Bücher

Venuswelle & Schattengesicht: Neue Bücher

29. Juni 2015

Guy Shield: Nude – It’s too nice a day to read a novel set in England.

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Egal ob Fernreise oder Staycation, Urlaubszeit verlangt die passende Lektüre. Hier meine diesjährigen Buchtipps: mal anekdotisch, mal spannend, mal erotisch, immer queer – und diesmal alle ausgesprochen handliche deutschsprachige Paperbacks.

 

Kali-Drische-Neulich-im-Schrank

Fürs erste hier ein Buch, dessen Titel ein Blickfang im Regal ist: Neulich im Schrank erzählt bei Weitem nicht nur vom Weg aus dem closet, sondern beginnt sehr viel früher, nämlich bei Doktorspielen, und schließt überraschend mit Texten über Tod & Organspenden. Dazwischen reihen sich vielerlei Geschichten aus dem lesbischen Leben – von eher skurrilen Kindheitserlebnissen bis hin zu sexuellen und anderen Körper-Erfahrungen. Trotz der oft bitterernsten Themen (Trigger: Missbrauch und selbstverletzendes Verhalten) sind die kurzen Erzählungen pointiert und bissig geschrieben, ohne Scheu vor Wortschöpfungen. Verfasst hat sie eine Berliner Mitvierzigerin, die unter dem Pseudonym Kali Drische schon in Konkursbuch-Anthologien wie Mein lesbisches Auge zu finden war. Da passt sie gut rein. Denn während die Lesbenwelt für außenstehende Leser „weit und wundersam“ sein mag, musste ich zur Kritik an Gynäkologie, „LBD“ oder der kindlichen Definition des Wortes „Ficken“ immer wieder schmunzeln.

Kali Drische: Neulich im Schrank. Körper, Sex und andere Widrigkeiten. Kurzgeschichten. Konkursbuch 2015. 250 S., 9,90 Euro. E-Book 7,99 Euro.

 

schattengesicht

Antje Wagner – deren Debütroman Der gläserne Traum (1999) mich damals auf Anhieb faszinierte – ist derzeit bei einem Genre zwischen Thriller und Young Adult gelandet. Nachdem ihre früheren Bücher nicht selten subtil Schauriges mitbrachten, steckt das Unheimliche jetzt schon im Titel: Unland, Vakuum, Schattengesicht. Letzterer erschien zuerst als queerer Krimi, dann als Jugendbuch und ist eigentlich keins von beidem. Weder Whodunit noch Coming-of-Age sorgen hier für Spannung, sondern die sich rückwärts enthüllenden Erlebnisse der Protagonistin Milana. Als diese in Zelle 13 des geordneten Frauengefängnisses landet, springt die Erzählung zum Leben inkognito, zu einer zähen Flucht, weiter zurück zu ihrem vielversprechenden Refendariat, einem Sommer in Schweden, schließlich zur Kindheit – und der Begegnung mit Polly, die Milana seitdem alles bedeutet, aber alle anderen Menschen nur befremdet.

„All dies erinnerte mich an eine Traumlandschaft. Und plötzlich war es da: dieses eigenartige Gefühl, die Situation schon einmal erlebt zu haben. Irgendwann, ganz früher. Oder nein, dachte ich: umgekehrt. Als würde ich alles erst später erleben.“

Wäre das Rätselhafte nicht ohnehin fesselnd, lohnte sich der Roman schon für die Sprache. Jeder personelle Kurzauftritt, jeder Atmosphärenwechsel sind greifbar. Gleichzeitig verunsichert er durchgängig. Vertraut keiner der Figuren, nicht dem Klappentext und nicht den eigenen Schlussfolgerungen! Ein Buch, das seine wahren Themen, seinen Blick auf die Welt erst enthüllt, wenn es schon zugeklappt ist.

Antje Wagner: Schattengesicht. Roman. Taschenbuch, Bloomsbury 2012, 180 Seiten, 7,95 Euro; Original bei 2010 Querverlag, in der Reihe Quer Criminal, 12,90 Euro; E-Book ebendort 9,99 Euro.

Für alle, bei denen traditionell die Urlaubsliebesgeschichte nicht fehlen darf, hat Karin Rick jetzt eine gequeerte Variante zu bieten. Auf einer von Surfer_innen belebten fiktiven Vulkaninsel – man denke an La Palma – begegnen sich ein heimlich crossdressender DJ aus Nordengland und eine lesbische Münchner Promi-Fotografin mit unerwarteter Leidenschaft. Doch Nina und Steve/Cindy kämpfen mit ihren Unsicherheiten, was wechselnd aus beiden Perspektiven und mit allerlei Wendungen geschildern wird. Nicht nur die Welten der beiden wollen so gar nicht zusammen passen, auch verunsichert die (mögliche) Beziehung ihre angeeigneten Rollen. Hier werden sexuelle und Geschlechtsidentitäten ausgelotet, im Kontrast von Alltag und Affären. Sexszenen dürfen hier auch erwartet werden, vor allem aber eine normkritische Variante des beliebten Ferienliebe-Motivs, die routiniert und gar nicht oberflächlich geschrieben ist. Mit dem Titel und Pedro Tayos Gemälde auf dem Cover sorgt Venuswelle sicher unterwegs für Aufmerksamkeit und gesellt sich daheim in die Ecke erotische Grenzgänger_innen-Romane.

„Im Bad zieht er sich um. Sie holt noch ein paar Kerzen, deckt die Stehlampe mit einem roten Sweatshirt ab. Als sie sich wieder hinsetzt, steht zu ihrem großen Schock eine dunkelhaarige Frau im Türrahmen und schaut sie an. … Sie schlägt anmutig die Augen nieder und Nina flüstert: ‚Du bist sehr schön. Wie heißt du?‘ – ‚Cindy.'“

Karin Rick: Venuswelle. Konkursbuch Verlag 2015, Reihe Liebesleben, 256 Seiten, 9,90 Euro. E-Book 8,99 Euro.

1 Kommentar

  • Reply Mädchenmannschaft » Blog Archive » Ein Buch nach dem anderen: Maskulisten in Frankreich und lesbisches Leben in Südafrika 17. Juli 2015 at 14:01

    […] Kweens geben Tipps für die queere Urlaubs/Strand/Freibad-Lektüre. […]

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