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Meister*innenwerk: Carol

1. Dezember 2015

carol

Wie hoch darf die Erwartung an einen Film sein, ohne nach jahrelanger Wartezeit enttäuscht zu werden? Nach Todd Haynes‘ Carol-Verfilmung kann ich sagen: sehr, sehr hoch.

Therese: A friend told me, I should be more interested in humans.
Carol: How’s that going?
Therese: It’s going well, actually.

Patricia Highsmiths The Price of Salt (so der Originaltitel, den Highsmith selbst später in Carol änderte) gehört bis heute zu unser beider Lieblingsbüchern. Ein lesbischer Klassiker mit Happy End. Ein kitschfreies Weihnachtsbuch. Der Roman war 2008 eines der ersten Bücher, die Charly hier anpries. Damals rief sofort eine Kommentatorin: „Ich warte auf die Verfilmung, Hollywood!!!“ Tatsächlich arbeitete da längst eine talentierte Schreiberin emsig an der Kinofassung.

Die in London lebende New Yorkerin Phyllis Nagy ist nicht nur eine erfolgreiche Bühnenautorin, sondern einst als Freundin von Highsmith selbst auf die Idee einer Adaption gebracht worden. Die autobiografisch inspirierte Liebesgeschichte ist wohl das persönlichste Buch der Schriftstellerin, die mit keiner Verfilmung wirklich zufrieden war. Nagy ließ ihr Projekt Carol über zwei Jahrzehnte wachsen. Nachdem die Produzentinnen Tessa Ross und Liz Karlsen schon Cate Blanchett für die Titelrolle ins Boot geholt hatten, sprang der Regisseur ab. Mia Wasikowska war zwischenzeitlich als Therese eingeplant. Doch erst, als mit Christine Vachon und Todd Haynes gleich zwei Ikonen des New Queer Cinema einstiegen, wurde mit Rooney Mara auch die perfekte Therese gefunden.

Nach der Premiere in Cannes wurden der Film mit Standing Ovations und Rooney Mara mit der Goldenen Palme gefeiert. Den Cast ergänzt die queere Sarah Paulson (American Horror Story) als Carols beste Freundin und Ex-Lover Abby. Carrie Brownstein hat einen winzigen Gastauftritt. Als wären die Eckdaten nicht aufregend genug, kochten die Medien in den vergangenen Monaten allerlei Gerüchte – um Blanchetts Sexualität zum Beispiel. Zu einer derartigen Oberflächlichkeit kann die Diva nur noch müde lächeln, immerhin porträtiert der Film lesbische Liebe absolut kultiviert.

„… what gives it a subliminal power. No, there is no speech about, ‚Should we be gay? Is this the right thing?‘ It’s like a strange, subversive world of gay women at different points in their lives. Abby, who’s just out there; Carol, who wants to be out there and has to make that choice; and Therese, who’s just finding out.“ – Nagy

Im bunten Weihnachtsgeschäft verkauft die New Yorker Warenhausangestellte Therese einer reichen Kundin das Geschenk für ihre Tochter. Ein langer Blick durch den Raum und ein Paar vergessene Handschuhe reichen, dass die beiden grundverschiedenen Frauen ihre gegenseitige Nähe suchen. Lange bewahren sie die gesellschaftlichen Konventionen, schließlich geben sie auf einer gemeinsamen Reise dem Begehren nach. Zwar riskieren sie ihr bisheriges Leben, doch finden beide darüber zu sich selbst.

„It’s about butting up against language and meaning and what you know to be possible and not having the words for it. When they do finally make love and they’re finally caught, it all comes into form, and then the desire can be stated and they can defend themselves in it.“ – Haynes

In einem Dekor (Design Judy Becker, Kostüm Sandy Powell, Kamera Ed Lachman), mit dem Haynes sein Far from Heaven noch übertrifft, wird diese Welt greifbar, in der auch für homosexuelle Frauen ganz andere Regeln gelten als für Männer. Was im Vergleich zu jenem 50s-Melodram gerade bedeutet, dass ihr glückliches Ende keine Utopie sein muss. Die Verluste aber schmerzen trotzdem. Die Männer, Carols fast geschiedener und Thereses potentieller, haben keine Chance zu verstehen, welche Liebe die beiden Frauen verbindet, oder gar damit zu konkurrieren. Der verzweifelte Harge greift zum nächst besten und entzieht Carol ihre Tochter. Der junge Richard zieht sich befremdet zurück.

Phillis Nagy hat die Geschichte ans Medium angepasst – Carol hat eine eigenständige Perspektive und Therese ist Fotografin statt Bühnenbildnerin. Die Filmdynamik bewahrt die emotionale Stärke der Liebesgeschichte, die nach 60 Jahren noch immer Identifikationsfläche bietet. Thereses Eigenständigkeit bleibt die Initialzündung, Verführungsmythen werden nicht einmal gestreift. Die gegenseitige Anziehung glaubt man den Darstellerinnen ohnehin jede Sekunde. Beide könnten auf ihre Art bezaubernder nicht sein. Nur der Score von Carter Burwell kann der Perfektion noch etwas hinzufügen.

Carol läuft ab dem 17. Dezember im Verleih von DCM in den Kinos, außerdem in der L-Filmnacht, z. B. 14. 12. Berlin.

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