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Oscars 2015: Feminist_innen, Tränchen und ein leises Gähnen

23. Februar 2015

Sie war nicht spannend, die Oscarnacht 2015. Sicher, nach dem letzten Jahr mit Ellen als Host war es schwer, da die Latte noch höher zu legen oder überhaupt erst genauso hoch anzusetzen, aber die letzte Nacht war vor allem eines: Langweilig.

Das lag zum einen an den eher mauen Witzen von Host Neil Patrick Harris und dem Autorenteam, aber auch daran, dass es bei den Awards so gut wie gar keine Überraschungen gab. Wir erinnern uns kurz:

Aber es war nicht alles schlecht letzte Nacht. Der Red Carpet war dieses Mal zwar deutlich in die Länge gezogen, dafür aber auch umso chaotischer. Weil es, man glaubt es kaum, in L.A. plötzlich heftig zu regnen anfing. Um nicht zu sagen: OH MEIN GOTT, WETTER!

Während es also während der Interviews auf dem Weg zum Kodak Theater immer wieder auf alle rauf dröppelte, versuchte E!Online, wie inzwischen bei jeder ihrer Red Carpet Shows, die weiblichen Stars vor ihre „Mani Cam“ zu locken. Für die Glücklichen, die es nicht wissen: Die Mani-Cam gibt den weiblichen Stars die Chance ihre frisch manikürten Nägel auf einem Mini-Catwalk zur Schau zu stellen – am besten noch, wenn frau mit den Fingern noch einen besagten Walk mimt. Irgendwer kommt dafür (zusammen mit dem Komponisten des Sinalco-Werbesongs) hoffentlich in die Hölle. Das fand auch Patricia Arquette, die nicht das letzte Mal diese Nacht für Spontanapplaus sorgen würde:

Aber wenigstens die ABC-Reporter hatten sich den von Amy Poehler und ihrer Organisation Smart Girls ins Leben gerufenen Hashtag #Askhermore inspirieren lassen und so durfte zum Beispiel Julianne Moore über Alzheimer Aufklärung leisten:

Oder wie Reese Witherspoon so passend sagte: „This is a movement that says that we are more than our dresses!“

Der chronische Photobomber Benedict Cumberbatch, gab sich dieses Jahr mit der frisch angetrauten Ehefrau Sophie Hunter eher brav und flirtete sich mit ihr seinen Weg über den Roten Teppich. Jung und verliebt müsste man sein! Aber Jared Leto sah seine Chance und ergriff sie. Der verdient bei der Haarpracht doch langsam auch einmal eine Shampoowerbekampagne, oder?

Lady Gaga trug zu ihren weißen Robe übrigens ihre Putzhandschuhe:

Jaja, „Fashion“, ich weiß schon.

Das lesbischste und schönste allerdings, war natürlich der neue Haarschnitt von Scarlett Johansson, der den von Afterellen ins Leben gerufenen Hashtag #lezwatchoscars mal kurz zum Stottern brachte. Mich übrigens auch.

Hinter den Kulissen machte sich derweil das Team rund um Neil Patrick Harris fertig. Eine davon kennen einige von euch: Liz Feldman war, wie schon letztes Jahr bei Ellen, wieder im Autorenteam!

Es konnte also losgehen, Neil Patrick Harris eröffnete die Show und äußerste sich auch zu der berechtigten Kritik dieses Jahr:

Anschließend setzte er, unüberraschend und unterstützt von Anna Kendrick zu einem Song an. Aber davor, da hat er doch noch ein paar schöne Dinge gesagt. Zum Beispiel:

 

Der hier wurde zwischendurch auch noch eingeblendet. Anscheinend hat da jemand die Wodkashots, die Ellen letztes Jahr auf dem Red Carpet verteilt hat, ein wenig vermisst.

…bis dann jemandem bei Pro7 der Kaffeebecher über die Leitung fiel. Über fünf Minuten wurde der deutsche Zuschauer nun mit dem wundervollen Song und Logo der Academy Awards verwöhnt und verpasste so, dass der erste Award des Abends an J.K. Simmons als bester Nebendarsteller in Whiplash ging. Hiernach stellte uns Harris seinen geheimen, schwerbewachten Koffer mit Tipps vor, was alles bei der Verleihung noch so passieren sollte. Die arme Octavia Spencer wurde während der ganzen Show immer wieder von Harris genervt, ob denn wirklich keiner da rein geguckt hätte, aber am Ende war dieser Gag alt und fast schon in Vergessenheit geraten.

Anschließende Awards gingen ans Kostümdesign und Make Up für The Grand Budapest Hotel. Regisseur Wes Anderson gefiel das:

Bester ausländischer Film wurde das polnische Nonnendrama Ida. Während der ganzen Verleihung durfte immer mal einer der für den besten Song nominierten Lieder kurz angespielt und performed werden. Niemand anderes als Tegan & Sara standen so wenig später auf der Bühne und performten der nervigen LEGO-Film Themesong Everything is awesome.

Über awesome ließe sich hier wirklich streiten, kurz auf Droge waren die Oscars dann trotzdem. Ich für meinen Teil habe mir einfach was in die Ohren gestopft und mich gefreut, dass ich diese Zwillinge mal auf einer Oscarbühne sehe. Denn wer hätte damit schon gerechnet? Ich nicht und die beiden bestimmt auch nicht.

Passend zum Song wurden währenddessen auch Lego-Oscars verliehen. Ich will auch einen!! Buzzfeed ist zur Stelle, uns verrät uns direkt, wie das geht.

Weitere Preise gingen anschließend an The Call für den besten Kurzfilm und Crisis Hotline: Veterens Press 1 als besten Kurzdoku. Neil Patrick Harris verfing sich anschließend mit seinem Bademantel in der Tür…

Für die Neugierigen unter euch: Es wurden laut Harris keine Socken für diesen Sketch traumatisiert … ich meine verwendet. Just so you know. Was das sollte? Eine Anspielung auf Birdman, wie es aussieht. Da ich den Film noch nicht gesehen habe, konnte ich mich wenige Sekunden davor nur darüber freuen, dass Liz Feldman einen kleinen Cameoauftritt im Hintergrund hatte.

Sound Mixing ging anschließend an Whiplash, für Sound Editing wurde American Sniper ausgezeichnet.

Danach durfte endlich einmal wieder einer der „wichtigeren“ Preise verliehen werden. Der Preis für die besten Nebendarstellerin wurde von Jared Leto an Patricia Arquette für Boyhood vergeben. Wie schon bei den Globes, kam die mit Brille und verbereiteter Rede bestückt auf die Bühne und sorgte wenige Sekunden später dafür, dass niemand anderes als Meryl Streep jubelnd aus dem Sitz sprang:

Die Heldin des Abend war gekrönt! Wer Meryl Streep neben J.Lo gesetzt hat? Wer weiß, aber sie scheint sich genauso über Arquettes Rede zu freuen.

Visual Effects gewann anschließend Interstellar, den Preis für den besten animierten Kurzfilm ging an Feast, bester animierter Film wurde Big Hero 6. The Grand Budapest Hotel wurde für sein Production Design ausgezeichnet, Birdman für seine Cinematographie. Meryl Streep moderierte anschließend, Joan Didion zitierend, die In Memoria-Sektion der Show an, Jennifer Hudson durfte den Verstorbenen danach ein Lied singen. Ich versuchte derweil gegen einen spontan einsetzenden Tiefschlaf anzukämpfen. Es folgten weitere Preise: Bestes Filmediting gewann Whiplash, den Preis für den besten Dokumentarfilm gewann Laura Poitras für die Snowden-Doku CitizenFour. Wenn schon keine Frau für Regie nominiert war, gewann zumindest hier eine Filmemacherin!

Zum Glück wurde ich danach mit ein weniger schwerfälligen Musik wachgerüttelt. John Legend und Common traten mit ihrem Selma-Song Glory auf und sorgten für Gänsehaut und Kloß im Hals. Nicht nur bei mir. Vor allem das männliche Publikum zeigte sich sichtlich bewegt. Selma-Hauptdarsteller David Oyelowo liefen die Tränen über die Backen..

…und auch Chris Pine zeigte sich inklusive Standing Ovations ergriffen!

Idina Menzel durfte sich anschließend ausgiebig bei John Travolta dafür rächen, dass er sie letztes Jahr bei den Oscars unter falschem und völlig hirnrissigem Namen als Adele Dezeem angesagt hat:

Es lief alles so gut…

…bis er ihr einfach ungefragt ins Gesicht gefasst hat. Vorher am Abend hatte er schon Scarlett Johansson auf dem Roten Teppich einfach unbefragt begrabbelt.

No, it is not!

Widerlich, creepy oder ein Masterplan von seiner Perücke abzulenken? Ich entschied mich für die beiden ersten Dinge. Beide verliehen schließlich den Preis für den besten Song, der unerwartet an das gerade erst gesungene Glory ging. Die Sänger John Legend und Common schlossen sich in ihrer Dankesrede an die anderen großartigen Reden des Abends an:

Nina Simone said it’s an artist’s duty to reflect the times in which we live. We wrote this song for a film that was based on events that were 50 years ago but we say that Selma is now because the struggle for justice is right now. We know that the Voting Rights Act that they fought for 50 years ago is being compromised right now in this country today. We know that right now the struggle for freedom and justice is real. We live in the most incarcerated country in the world. There are more black men under correctional control today than were under slavery in 1850. When people are marching with our song, we want to tell you we are with you, we see you, we love you, and march on!

Es folgte eine Hommage an The Sound of Music mit Lady Gaga, die für die meisten, die auch noch wach waren, für Verwirrung sorgte, weil sie anscheinend nicht damit gerechnet hatten, dass Gaga singen kann. Für mich sorgte die ganze Nummer einfach nur komplett für Verwirrung. So richtig habe ich den Anlass dafür auch immer noch nicht verstanden, aber hey, am Ende ist Julie Andrews aufgetaucht und Lady Gaga und sie haben sich umarmt. Wie das eben so sein muss.

Andrews verlieh anschließend den Preis für die besten Filmmusik, der an den gleich doppelt nominierten Alexander Desplat für The Grand Budapest Hotel ging. Wes Anderson gefiel das immer noch:

Das beste original Drehbuch gewann anschließend Birdman. Anschließend hieß es für mich das erste Mal am Abend: „Daumen drücken!“ Und es hat etwas gebracht, der Preis für das beste adaptierte Drehbuch ging an Graham Moore für The Imitation Game.

Moore ist nicht nur ein ausgezeichnet Autor, ich hatte mir wirklich gehofft, dass Imitation Game wenigstens diesen Preis gewinnt. Moore hat anschließend das Ganze auch noch mit einer sehr guten und sehr offenen Dankesrede getoppt:

Thank you for this film. I’m so indebted to you for it. So, here’s the thing: Alan Turing never got to stand on a stage like this and look out at all of these disconcertingly attractive faces and I do. And that’s the most unfair thing I think I’ve ever heard. So, in this brief time here, what I want to use it to do is to say this: When I was 16 years old, I tried to kill myself because I felt weird and I felt different and I felt like I did not belong. And now I’m standing here and, so, I would like for this moment to be for that kid out there who feels like she’s weird or she’s different or she doesn’t fit in anywhere. Yes, you do. I promise you do. You do. Stay weird. Stay different. And then when it’s your turn and you are standing on this stage, please pass the same message to the next person who comes along.

Um nicht zu sagen:

Wer mehr von Moore lesen möchte, der sei The Sherlockian wärmstens ans Herz gelegt!

Die Nacht näherte sich dem Ende mit Ben Affleck, der den Preis für den besten Regisseur an Alejandro G. Inarritu für Birdman verlieh, und der großartigen Cate Blanchett, die schließlich den Preis für den besten Hauptdarsteller vergeben durfte. Den gewann Eddie Redmayne für seine Darstellung von Stephen Hawking in The Theory of Everything. Sichtlich geschockt stolperte der wie ein junges Reh auf die Bühne und konnte kaum fassen, dass er da einen wirklich echten Oscar in der Hand hielt!

Wer Redmayne noch sympathischer finden will, der kann sich auf eine zukünftige Rolle von ihm freuen: Er wird in Danish Girl eine transexuelle Frau spielen, Amber Heard spielt ihre Ehefrau.

Was lange währt, wird endlich gut, hieß es dann für Julianne Moore. Beim fünften Anlauf hat es geklappt, sie gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin in Still Alice!

Nur noch ein Award fehlte, der Award für den besten Film. Gewinner des begehrtesten Preises wurde Birdman, angesagt von Sean Penn, der sich einen rassistischen Kommentar nicht nehmen ließ, bevor er den Titel verkündete: „Who gave this son of a bitch a green card?“
Who let you on that stage!? Regisseur Innaritu hat sich dadurch trotzdem nicht verwirren lassen und legte in seiner Rede richtig los:

War noch was? Achja, diese geheimnisvolle, gut bewachte Tasche mit Neil Patrick Harris‘ Oscar-Vorhersagungen wurde noch geöffnet. Er verlas schließlich einige der seltsamen Momente des Abends, wie unter anderem den, als Travolta Menzel ins Gesicht patschte. Alles inszeniert oder Zufall oder doch ein Trick? Ich konnte ab dem Punkt des Abends ganz ehrlich nur noch sagen: Who the fuck cares?!

Und da war sie dann durchgestanden, die Oscarnacht 2015.
Meine Hoffnung sind jetzt schon hoch, was die Nacht in 2016 angeht, denn das neue Filmjahr könnte lesbischer denn je werden. Freeheld, ein Film nach wahren Begebenheiten mit Julianne Moore und Ellen Page als lesbisches Paar, das für Gleichberechtigung kämpft, sorgt jetzt schon für Furore. Und dann wäre da natürlich noch der Film, auf den wir hier seit Jahren hinfiebern: Die Highsmith Verfilmung von Carol mit Cate Blanchett und Rooney Mara in der Hauptrolle hat jetzt schon das Zeug dazu ein lesbischer Klassiker zu werden!

Aber bis 2016 ist es noch ein weiter Weg, jetzt muss erstmal nach der Awardseason entspannt werden. Zum Beispiel mit Bildern von der Vanity Fair Afterparty und Bilder davon, was alle nach der Show zu anderen Parties angezogen haben. Oder ihr guckt euch gleich die lustigen neuen Oscar-Sketche von Jimmy Kimmel an!

Bis zu den Serien-BAFTAS im Sommer, Kittens!

Bilder/Gifs: A.M.P.A.S., ABC
Transcripts: Oscars.com

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