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Patti Smith: M Train. Erinnerungen

19. März 2016

9783462315714

„In 1965 I had come to New York City from South Jersey just to roam around, and nothing seemed more romantic than just to sit and write poetry in a Greenwich Village café.“

Patti Smith hat wieder ein autobiografisches Buch vorgelegt. M Train (durchaus nicht erst ihre zweite Buchveröffentlichung) als „die ersehnte Fortsetzung von Just Kids“ zu bewerben, ist allerdings eine Mogelpackung. Aufbau und Inhalt sind völlig anders. Im Gegensatz zum Vorgänger mit zentralem Thema und chronologischem Handlungsbogen ist M Train ein „Stöbern in ihrem Leben“ – Beobachtungen und Erinnerungen reihen sich in kleinen Erzählungen aneinander. Manche Dinge werden nur gestreift, zu anderen kommt sie mehrfach zurück. Das Buch zieht seine große Anziehungskraft zum einen aus der sprachlichen Präzision, die man seit rund 40 Jahren aus den Lyrics der Punkrockpoetin kennt. Zum anderen schlichtweg aus ihrer Persönlichkeit, der man hier sehr nah kommt.

„Without noticing, I slip into a light yet lingering malaise. Not a depression, more like a fascination for melancholia, which I turn in my hand as if it were a small planet, streaked in shadow, impossibly blue.“

Ein wiederkehrendes Thema ist die Trauer um den frühen Verlust von ihrem Ehemann, dem Musiker Fred Sonic Smith, sowie ihrem Bruder, der nur wenige Wochen später starb. Viele Kapitel reflektieren ihre Reisen, mit Fred, mit Freunden oder allein. In einer entspannten Art führen sie zum Erinnerungsorten wie Frida Kahlos Casa Azul. Solche Orte in aller Welt, auch in ihrem Wohnort New York, hat sie in Polaroids, meist Stillleben, festgehalten. Die Fotos illustrieren das Buch anstelle der Mapplethorpe-Porträts in Just Kids.

Manche Dinge werde ich von jetzt an immer mit Patti Smith verbinden: Das inzwischen geschlossene Café ´Ino  in New York (Foto oben und Umschlagmotiv). Ihre obligatorische „watch cap“, eine Strickmütze. Polaroids. Ein Frühstück aus schwarzem Kaffee, dunklem Toast und Olivenöl. Den mottenzerfressenen schwarzen Mantel eines Poeten. Spaziergängen zu Künstlergräbern. Das Pasternak am Wasserturm in Prenzlauer Berg. Nordische Krimiserien und Bingewatching in englischen Hotelzimmern. (An dieser Stelle eine Spoiler-Warnung für The Killing!)

Wie schon nach Just Kids wünscht man sich, M Train würde immer weiter gehen. Doch mit einer Fortsetzung sollte man auch hier nicht rechnen. Stattdessen arbeitet Patti Smith seit Längerem an einem Thriller – da kommt ihr der exzessive Serien- und Romankonsum sicher zugute. Bis dahin kann man ihre Gedicht- und Prosabände entdecken (z.B. Woolgathering/Traumsammlerin).  Oder sich in M Train Leseanregungen holen – Rimbaud und Genet, Plath und Bowles, Hesse und Akutagawa. Und dann selbst gedankenversunken durch die Stadt streifen und in Cafés Notizen kritzeln.

choose between rock and writing? “I wouldn’t hesitate, I couldn’t live without writing.”

Tatsächlich schreibt Patt Smith recht anspruchsvolles Englisch (ich habe Vokabeln gelernt wie cowpoke: ein genderneutrales Wort für „cowboy/girl“), daher gut, dass es nun auch auf deutsch erschienen ist (KiWi):

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Gebunden, 336 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Original: M Train. 272 Seiten, Knopf/Bloomsbury, Taschenbuch ca. 14 Euro.

„A meditation on loss and survival? Yes, but even more, a book about drinking coffee: 45 times in 253 pages“ – Jesse Kornbluth auf Amazon

 

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