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Medienwechsel: Blau ist eine warme Farbe

25. April 2014

Dieses Wochenende dreht sich in Berlin alles um Comics: Am Samstag ist die Comic Invasion Berlin (12-23 Uhr im Urban Spree, Revaler Straße 99, Eintritt frei) und am Sonntag die Comic Messe Berlin (10-16 Uhr im Ellington Hotel, Nürnberger Str. 50-55, Eintritt 3,50/1,50 Euro). Neben Läden/Verlagsständen gibt es zahlreiche Veranstaltungen, eine Ausstellung, Signiertische etc. pp. Garantiert werdet ihr auf den Comic-Events auch bissige Künstlerinnen wie Mischief Champion und queere Themen z.B. von Tabinda James finden. Oder schnappt euch Graphic Novels, die ihr schon lange mal lesen wolltet – ich empfehle immer wieder beide von Alison Bechdel sowie die folgende:

Über kaum einen Film wurde seit letztem Mai so hitzig diskutiert – obwohl er stolz die Goldene Palme (erstmals für Regie und Darstellerinnen) aus Cannes davontrug. Sogar die Autorin der Vorlage distanzierte sich lautstark vom Endprodukt. Wenigstens sind sich alle darin einig, dass La vie d’Adèle (dt. DVD ab 9.5.14) nur lose an die Graphic Novel Le bleu est une couleur chaude anknüpft. Egal also, ob euch der Film gefallen hat, ihr solltet euch unbedingt mal das Buch anschauen!

Le bleu est une couleur chaude – Comic & Autorin

“The best thing this book could do is help queer youth, somewhere, somehow.” (x)

Julie Maroh ist eine französisch-belgische Comicautorin, die nicht nur offen lesbisch lebt, sondern sich auch z.B. in Anthologien für LGBT-Rechte einsetzt. Ihre zweite veröffentlichte Graphic Novel ist eine Musiker-Biografie. Aber ihr folgendes Projekt wird sich wieder queeren Lebensweisen zuwenden:

„I’ll spend the rest of this year and 2014 working on my new project called Les corps sonores, a series of little love stories and introspections focused on alternative identities and sexualities.“ (x)

Selbstportrait Julie Maroh

Mit Abstand am meisten Erfolg hatte Maroh bisher mit ihrer (auch) politisch motivierten Graphic Novel Le bleu est une couleur chaude, die nicht nur verfilmt, sondern gar in zehn weiteren Sprachen erschienen ist (Bibliographie). Maroh erzählt vom Mädchen Clémentine – oder vielmehr lässt sie es selbst erzählen. Während die in Pastelltönen colorierte Rahmenhandlung die tragische Seite der Liebesgeschichte aus der Sicht von Emma trägt, breitet Clémentines Tagebuch die einerseits ganz intime andererseits engagierte Geschichte von erster/einziger Liebe & Sex, sozialer Ausgrenzung und dem verzweifelten Ringen um ein unabhängiges Leben aus. Marohs Interesse dahinter („the banalisation of homosexuality„) wird immer wieder in leider authentischen Reaktionen von Eltern, Mitschülerinnen, Kollegen deutlich.

Auf nur 160 großzügigen Seiten werden nicht nur viele Jahre (ab 1994) konzentriert, sondern auch alle Extreme des Lebens von intensiven Glückserlebnissen über beißende Konfikte bis zu tiefer Trauer umrissen. Trotz der denkbar großen Themen und der unbestreitbaren Schwermut der Erzählung gelingt Maroh ein faszinierendes Kunstwerk, das allein durch die gezielte Farbgebung sowie die im doppelten Sinn plastisch gezeichneten Hauptfiguren besticht. Am Ende richtet man mit Emma den Blick aufs Meer und will einfach nicht begreifen, dass alles so schnell vorbei war.

Julie Maroh: Blau ist eine warme Farbe. Splitter-Verlag 2013, 160 Seiten, 19,80 Euro.

