Kultur Politik

Kunst & Geschichte: Homosexualität_en

10. August 2015
Plakatmotiv

Plakatmotiv © Heather Cassils and Robin Black 2011

*

Das viel diskutierte Plakatmotiv zeigt die gebürtige Kanadierin Heather Cassils, die ihren eigenen Körper als physisches Medium bearbeitet, um Brüche mit gesellschaftlichen Normen zu erzeugen. Dieses Foto (von Robin Black) zeigt das Ergebnis von Cassils‘ Arbeit CUTS, bei der sie mit allen Mitteln ihren Körper dem männlichen Idealbild anpasste, bis zur schwer erträglichen Ambivalenz. Ein Motiv, dass für die Akzeptanz von Uneindeutigkeit wirbt – und ganz eindeutig die Themenbreite der Ausstellung „Homosexualität_en“ auf Genderfragen und Normkritik ausweitet.

Wenn nichts mehr irritiert, dann ist irgendetwas falsch gelaufen. Wenn Sie sich in dieser Doppelausstellung über überhaupt nichts mehr aufregen, dann stimmt vielleicht etwas nicht. Denn diese Ausstellung feiert die Irritation unserer Vielschichtigkeit – und darauf können und sollten wir stolz sein, die Akzeptanz dafür sollten wir weiter fordern. – Susanne Baer zur Eröffnung

Die große Ausstellung verteilt sich auf das Schwule Museum* und zwei Etagen des Neubauflügels im Deutschen Historischen Museum. Während im DHM ein weiter Bogen geschlagen wird – von persönlichen Coming-Out-Geschichten über kunst- und zeithistorische Exponate aus internationalen Museen/Sammlungen bis zum politisch-wissenschaftlichen Rundumschlag – , stellt das SM* vor allem Zeitgenössisches aus den Bereichen Bildende Kunst, Film/Video und Fotografie aus. Der erste Teil ist fast erschlagend umfangreich an Informationen und Materialien. Bei letzterem ist der Spaß um so größer: Am Einlass wird man gebeten, sich einen der kabellosen Kopfhörer von der Wand zu nehmen und gern auch zur queeren Playlist zu tanzen. Selbst der kleine Kinosaal – gezeigt wird Julian Rosefeldt „Deep Gold“ – kann so zur Disko werden.

Der Katalog zur Homosexualität_en-Schau (Sandstein Verlag) ist nicht, wie bei solch einer ehrgeizigen Ausstellung zu erwarten, ein wissenschaftlicher Begleitband, sondern eher ein lebhaftes Bilderbuch, das ausgewählte Exponate, Zitate, wenige Erläuterungen versammelt. Der Aufbau des Buches orientiert sich am Abschnitt „Wildes Wissen“ (DHM): nicht chronologisch, keine einheitliche Struktur, ohne gestalterische Homogenität. Anhand von Schlagworten werden kleine Abschnitte lose alphabetisch aneinandergereiht.

„Wahlverwandschaften für alle statt Privilegien für wenige.“
Stellwand aus dem Raum „Wildes Wissen“

*

Große Kapitel der Ausstellung reflektieren zentrale Diskurse um Kriminalisierung (§175 existierte durch alle Systeme von 1872 bis 1994), Pathologisierung (Homosexualität war bis 1992 von der WHO als Krankheit eingestuft) und soziale Ausgrenzung hierzulande & international – sowie ganz essentiell die politischen Bewegungen dagegen. Darüber hinaus wurden Memorabilia, Artikel, Videos, Audios zu verschiedensten queeren Kontexten zusammengetragen, unter anderem feministische Buttons, Intersex-Theorien, pornografische Fotos, klassische Portraitmalerei, Dildos, alte Bücher und neue Interviews. Wer mit queerer Geschichte und/oder Szenen vertraut ist, wird auf unzählige bekannte Gesichter treffen, Wegbereiter_innen, Idole und Aktivist*innen. Fast alles kann dazu anregen, jener Künstlerin, dieser Gruppierung oder jenem Thema nachzugehen. (Hier gibt es z. B. mehr zu Zanele Muholi und Goodyn Green.)

Diese Ausstellung, die das Plural schon im Titel trägt, präsentiert gar kein klar umrissenes Thema, sondern ist ein rhizomatisch wucherndes Konvolut. Auf diese selbstreflexive Weise wollen die Kurator_innen die „große Erzählung“, die ordnende „paternalistische Geste“ verweigern. Stattdessen sollen private „Gegenarchive“ hier in staatlichen Räumen die Aushandlungsprozesse rund um Geschlecht-Sexualität-Lebensmodelle befördern. Entsprechend ist das letzte Kapitel „Whats next?“ überschrieben und lässt Berliner_innen zu Wort kommen, die längst vielfältig queere Möglichkeiten leben. Interessant wäre nun zu wissen, wie solch ein Zugang für den Rest (die Mehrheit?) des Publikums funktioniert.

*

Die Ausstellung des Schwule Museum* und des Deutschen Historischen Museum, gemeinsam gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder, läuft noch bis 1. Dezember 2015.
Flyer zur Ausstellung (PDF)

UPDATE: Vom 13. Mai bis 4. September 2016 ist die Ausstellung in Münster im LWL-Museum für Kunst und Kultur zu sehen!

 

Begleitend zur Ausstellung

Gay History Map

Homosexualität_en Audiotour (als MP3-Download)

Filmreihe im Zeughauskino bis 6. September – auch als Watch-Liste zu empfehlen

Themenraum (14.07. – 03.09.2015) und Auswahl-Bibliographie der ZLB: TR-Bibl-Homosexualitaet-Web (PDF)

 

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar