Bücher Queer Life

Robin & Jennifer, Kitty & Nan und eine Sommeridylle

22. Juli 2014

Sommeridyll_web

Ein paar Romane warten hier schon eine Weile darauf, euch ans Herz gelegt zu werden. Pünktlich zu den Ferien, zum Rumliegen und Träumen, tische ich drei kurzweilige, aber gar nicht gehaltlose Leckerbissen auf: zuerst Elke Weigels neuen Roman Robin & Jennifer, als zweiten historischen Roman Sarah Waters modernen Klassiker Die Muschelöffnerin (Tipping the Velvet) und obendrauf das letzte Werk Patricia Highsmith‘ mit dem schönen Titel „Small g“ – eine Sommeridylle. Zu jeder Kurz-Review gibt es noch einen passenden Extra-Buchtipp. Sommerbücher satt.

 

„Dir fehlt der kritische Abstand, ma chère. … Die Liebe ist eine Illusion, das wirst du schon noch erfahren.“ – „Ich glaube dir kein Wort. Du musst so reden, um wie ein Dandy zu wirken.“

Erwachsenwerden bedeutet wie vor gut 100 Jahren noch immer, sich gegen Vormund, Vorurteile und Konventionen zu emanzipieren, eigene Möglichkeiten, Sehnsüchte und Interessen zu ergründen. Davon erzählt Elke Weigel in Robin & Jennifer anhand zweier äußerlich gegensätzlicher Mädchenleben im kleinbürgerlichen Stuttgart bzw. im mondänen Paris der Jahre 1899 bis 1913. Ihre Protagonistinnen treffen erst im letzten Drittel des Romans aufeinander: Die märchenhafte Parallelwelt der (historisch korrekten) Künstlerkolonie auf dem Monte Verité symbolisiert den Epochenumbruch. Hier werden die Ideen der Frauenemanzipation und der modernen Künste wie dem Neuen Tanz tatsächlich gelebt – wenn auch nicht ohne Grenzen und Ängste.

Eine nur kurz erwähnte Gefahr ist der bevorstehende 1. Weltkrieg. Auch Psychiatrien, Mädchenheime, Mittellosigkeit sind hier anders als etwa bei Sarah Waters (siehe unten) nur Bedrohungen am Horizont. Die Heldinnen behalten trotz herber Familien- und Liebesdramen doch immer ihre Absicherung und Zuversicht. Auch wenn der Roman z.B. durch die Anti-LGBTI-Petition in Baden-Württemberg (siehe weird/Januar 2014) erschreckende Aktualität hat, ist er vor allem eine Zeitreise zu den Anfängen der Frauen-/Lesbenbewegung, inklusive Cameos berühmter Mitstreiterinnen. Nachdem politische Ideale und Liebe gefunden sind, passen Robin & Jennifer sich wiederum nicht an, sondern bleiben zwei eigensinnige Persönlichkeiten.

Als eine Art zeitgeschichtliche Fortsetzung kann man den hochspannenden Berlin-Roman Gestohlene Tage von Heny Ruttkay lesen.

Elke Weigel: Robin & Jennifer. Historischer Roman, 352 Seiten, Klappenbroschur, Vorsatzseiten mit historischen Fotos/Vignetten, Konkursbuch Verlag, 10,90 Euro. e-Book: 8,49 Euro. Leseprobe bei amazon.

 

„Respectible Lady Seeks Fe-Male Lodger“ … there was something very appealing about that Fe-Male. I saw myself in it – in the hyphen.

Man könnte Elke Weigels Roman fast als pragmatische Liebesgeschichte bezeichnen, wenn man sie mit dem (ihr sicher nicht unbekannten) Vorläufer Tipping the Velvet/Die Muschelöffnerin vergleicht. Wer den erfolgreichen BBC-Dreiteiler noch im Kopf hat, erinnert sich an aufreizende Bühnenkostüme, tragische Wendungen und ein paar hübsche Frauen. In der literarischen Vorlage mit bald 600 Seiten hat all das noch mehr Raum; hier kann Sarah Waters die Milieubeschreibungen – vom Fischerort über Theaterwelt und Straßenstrich bis zu dekadenter Elite und letztlich einer sozialistisch engagierten Gemeinschaft – richtig entfalten.

Auch Nancy „Nan“ Astley lernen wir sehr viel besser kennen als im Fernsehen. Im Gegensatz zu ihrer oberflächlichen Partnerin Kitty Butler, ist das Cross-Dressing für Nan nicht nur ein Job, sondern erlaubt ihr, Geschlechter- und Lebensentwürfe rigoros an- und abzustreifen, was ihr manchmal ganz einfach das Überleben sichert, ihr im Laufe der Zeit aber zu einer selbstbewussten Identität verhilft, die keinerlei Vorbild hat! Die übersprudelnde, pointiert geschriebene Geschichte endet dann auch für BBC-Fans überraschend…

Unbedingt lesenswert ist auch Sarah Waters‘ umfangreicher Lesben-Roman Solange du lügst/Fingersmith.

Sarah Waters: Die Muschelöffnerin. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Amrain, 576 Seiten, broschiert, Krug & Schadenberg, 18 Euro, E-Book 12,99 Euro. [Original: Tipping the Velvet, 480 Seiten, Taschenbuch oder E-Book, Virago, ca. 10 Euro]

 

Jakob’s Bierstube-Restaurant was known as the Small g at weekends … meaning a partially gay clientèle but not entirely.

Small g beginnt mit einem Mord und endet mit einer fast märchenhaften Auflösung aller Konflikte – und doch legte Highsmith hier mal keinen psychologischen Krimi vor. Der posthum erschienene Roman erzählt dagegen das Liebesdrama des schwulen Ricky und die bisexuelle Dreiecksgeschichte um Luisa, erzählt von ihrer Freundschaft, von Vorurteilen und gefährlichen Intrigen. Alles spielt sich in einem kleinen Viertel im sommerlichen Zürich ab. Eine Idylle ist dabei kaum im Alltag, am ehesten noch im gemischten Publikum des titelgebende Lokals zu finden. Hier entfaltet Highsmith ein Plädoyer für Akzeptanz und Vielfalt. Spannend ist das Buch auch vor dem Hintergrund, dass die amerikanische Autorin selbst ihre letzten anderthalb Jahrzehnte in der Schweiz lebte – und lesbisches Liebe nur selten thematisierte. Marijane Meaker erinnert sich in Highsmith. A Romance in the 1950s, wie „Pat“ spät – in den 90ern! – zu ihrem Thema zurück fand und ihr schrieb:

„Remember you sent me that guide to gay places in Europe? Remember they had a capital G by male bars and a small one by female? I went to one bar in Zurich … that’s a good title. Small g. And everyone’s waiting for me to do a lesbian book since I was successful with Claire Morgan [The Price of Salt, 1953], so I think I’ll do it.“

Der Klassiker von Highsmith bleibt natürlich Salz und sein Preis/Carol, das lange als einziger lesbischer Roman mit Happy End galt – und dessen Verfilmung Carol ihr natürlich inzwischen alle kennt.

Patricia Highsmith: Small g – eine Sommeridylle. Roman. Aus dem Englischen von Matthias Jendis. 464 Seiten, Diogenes, 11,90 Euro. [Original: Small g – a summer idyll, Taschenbuch oder E-Book, 320 Seiten, W W Norton & Co, ca. 10 Euro]

Genug Gründe also den restlichen Sommer lesend zu verbringen – oder auch vorlesend.

Alla Nazimova lässt sich von Valentino vorlesen (Camille, 1921)

 

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar