian McEwan: Am Strand. Roman. Deutsch von Bernhard Robben. 208 Seiten, Taschenbuch. Diogenes 2008 (Original: On Chesil Beach, 2007). 10,00 Euro (E-Book 7,99 Euro).

 

Weiterlesen:

Zum Welttag des Buches: Kältere Schichten der Luft

Venuswelle & Schattengesicht: Neue Bücher

Das Leben der Christa Winsloe

 

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