Filme Queer Life

Kino der Sexualitäten: Pornfilmfestival Berlin

23. Oktober 2014

Gestern Abend startete das queerste Filmfest der Stadt mit der japanischen Fetisch-Farce R100. Doch das 9. Pornfilmfestival Berlin im Kreuzberger Moviemento bietet sehr viel mehr als variantenreiche Sexfilme!

Der Anteil von Filmemacherinnen ist dieses Jahr so hoch, dass die Siegessäule, die das Festival präsentiert, es wunderbarerweise Porn Queens in Berlin betitelt. Vielleicht liegt es auch an der Frauenpräsenz, jedenfalls ist das abwechslungsreiche Programm (Katalog) dieses Jahr noch weiter von der ursprünglichen Idee abgerückt, „nur“ Porn jenseits des Mainstreams zu zeigen. Dennoch bleibt das Filmfest der Sexualitäten bei seinem Namen und den schon vertrauten Aufblaspuppen-Icons – es dürften sich auch zum Beispiel Komödien- oder Doku-Fans angesprochen fühlen.

Zu den Programm-Highlights.

Meine erste Empfehlung ist ganz klar 52 Tuesdays! Denn ich hatte das Glück, diese starke Trans*-Geschichte über die 16-jährige Billie und ihre Mutter James schon auf der Berlinale zu sehen. Seitdem der australische Film dort den Gläsernen Bären und den Siegessäule-Jurypreis Else einheimste, feiert Regisseurin Sophie Hyde weltweit Festivalerfolge, ein interaktives Kunstprojekt und zumindest in einigen Ländern bald regulären Kinostart.

Zwischen James‘ Geschlechtsanpassung und Billies zarter Dreiecksliebelei stellt sich auch die Frage, was lesbisch überhaupt bedeutet. Bei aller Identitätsfindung stehen im Vordergrund aber familiäre Liebe und Zusammenhalt:

 

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Noch eine Berlinale-Bekannte: Die Doku Vulva 3.0 – Zwischen Tabu und Tuning von Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann widmet sich nicht ganz schmerzfrei allerlei Intimfragen, Mythen, Praktiken und dem „Schönheitsideal der Unsichtbarkeit“. Unter anderem diskutieren Mithu Sanyal (Vulva-Autorin), Claudia Gehrke (Konkursbuch) und Laura Méritt (Sexclusivitäten). Ein vielstimmiger Aufklärungskurs.

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Besondere Erwähnung verdient auch der Abschlussfilm The Foxy Merkins. Eine skurrile Komödie von Madeleine Olnek, die schon mit Codependant Lesbian Space Alien Seeks Same ebenso erstaunte wie amüsierte. Diesmal gehts weniger um Romantik, als um Liebesdienste: Die Obdachlosen Margaret und Jo (Lisa Haas, Jackie Monahan) gehen mitten in Manhattan auf den „Lesbenstrich“. Dort lernt man nicht nur, wie Schamhaartoupees heißen….

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Pornografischer geht es in folgenden, ebenso vielversprechenden Titeln zu:

  • Michelle Flynns sonniger Debütfilm Momentum:

  • Die als Fotografin bekannte Goodyn Green zeigt in Shutter (mit Sadie Lune, Paulita Pappel, Zoë Challenger) zum zweiten Mal Porno aus der sexy Queer-Berlin-Perspektive – und in ästhetischen Bildern.

  • Pornfilmfest-Stammgast Courtney Trouble zeigt diesmal einerseits den handlungsfreien Porn Girl Pile und außerdem Fucking Mystic um ein hübsches Trans-Mädchen:

  • Erika Lust setzt in ihrer neuen multisexuellen Pornoreihe XConfessions die Fanstasien ihrer Fans um. Wem die Umsetzungen gefallen, kann sich weiterhin mit einer „Beichte“ an dem Website-Projekt beteiligen, bei dem monatlich eine neue Folge entsteht.
  • In der Shorts Lesbian Porn gibts gleich 9 Filme, unter anderem Barbie-Spiele von Zahra Stardust, Aufzug-Sex mit Jiz Lee und Masturbation mit Syd Blakovich:

  • Zuletzt noch ein Retro-Tipp: Inside Jennifer Welles (1977) ist das wiederentdeckte Vermächnis des 70er-Porn-Stars Jennifer Welles – autobiografisch, unter Eigenregie entstanden. Mit Marlene Willoughby in einer lesbischer Nebenrolle hier im Ausschnitt.

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Zum Rahmenprogramm des Festivals gehören Partys, Workshops, Kritik am konservativen“Art Porn“-Kino und auch eine Portrait-Foto-Ausstellung von Alexa Vachon. Hier findet ihr den Timetable (pdf).

Aufregende, anregende Kinotage wünsch ich!

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