Bücher

Tania Witte, die Dritte: bestenfalls alles

5. Oktober 2014

*

Bevor in der kommenden Woche wieder alle Medien ihre langen Buchmesse-Listen veröffentlichen, drängele ich mich vor mit meiner liebsten Neuerscheinung der Saison: Tania Wittes drittem Roman bestenfalls alles! Das mag diejenigen nicht überraschen, die meine Hymnen auf die Autorin und ihre ersten beiden Bücher beziehungsweise liebe (2011) & leben nebenbei (2012) sowie von der ungeduldigen Vorfreude gelesen haben.

Gerade vor einer Woche wurde der druckfrische Teil der Stadtgeschichten angemessen gefeiert, natürlich in Berlin, natürlich mit Programm inklusive Trailer-Uraufführung. Zwischen Malte Göbels Überblick zu allen Büchern (in 6 Sätzen) und Christiane Rösingers lakonischem Mini-Konzert legte sich Tania Witte ins Zeug, uns mit pointierten Passagen zu locken, anhand der Biografie eines Vierbeiners existentielle Fragen aufzuwerfen, sich schließlich einem Q&A zu ihrer Arbeitsweise zu stellen.

In einem abgelegenen Haus in Belgien ohne Internet/TV/Radio schrieb Tania also diesen Roman runter, dessen Plot sie schon während der Arbeit am ersten Teil entwickelte. Wo beziehungsweise liebe noch voller Leichtigkeit die Lebensentwürfe einer wahrlich queeren Gruppe Berliner*innen aushandelte, kommen die Fortsetzungen auf den oft schmerzvollen Kern des Selbstbilds. In bestenfalls alles müssen zwei Freundinnen aus dem Figurenensemble darum kämpfen, ihre Identitätkoordinaten zu orten, wobei es nur am Rande um Sexualität geht.

Einerseits nimmt sich Tania Witte mit bekannter Freude an Klischees (und an Sprache!) diesmal zum Beispiel E-Mail-Adressen, Anti-Hochzeiten, „Guziba“-Eltern und Homöopathie für Hunde vor. Anderseits wird hier Herkunftsgeschichte neu geschrieben, heißt es nun Biologie vs. Erziehung, Typologie vs. Individualität, fremd vs. vereinnahmt. Um der Figuren-Historie richtig auf den Grund zu gehen, schickt die Autorin ihre Protagonistinnen quer durch Deutschland und in die persönlichen Abgründe. Zum Glück sind sie dabei nicht allein.

Trotzdem die queere Clique für Zusammenhalt sorgt, konzentriert sich die Geschichte diesmal auf einen einzigen Handlungsstrang um Tekgül & Nicoletta, die sie zuvor etwas vernachlässte. Wer auf den ersten Seiten Probleme hat, sich zwischen all den Figuren zurechtzufinden, kann sich also darauf verlassen, dass sich bald das Gewusel lichtet – und die Spannung dramatisch zunimmt. Das Ende ist dann im Vergleich zum zweiten Band geradezu harmonisch. Denn wenn die Trilogie eine Message hat, dann ist sie ein Hohelied auf die Freundschaft. (Mehr zum Inhalt inkl. Spoiler bei AVIVA.)

Es scheint kein Zufall zu sein, dass alle von mir am meisten geschätzte Autorinnen, in so unterschiedlichen Stilen, ihre Arbeit um Identitätsfragen kreisen lassen (besonders Antje Rávic Strubel und Yoko Tawada, aber auch z.B. Sarah Waters). Tania Witte hat sich mit ihrem neuen Buch dort endgültig eingereiht; so smart und zeitgemäß hat sie den irisierenden Komplex von Selbst- und Fremdbild zu ihrem Thema gemacht. Dass sie das sicher auch für die nächste Generation aufbereiten kann, wird ihr nächstes Projekt zeigen, ein Jugendbuch.

*

bestenfalls-alles

Cover-Foto © Risk Hazekamp

Mehr Veranstaltungen:

Leider musste Tania Witte ihren Besuch der Frankfurter Buchmesse absagen. Trotzdem hier ein Hinweis auf die Lesbisch-Schwule Büchernacht von Querverlag & CO.:  Samstag, 11. Oktober, 20 Uhr, LSKH (Lesbisch-Schwules Kulturhaus), Klingerstraße 6, Frankfurt/Main.

Es folgen aber eine Lesung in Bielefeld (17. November im Queer‘s, Neumarkt 11-13, 19.30 Uhr) und eine in der Kreuzberger Schokofarik am Mittwoch, 19. November, 18.30 Uhr (Anmeldung unter: renatewitt@schokofabrik.de).

Tania Witte: bestenfalls alles. Roman. Querverlag, Berlin 2014. Broschiert, 288 Seiten, 14,90 Euro bzw. als eBook 9,99 Euro.

Homepage / Facebook / Leseprobe (pdf)

Zum Abschluss noch der spätsommerliche Trailer zum Buch…

 

 

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar