Filme

Queeres auf der 66. Berlinale

11. Februar 2016

Je, tu, il, elle  von Chantal Akerman  © Paradise Films

 

Jetzt ist wieder Kinohochzeit in Berlin und überall dort, wo man sich vom hiesigen Trubel anstecken lässt. Zu letzterem will ich wieder meinen Beitrag leisten: Hier kommt ein Überblick zu dem, was mir zu den 66. Internationalen Filmfestspielen wissenswert erscheint.

Gerade noch in einem Mini-Auftritt als führende Suffragette Emmeline Pankhurst im Kino – führt Meryl Streep ab heute die Jury der Berlinale an. Ihr zur Seite sitzen so illustre Leute wie Alba Rohrwacher, Lars Eidinger, die Fotografin Brigitte Lacombe und die Regisseurin Malgorzata Szumowska.

Wie fast jedes Jahr können wir uns außerdem auf Tilda Swinton freuen, die mit einer Rolle im Eröffnungsfilm Hail, Caesar! (der Coen-Brüder) und der Ko-Regie fürs John-Berger-Porträt The Seasons in Quincy gleich zwei Filme im Hauptprogramm hat – wenn auch ohne Bärenchance.

© Sandra Kopp

 

Der eigentliche Wettbewerb bietet nicht nur große Stars und etablierte Namen, sondern auch junges und queeres Filmschaffen.

Im Drama 24 Wochen von der Zwei MütterRegisseurin Anne Zohra Berrached quält sich Julia Jentsch mit der Entscheidung über ihr ungeborenes, krankes Kind. Zwar geht es diesmal nicht um lesbische Mutterschaft, aber wieder um weibliche Selbstbestimmung – und das Tabuthema legale Spätabtreibung. Neben diesem einzigen komplett deutschen Wettbewerbsbeitrag, der übrigens ein Hochschulfilm ist, läuft die Ko-Produktion Jeder stirbt für sich allein/Alone in Berlin, einer Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson in einer der Hauptrollen. Beide Filme finden sicher schnell den Weg ins reguläre Kinoprogramm.

Der junge Pole Tomasz Wasilewski porträtiert in seinem Film Zjednoczone stany miłości/United States of Love vier Frauen Anfang der 1990er-Jahre. Die Sehnsüchte und Sorgen in Umbruchzeiten, darunter eine lesbische Liebe, zeigt er in fast farblosen Bildern.

UnitedStatesOfLove

© Oleg Mutu

 

Altmeister André Techiné beschäftigt sich im Wettbewerbsbeitrag Quand on a 17 ans/Being 17 mit der Hassliebe zwischen zwei Teenagern – vor der Kulisse eines französischen Bergdorfes. Als Mutter des einen Jungen ist Sandrine Kiberlain dabei.

© Luc Roux

Terence Davies‘ Biopic A Quiet Passion (Berlinale Special) über Emily Dickenson mit Cynthia Nixon in der Hauptrolle verspricht ein solides Period Drama um die geheimnisvolle amerikanischen Dichterin zu werden.

© Johan Voets/A Quiet Passion

 

Noch mehr Literarisches: Die Geträumten (Forum) von Ruth Beckermann: Anja Plaschg alias Soap & Skin liest Briefe Ingeborg Bachmann an Paul Celan (gelesen von Laurence Rupp).

© Ruth Beckermann Filmproduktion

 

Schon die Kleinen bekommen bei der Berlinale die Vielfalt der Lebensentwürfe geboten: Beispielsweise erzählt Rara (Generation), das Spielfilmdebüt der Chilenin Pepa San Martin, von einem Mädchen, deren Mutter jetzt mit einer Frau zusammenlebt – aber die 13-Jährige hat ganz andere Sorgen im Kopf. Doch der Vater beginnt einen rücksichtslosen Sorgerechtsstreit. Aus einem wahren Fall entwickelt die Regisseurin eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich komplett auf die Perspektive des Mädchens konzentriert.

Ein Antimodell stellt dagegen der tschechische Film Já, Olga Hepnarová (Panorama) vor. Tomas Weinreb und Petr Kazda folgen den historischen Spuren der Titelfigur, die provokant lebt und lesbisch liebt. Nachdem sie mit einem Lastwagen mehrere Menschen willentlich überfuhr, wurde sie entgegen psychologischer Gutachten 1975 als letzte Frau in der Tschecheslowakai hingerichtet. Der Film nähert sich in Schwarz-Weiß-Optik der verstörten jungen Frau, gespielt von Michalina Olszanska. (siehe auch taz-Review)

Charmante Unterhaltung verspricht Maggie’s Plan (Panorama), der neue Film von Pippa Lee-Regisseurin und Autorin Rebecca Miller. Für Julianne Moore, Greta Gerwig, Maya Rudolph und Ethan Hawke dreht sich hier das Beziehungskarussel in intellektuellen New Yorker Kreisen. Kathleen Hanna hat auch einen Gastauftritt.

© Jon Pack/Hall Monitor, Inc.

30 Jahre Teddy

Falls ihr euch gefragt, wem wir die hübsch verknoteten jungen Frauen (ganz oben) zu verdanken haben: Chantal Akermans Debütfilm von 1974 ist eine der Perlen, die zum 30. Teddy-Jubiläum auf die große Leinwand zurückgeholt wird. Neben Je, tu, il, elle gibt es einiges andere, was deutlich älter als der einzige offizielle queere Filmpreis eines A-Festivals. Vor allem gilt das für Anders als die andern (1919), dem ersten schwulen Film überhaupt, dessen restaurierte Fassung hier uraufgeführt wird. Beteiligt war damals der legendäre Pionier Magnus Hirschfeld.

Aber auch an Teddy-Gewinner wird erinnert, den Trans*-Vorreiterfilm Gendernauts (1999) von Monika Treut oder Cheryl Dunyes sexy Mockumentary The Watermelon Woman (1996) mit Guinevere Turner.

© Dancing Girl Productions

 

Nicht nur das Meister*innenwerk Carol haben wir ihr mitzuverdanken, ohne die Produzentin Christine Vachon wäre das New Queer Cinema in der bekannten Form undenkbar: Go Fish, Boys Don’t Cry, I Shot Andy Warhol, Velvet Goldmine, I’m Not There, Far from Heaven, Cracks … muss ich weitermachen? Dieses Jahr zeigt sie in der Retro den Teddy prämierten Film Hedwig and the Angry Inch sowie zusammen mit James Franco das Studentendrama Goat im Panorama. Mehr als verdient geht ihr der Special Teddy Award for lifetime achievement zu. Chapeau!

via Twitter @thoughtsithink

 

Das Teddy-Programm ist derart üppig und voller Überraschungen – ich empfehle euch, selbst ein wenig darin zu blättern. Partys findet ihr dort auch.

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Für Infos, Spielzeiten und Online-Tickets für die erwähnten Filme einfach den Links im Titel folgen. Einige Festival-Tipps, vorenhmlich aus Frauenhand, hat Aviva versammelt. Alles weitere siehe: Berlinale.de

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Noch ein Tipp in eigener Sache: Raus aus dem dunklen Saal zum cineastischen Stadtspaziergang lädt mein nagelneues Buch Filmlandschaft Berlin. Bis 3.3. habt ihr die Chance, hier ein Exemplar zu gewinnen.

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