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Häuserkampf & Tango: Astrid Wenkes Wedding-Roman

10. März 2015

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Schon Fallada verewigte den Wedding in der Literaturgeschichte. Nun hat Astrid Wenke nachgezogen, und zwar mit einer kleinen Hommage an die Neue Sachlichkeit. In Windmühlen auf dem Wedding findet man pointierte Kapitelvortexte, reichlich Ironie, die gewisse Distanziertheit und Details wie die namentliche Verbeugung der Protagonistin Schotter vor dem „rasenden Reporter“ E. E. Kisch:

Ich bin’s, die Kischotta, 49 Jahre alt, Stadtbilderklärerin, Narr und seit Jahren wohnhaft auf dem Wedding.

Hier fällt das entscheidende Stichwort: Diese Stadtbilderklärerin  – „Die Frau ging konsequent vom Sichtbaren aus.“ – bringt uns passagenweise die Geschichte, Gegenwart und Gentrifizierung des (Teil-)Bezirks nahe. Das schreibt die Weddingerin Wenke ebenso informiert wie reflektiert und mit Liebe zum Unfertigen.

In der Zeitnische zwischen der lange währenden Periode unbeachteten Zerfalls und dem unvermeidbar nahenden Dasein als Touristenmagnet entfalteten sich in der Zwischennutzung menschliche Utopien, Nicht-Orte, zu deren Gelingen … das Vorübergehende ihrer Existenz gehört[e] wie Gewürze zu einem guten Essen.

Dazwischen findet sich auch mal ein Schlenker zur Begriffsgeschichte der wieder in Mode gekommenen „Heimat“.

Wären die Heimatdichter nicht auf den Plan getreten, um die Heimat als ländliche Idylle neu zu erfinden, wäre das Heimatliche als überkommenes Versorgungssystem mit dem Feudalismus untergegangen.

Apropos Schlenker, ich komme endlich zum Roman-Plot. Das Leben von Sybilla Kischotta zwischen Stadtführungen, Taxi-Nebenverdienst, jugendlicher Tochter, Ex-Frau, Clique, Kneipe und Nachbarschaftshilfe wird gleich zweierlei ins Schwanken gebracht. Von Häuserkampf und Tango. Man könnte auch sagen von Klassenkonflikten. Eine neue Haus-Eigentümerin will zwecks gewinnbringender Eigentumswohnungen systematisch alle Mietparteien zum Auszug bewegen. Diese lernen gemeinsam Contra zu bieten (ja, hier streift man echte Mietrechtsfragen). Und dann bahnt sich mit der tangobegeisterten Amalia, scheinbar viel bürgerlicher als Sybilla, sowas wie eine Liebesgeschichte an.

Beide Handlungsstränge werden zum glücklichen Abschluss geführt. Doch kitschig wird es bei Wenke bestimmt nicht. Auch jede Romantik für verfallene Viertel und dergleichen wird zum Beispiel von Sybillas Freundin Jutta, inzwischen Anwältin, gekontert:

„Wer in seiner Kindheit hat die Kanalratten auf der Panke schwimmen sehen, kann dem Reellen nicht mehr viel abgewinnen.“

Der realen Geschichte der Kieze lässt sich allerdings sehr viel abgewinnen. Ein liebevoll gezeichneter Stadtteilplan wird dazu gleich mitgeliefert. Auf beide Innenklappen verteilt, von der Beuth Hochschule bis zur Badstraße, lädt er zum Kiezspaziergang ein.

Selbigen könnt ihr nächsten Monat sogar mit der Autorin höchstpersönlich erleben. Zusammen mit STATTREISEN bietet Astrid Wenke am 11. April um 14 Uhr eine Führung zum Buch plus Lesung an!

Astrid Wenke: Windmühlen auf dem Wedding. Roman. Krug & Schadenberg, Berlin 2014, 304 Seiten, 16,90 Euro
LeseprobeAutorinE-BOOK

 

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