Bücher Queer Life

Unbequeme Lektüre: Sara Lövestam

14. August 2014

Loevestam_Sowiedubist

„Pflegekind, behindert, dunkelhäutig, Linkshänderin – und jetzt das hier!“

Mehrfachdiskriminierung in einem lesbischen Unterhaltungsroman – das macht neugierig! Der eigentliche Plot mag ähnlich bekannt sein: So wie du bist dreht sich um Martin und Lelle, die eng befreundet, obwohl gegensätzlich sind. Er, stiller Spirituosenhändler, versucht heimlich seinen Stumpf-Fetisch (sic!) auszuleben. Sie hingegen, Partylesbe und Gymnasiallehrerin mit grünen Nägeln, kann weder die intimsten Details noch plumpesten Sprüche für sich behalten. Dann beginnt Martin die verschlossene Paula, eine Sprachwissenschaftlerin im Rollstuhl, zu daten. Die beiden Frauen hassen sich so sehr, dass schnell der Screwball-diktierte Ausgang der Geschichte dämmert… Doch bis zum Happy-End verknüpft Sara Lövestam die Dreiecksgeschichte mit (Dis)Ableism-Diskurs und allerlei Nebenkonflikten wie Coming-out, Fetischismus, Adoption, Rassismus, frühkindliche Traumata, Inzest, Alkoholismus, Intoleranz, Partikelverben usw.

Leider ist der Roman nicht nur überambitioniert, sondern auch dürftig umgesetzt: Perspektivenwechsel auf wirklich jeder Seite, unsympathische, überzeichnete Hauptfiguren, viele schlecht eingeführte Nebenfiguren, haarsträubende Zufälle, diverse Dialog-Ausfälle – darunter ein behindertenfeindlicher rape joke ausgerechnet von der Lesbe. Da möchte man auch die manchmal ungeschickte Wortwahl (z.B. wird amputiert und angeboren verwechselt) gar nicht der Übersetzerin in die Schuhe schieben. Diese wusste sich an einigen Stellen nur mit Fußnoten zu helfen, was neben der sehr sprunghaften Erzählweise nicht gerade den Lesefluss fördert. Dennoch stimmt, was eine Goodreads-Leserin schreibt: „It was hard to put the book down once I got to that ‚wait, wtf?‘ point in it.“ Und es gibt mehr als einen solchen What the fuck-Moment!

Passend zur aktuellen Diskussion darum, dass Behinderungen kein medizinisches Problem, sondern eine soziale Herausforderung sind, wird in So wie du bist einmal beispielhaft ein Leben ohne Beine vor allem in Beziehungen zu anderen Menschen durchgespielt. Dabei ergibt sich eine widersprüchliche Wertung: Einerseits nimmt gerade die provokative Lelle, die anfangs jeden wunden Punkt trifft, schließlich Paula als die ganze komplexe Persönlichkeit, die sie ist. Andererseits entpuppt sich Paula für Martin als die Verkörperung seines trauma-induzierten Fetischs (von dem er am Ende geheilt ist) und schließlich bekommt auch noch eine Mutter die Schuld an so einer womöglich vermeidbaren „Missbildung“ zugeschrieben. So optimistisch der deutsche Titel des Buches klingt, der Originaltitel Udda, „anders“, beschreibt Paulas Selbst- und Fremdwahrnehmung auch am Ende des Buches allzu treffend. Wenigstens ist sie da nicht die Einzige.

„Ich verstehe nicht, wie du funktionierst.“ klingt Paulas beherrschte Stimme durch den Hörer. … „Das weiß ich auch nicht,“ sagt Lelle aufrichtig.

„Keine bequeme Lektüre, eine anregende aber auf jeden Fall,“ schließt eine Rezension (Lesbenring). Ja, vielleicht regt das überladene Debüt tatsächlich die eine oder andere Autor*in dazu an, Tabus und Themenvielfalt in die queeren Romanwelten zu öffnen – oder auch dazu, sich an Literaturwettbewerben zu beteiligen. Denn 2009 gewann Sara Lövestams Debüt den Romanwettbewerb des renommierten schwedischen Verlags Piratförlaget, Stockholm – die etwas paradoxe Begründung: ”An open, warm and loving story about people who struggle with openness, warmth and love” – und wenig später erschien Udda, dem schon vier weitere Romane folgten. Zumindest das ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte.

Sara Lövestam:

So wie du bist. Roman. Aus dem Schwedischen von Julia Kielmann2013, Krug & Schadenberg, 224 Seiten, broschiert, 16,90 Euro.

E-Book 13,99 Euro

Leseprobe

 

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