Filme Kultur

Dyke Hard, Misfits & Schwarzenbach – Die 65. Berlinale

6. Februar 2015

Nach der gestrigen Eröffnung der 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin (hier im Stream) geht es heute erst richtig los  – mit einem erfreulich wilden, auch queeren Festivalprogramm!

Hauptprogramm

Schon im Vorfeld warb Festivalchef Dieter Kosslick mit – hust – starken Frauen im Wettbewerb. Damit meint er statt kämpfenden Action-Heldinnen eher Abenteuerinnen mit Tee-Service, wie Juliette Binoches Hauptrolle im Isabel Coixets Eröffnungsfilm Nobody Wants the Night:

Die Kritik ist sich uneinig, ob der Film nun zärtlich-wahrhaftig die spannungsreiche Beziehung zweier Frauen erzählt oder vor allem rassistische Klischees transportiert. Über Festivalereignisse wie 50 Shades of Gray, Selma, Mr Holmes oder Cinderella (alle nicht im eigentlichen Wettbewerb) werden die Meinungen wohl auch auseinander gehen.

Am roten Teppich zumindest hat Binoche alle begeistert, genauso Jury-Mitglied Audrey Tautou. Ebendort werden noch bekannte Berlinale-Gäste wie Cate Blanchett (Cinderella + Knight of Cups), Charlotte Gainsbourg (Every Thing Will Be Fine), Nicole Kidman (Queen of the desert), Charlotte Rampling (Andrew „Looking“ Haighs 45 Years), Léa Seydoux (Tagebuch einer Kammerzofe), Natalie Portman (Knight of Cups), Barbara Sukowa (Die abhandene Welt) und James Franco erwartet. Letzterer hat gleich drei Filme im Festival, inklusive einer schwulen Geschichte, dazu gleich mehr. Zunächst zu einem Film, der tatsächlich die Chance auf den Goldenen Bären hat:

Vergine giurata

Dieses Drama mit Alba Rochwacher (I Am Love, Die Einsamkeit der Primzahlen) erzählt von der albanischen Tradition, nach der Frauen ein freies Leben als Mann führen können – nachdem sie ewige Jungfräulichkeit geschworen haben. Laura Bispuris Debütfilm zeigt aber, wie die Hauptfigur sich von der archaischen Bergwelt abwendet und versucht, bei ihrer Schwester in Mailand klar zu kommen und eine selbstbestimmte Geschlechtsidentität zu entwickeln.

Panorama & andere Reihen

Traditionell finden sich die meisten LGBT-Themen in der großen Nebenreihe Panorama. Das haben wir vor allem dessen Leiter Wieland Speck zu verdanken. Nachdem er letztes Jahr herbe Kritik bekam, weil lesbische Filme fehlten (wer genau hinschaute, konnte unkonventionelle Frauen*-Lieben finden), gab diesmal gleich ein ganzes Interview zu lesbischen Filmen im Panorama. Da findet sich die unterschiedlichsten Geschichten. Lasst mich mit dem lautesten und schrillsten Film beginnen, dann über Dramen, Independent-Perlen aus aller Welt und ein paar Klassiker schließlich zum spannenden Doku-Programm kommen.

Dyke Hard

Ein schwedisches Trash-Musical ist nicht gerade das, was man zuerst auf der Berlinale erwarten würde. Umso schöner, dass Filmemacherin Bitte Andersson hier John-Waters-Referenzen, Szene-Klischees und Rock-Geschichte ebenso verwurstet wie allerlei Horror-/SciFi-/Action-Elemente. Achja, die Story dreht sich um eine Lesben-Rock-Band. Beim Missy Magazine wird schon vom „Hype“ geschwärmt: „Witzig, spannend, explizit, überspitzt kitschig_geschmacklos und *dykelicious*“. Wow.

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Sangailė

Ein sommerlicher Mädchen-Liebesfilm aus Litauen ist der erste Spielfilm von Alanté Kavaïté, die in Sundance gleich für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Im Laufe des Films planscht Titelfigur Sangailė nicht nur im Wasser, sondern traut sich auch, endlich ihren Traum vom Fliegen trotz Flugangst umzusetzen. Das alles dank ihrer neuen Freundin Auste…

Sangaile

 Wonderful World End

Kawaii-Ästhetik, Chats und Videoblogs. Dieser japanische Mädchenfilm (Generation 14+) basiert auf zwei Musikvideos von Seiko Oomori (Midnight Seijun Isei Kouyuu, Kimi To Eiga). Deren Darstellerinnen Ai Hashimoto, Jun Aonami und Yu Inaba hat der junge Regisseur Daigo Matsui auch gleich übernommen.

Blood Below the Skin

30-Minüter über drei Highschool-Schülerinnen von Jennifer Reeder (Berlinale Shorts). In der Woche vor der großen Prom Night übt das Trio eine Choreographie ein, derweil zwei der Mädchen sich ineinander verlieben. Der folgende Ausschnitt führt treffend die noch immer aktuelle Doppelmoral gegenüber weiblichen Teenagern vor:

Der letzte Sommer der Reichen

Kommen wir zu den Erwachsenen. Nein, das ist nicht Eva Green, sondern Amira Casar, die aber für die Rolle der skrupellosen Konzernchefin Hanna von Stezewitz genauso geeignet scheint. Diese geht im bitterbösen Schweizer Gesellschaftsdrama von Peter Kern eine Liaison mit einer Nonne und Krankenschwester ein…

 Angelica

Wer sagt, dass es auf der Berlinale keine Genre-Kost gibt: Diese gothische Romanverfilmung spielt natürlich im victorianischen London (Fotos vom Set). Während der Trailer uns ordentlich gruseln lassen will, wird Jena Malone im Teaser auf der Filmseite ruhig von Janet McTeer ins Bett gebracht.

Stories of our Lives

Hier ist er, der starke politische Film im Berlinale-Programm: Beeindruckende schwarz-weiß Bilder und ergreifende Geschichten aus dem Leben junger queerer Kenianer*innen. Nach monatelangen Recherchen und Gesprächen drehten Jim Chuchu und das Kollektive NEST einen Episodenfilm (5 Kurzfilme, zusammen 60 min), der in Kenia sofort verboten wurde.

I Am Michael

Der Trend, die schwule Geschichte aufzuarbeiten, ist noch nicht vorbei: Diesmal geben James Franco und Zachary Quinto queere Aktivisten, die in den 90ern einen Dokumentarfilm drehen, eine Zeitschrift gründen und mit dem „Gleichgewicht zwischen Sexualität und Spiritualität“ hadern. Justin Kellys Film basiert auf der Biografie des späteres Predigers Michael Glatze. Trotz des tragischen Plots erfreut sicher das hippe Traumpaar.

Retrospektive

Märchen in den schönsten Farben: Die Berlinale kramt in der Technicolor-Retro diesmal Ur-Klassiker wie Gone With the Wind, The Wizard of Oz, Singin’ in the Rain oder den allerersten Disney-Film Snow White hervor. Auch mit Marlene Dietrich (The Garden of Allah), Lana Turner (The Three Musketeers) und Jean Peters als „Piratenkönigin“ gibt es ein Wiedersehen.

Dokumentationen

Je suis Annemarie Schwarzenbach von Véronique Aubouy: 16 junge Schauspieler und Schauspielerinnen agieren in wechselnden Rollen als die androgyne Schweizer Schriftstellerin und deren Freunde und Geliebte. Ein Casting wird zum Spiel mit lesbischer Geschichte. (Mehr zu Schwarzenbach hier.)

© Paraiso Production

Misfits des Dänen Jannik Splidsboel porträtiert queere Jugendliche im amerikanischen „bible belt“, ihre Kämpfe und Sehnsüchte. Getreu der It gets better-Moral verkündigt schon der Katalog-Text: „Larissa und ihre Freundin liefern eine der glitzerndsten und farbenprächtigsten lesbischen Kussszenen der Filmgeschichte.“ Ich bin gespannt. (Trailer auf www.kino-zeit.de)

misfits

Feelings Are Facts erzählt das Leben der lesbischen Tanz-Legende Yvonne Rainer. Für alle, denen dieser Name wie mir so gar nichts sagt, hier ein visueller Eindruck:

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Den Namen kennen wir alle: What Happened, Miss Simone? von Liz Garbus verbindet viel Originalmaterial und Interviews zu einem detaillierten Porträt der politisch aktiven Jazz-Sängerin.

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Wer noch mehr Tipps sucht, kann weiterlesen bei Missy oder Siegessäule – die wieder von der eigenen Jury die Else für den besten abendfüllenden queeren Film vergeben lässt. Alle Anwärter für Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilm-Teddys findet ihr im Teddy-Programm quer durch alle Sektionen. Und absolut alles, inklusive vieler Fotos, Filmausschnitte, Eckdaten, gibts es im kompletten Berlinale-Programm. (Dort werden auch täglich neue Online-Tickets freigeschaltet. Das sagenumwobene Schlangestehen ist für die meisten Programme nämlich unnötig.) Wer günstige Tickets sucht, sollte unbedingt in die Reihe Generation 14+ schauen, die meist großartige Jugendfilme anbietet.

Alles andere müsst ihr selbst entdecken!

 

 

 

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