Filme Queer Life

LUCY: I Am Everywhere

15. August 2014

Lucy Poster

Lucy, so hieß die erste Frau – sagt Richard, der diese als Nachbildung in einem Museum gesehen hat. Mit diesem Wissen versucht er Lucy (Scarlett Johansson, Superheldin vom Dienst siehe SHIELD), amerikanische Studentin in Taipei, davon zu überzeugen, einem Geschäftsmann in einer Hotellobby einen Koffer zu überbringen. Die Geschichte wirkt auf sie nicht gerade vertrauenserweckend und Richard – so viel verrate ich an dieser Stelle schon mal – wird auch nicht mehr allzu lange leben.

Lucy3

In dem Koffer ist eine neue Droge: synthetisch hergestelltes CPH4. Der Geschäftsmann Mr. Jang (Choi Min-sik) entpuppt sich als Kopf einer Drogenschmugglerbande, die Ausländern den Stoff in den Bauch implantiert, um ihn so auf der Welt zu verteilen. Lucy soll nach erfolgreicher Kofferübergabe gleich wieder als Botin eingespannt werden. Doch das CPH4 kommt in ihr Blut. Ihre Wahrnehmung verändert sich, sie spürt weder Schmerz noch Angst.

Lucy4

Während der angesehene Neurologe Prof. Samuel Norman (Morgan Freeman) in Paris einen Vortrag über die Evolution der Nutzung zerebraler Kapazitäten hält – ausgehend von der These, dass Menschen nur etwa zehn Prozent dieser Kapazität nutzen – macht Lucy selbst diese Evolution durch. Sie kontaktiert den Wissenschaftler und bittet ihn um Hilfe, denn sie weiß, dass ihr nicht viel Zeit bleibt: die Drogenschmuggler sind ihr dicht auf den Fersen.

Lucy2

Luc Besson mischt Science-Fiction, Action und einen Hauch Philosophie mit imposanter, sehr präziser Bildästhetik und wunderschöner musikalischer Untermalung (Éric Serra). Die collagenartigen Einblendungen, die von einigen Pressestimmen als eher nervend beschrieben wurden, passen meiner Meinung nach aber sehr gut in den Film. Zugegeben, der philosophische Part wird (zum Teil) zurecht als weit hergeholt und wenig logisch kritisiert, aber – und das ist ein verdammt großes Aber – ich habe auch den Verdacht, dass die vielen verhaltenen Filmkritiken daher kommen, dass die (oft männlichen) Kritiker es einfach nicht gewohnt sind, eine konsequent gefühl- und angstlose Frau auf der Leinwand zu sehen.

Daher meine fünf Thesen:
1. Wäre Lucy z.B. ein Tony Stark (Iron Man), wäre er kein Übermensch (im negativen Sinne), sondern ein verdammt cooler Typ.
2. Wäre Lucy z.B. ein Tony Stark, würde weniger betont, dass der Film Logiklöcher aufweist und mehr gelobt, dass die Actionszenen einfach sitzen.
3. Wäre Lucy z.B. ein Tony Stark, würde niemand rumnörgeln, dass die Actionszenen obsolet seien, weil sie ohnehin nie wirklich in Gefahr schwebt und mehr gelobt, dass die Szenen einfach cool sind.
4. Wäre Lucy z.B. ein Tony Stark, würde auch niemand rumjammern, dass die Nebenfiguren austauschbar seien, denn ein verdammt cooler Typ braucht keine charakterlich tiefsinnig gezeichnete Entourage.
5. Wäre Lucy z.B. ein Tony Stark, würden sich wenige daran stören, dass er allmächtig (und das ist nicht positiv gemeint) ist, denn für einen verdammt coolen Typen steht das ja wohl außer Frage.

Denn ich fand den Film und Scarlett Johansson als Lucy wirklich cool. Ein bisschen tragisch ist es, dass sie, je näher sie der 100%igen Nutzung ihrer zerebralen Kapazität kommt, alles ablegt, was unserer Definition nach, Menschlichkeit bedeutet. Andererseits braucht es ja nur einen Besuch in einer PRIMARK-Filiale um zu sehen, wie viel Menschlichkeit bei den dortigen Konsument_innen angesichts der Billigmode zu Billigpreisen übrig geblieben ist – und billig ist kein positives Wort, auch wenn Werbung uns das gern glauben lassen will.

LUCY

Life was given to us a billion years ago. Now you know what to do with it. – Lucy

Fazit: Wenn ihr bereit seid, euch auf die gedanklichen Grundlagen des Films einzulassen und über ein paar Logiklücken hinweg sehen könnt – wozu ihr bei 95,9% aller Mainstream-Filme ohnehin genötigt werdet – dann schaut ihn euch an! Ich persönlich gehe nur noch selten ins Kino, weil ich viele Filme als Zeitverschwendung empfinde oder mir 9,50 Euro für mittelmäßige Unterhaltung einfach zu schade sind. Aber bei LUCY hat sich diese Investition gelohnt: coole Action, knallharte und zielstrebige Protagonistin, ein ganz kleines bisschen inspirierender philosophischer Diskurs, großartige Musik und ein in sich abgeschlossener und bis ins Schlussbild rund konzipierter Film. Wer aufmerksam schaut, kann auch den einen oder anderen Bruch mit etablierten Spielfilmklischees entdecken. Ich war 90 Minuten lang gut unterhalten!

LUCY läuft seit dem 14. August in den deutschen Kinos

Offizielle Website zum Film

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar