Bücher Kultur

Yoko Tawada & Etüden im Schnee

1. Februar 2015
yoko-yvesnoir-net

© Yves Noir

„Was die Literatur uns anbietet, das sind Parodie, Satire, Lachen, Lust … “ (Interview)

Erstaunlicherweise wird Yoko Tawada kaum als lesbische Autorin mit queerem Verlag wahrgenommen. Dabei gibt es in ihren Büchern nicht selten Erotik und Beziehungen zwischen Frauen. Ihr neuer Roman streift zudem die Themen Adoptionsrecht und Wahlfamilie. Hintergrund dieser Rezeption ist, dass Tawada ihre private Person ganz zurückhält. Bekannt ist die berufliche Laufbahn: Die 22-jährige Japanerin kam 1982 nach Hamburg, wo sie (weiter)studierte, promovierte und schrieb. Seit Ende der 80er veröffentlicht sie viel beachtete Bücher; die Liste der literarischen und wissenschaftlichen Auszeichnungen ist lang. Seit 2006 lebt sie in Berlin.

Als Autorin, die zweisprachig (auch) über Migration und Sprache schreibt, erlebt Yoko Tawada einerseits, dass ihre Texte biografisch gelesen werden. Gleichzeitig wird meist das Traumhaft-Geheimnisvolle hervorgehoben. Eine konkrete Deutung verweigern ihre Gedichte, Romane, Essays, Kurzprosa und Theaterstücke durchweg. Ihr abenteuerliches aktuelles Buch erteilt erst recht jeder einseitigen Lektüre, insbesondere der als „Migrantenliteratur“, die ironische Abfuhr.

„Eine Autobiografie zu schreiben bedeutete, alles, was man nicht mehr weiß, zu erraten oder zu erfinden.“

Im dreiteiligen Roman Etüden im Schnee lässt Tawada zunächst eine sowjetische Eisbärin ihre Memoiren „erfinden“. Die geschriebenen Seiten – das Buch trägt den Titel Applaussturm für meine Tränen – werden im Exil sofort politisch instrumentalisiert. Schon die „Rettung“ vor Sibirien scheint fragwürdig, wenn die Protagonistin schwitzend im winterlichen Berlin sitzt und sich mit Tiefkühl-Lachs vollstopft. Wer also weiß am besten, was für die Migrantin gut ist? Haben Eisbären überhaupt eine Nationalität?

Die Bärin wird immer weiterziehen, von Russland nach Westdeutschland, Kanada, die DDR. Später zieht ihre Tochter im sozialistischen Zirkus um die Welt. Dennoch ist Etüden im Schnee auch ein Berlin-Roman.

„Meine Sehnsucht nach der Welt hinter der Mauer: War das nicht ein Beweis dafür, dass ich ein Berliner war? Als ich geboren wurde, war die Berliner Mauer schon ein Stück Geschichte, aber viele Berliner trugen noch eine Mauer im Gehirn, die die rechte Hälfte von der linken trennte.“

Den hier sprechenden Berliner hat Tawada nicht frei erfunden, vielmehr war er eine Art Nationalheld: Medienstar Knut bestreitet den dritten Abschnitt des Buches. Er ist ein Ich-Erzähler, der erst „Ich“ zu sagen lernt, als andere Bären ihn auslachen.

Der zweite Teil des Romans handelt verbindend von Knuts Mutter Toska und deren Dompteurin Barbara, die ebenfalls auf einer historischen Person basiert. Hier verschwimmen die tierische und die menschliche Perspektive ineinander, in den Erlebnissen, den Memoiren, den Träumen. Bis hin zur innigen Nummer „Todeskuss“ funktioniert dieses enge Verhältnis für Toska und Barbara besser als die Menschwerdung der alten Bärin oder Knuts „artgerechte Haltung“ mit „Mutter Matthias“ im Zoo. Der ersehnte titelgebende Schnee kommt erst im traumhaften Schlussbild.

Trotz der verspielten Ironie und vieler satirischer Einfälle – darunter der Cameo eines gewissen Pop-Stars – wird Tawada in ihrer Gesellschaftskritik auch sehr deutlich. Mitunter erklärt sie dann die politische Dimension ihrer Tiergeschichte:

„die Zirkusnummer mit gemischten Raubtieren … erinnert mich an die staatliche Choreografie, die bunt gekleidete Minderheiten in einer Parade zeigt. Ihnen wird politische Autonomie zugesprochen, dafür sind sie verpflichtet, die kulturelle Vielfalt ihres Landes optisch vorzutäuschen.“

Solche Zuschreibungen von Fremdheit und Außenseitertum sind ein Thema in allen drei realitiv geschlossenen Teilen. Der entfremdende Blick auf unseren Alltag und die Ambivalent von Traum vs. Wirklichkeit bereiten dabei ebenso viel Lesefreude wie die liebevolle Zeichnung der Bärenfamilie. Und nicht zuletzt ist Etüden im Schnee, mit rauem Fell außen und frostigen Grafiken innen, auch gestalterisch ein Schatz.

Yoko Tawada: Etüden im Schnee, Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2014, 320 Seiten, Klappenbroschur, 12,90 Euro

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