Französisches Original: Le bleu est une couleur chaude, GLENAT, 160 Seiten, ca. 17 Euro. (Anders als die dt. und engl. Übersetzungen ist das Original ein elegantes Großformat 22 x 31 cm.)

blau

La Vie d’Adèle – Film & Medienrummel

Aus dieser Vorlage hätte man ein lesbisches Brokeback Mountain machen können: das große, tragische Liebesdrama mit ein bisschen Nostalgie und gesellschaftlichem Impetus. Interessante Darstellerinnen wurden auch gefunden: die wunderbare Léa Seydoux (Emma) und die zum Shootingstar avancierte Adèle Exarchopoulos in der Titelrolle. Aber Regisseur Kechiche hatte etwas anderes im Sinn als eine werkgetreue Inszenierung, nämlich die Selbstsuche einer sinnlichen, antiintellektuellen (angehenden) Lehrerin verbunden mit einer jungen Liebesgeschichte, die nur „zufällig“ lesbisch sei.

Während Maroh in wenigen Bildern eine große Geschichte entwickelt, nimmt sich Kechiche viel Zeit für Detailimpressionen. Das ist mal die berühmte ausgeleuchtete Sexsequenz, häufiger eine Nahaufnahme beim Essen oder auch die geduldige Unterrichtsbeobachtung oder zähe Partyszene. Der Schlüsselmoment lässt zunächst auf sich warten. Als sich die beiden grundverschiedenen Mädchen dann kennengelernt haben, überschlagen sich dagegen die Ereignisse, wenn auch nicht das Erzähltempo. Auch an Klischees wird nicht gespart. (Klassen-)Gegensätze werden überzeichnet, Austern vs. Spaghetti, mondäner Kunstzirkus vs. pragmatisches Kleinbürgertum. Emma tritt immer exzentrischer auf. Adèle bleibt als Grundschullehrerin von dieser Welt genauso ausgeschlossen wie als Lesbe von ihrem beruflichen Umfeld.

Gleichzeitig leben die Darstellerinnen so intensiv in ihren Rollen, dass man gebannt bleibt und sich ein paar Lieblingsszenen einbrennen. Das mag vielleicht auch den krassen Drehmethoden geschuldet sein (allein zehn Tage für die Sexszene und ein Regisseur, der „wirklich alles“ fordert, so Léa im Interview: „In Amerika säßen wir jetzt alle im Knast,“ was Kechiche wiederum herablassend konterte…) – das Talent der beiden wird dennoch niemand in Frage stellen. Dass der Film so begeistert aufgenommen wurde, die Goldene Palme erhielt, die beiden Schauspielerinnen gute Freundinnen wurden und inzwischen Homo-Ehe auch in Frankreich legal ist, kann alles immerhin ein Trost für den krassen fünfeinhalb-monatigen Dreh sein.

Nicht nur die Filmwelt stürzte sich neugierig auf den Film. Das queere Posture Mag zeigt mal die Reaktion von verschiedenen Lesben auf jene gewisse Szene…

DeLaria_on_Bleu

Diese gemischten Reaktionen kann ich gut verstehen und, ja, Emmas erfolgreiche Kunstausstellung ist lächerlich, aber ein Totalverriss wie der von Lea DeLaria („Big Boo“ aus Orange is the New Black) tut der eigentlich engagierten Story und den intensiven Darstellerinnen unrecht. Vielleicht sollte man sich hier mal einen „Author’s Cut“ wünschen, denn Julie Marohs Anliegen geht zwischen den ausufernden Szenen unter. Von einer (schon laut angedachten) Fortsetzung mit Adèle Exarchopoulos würde ich mir allerdings wenig versprechen, vermutlich würde ihre erste Liebe als „Phase“ abgetan werden.

Da inzwischen all diese Debatten weiter weggerückt sind, können wir uns den Film nun gemütlich zuhause ansehen. Ohne die peinlich berührten Reaktionen des Mitpublikums können wir diese im Kino noch immer so ungewöhnliche Liebesgeschichte sicher mehr genießen.

Die deutsche DVD bzw. Blu-ray erscheint am 9. Mai: Blau ist eine warme Farbe – La vie d’Adèle (Kapitel 1 & 2). Alamode Film. FSK 16, 172 Minuten, ca. 16 Euro.

1 Kommentar

  • Reply RR004: Lange rede, kurzer Sinn – “Blau ist eine warme Farbe” 22. Juni 2014 at 20:55

    […] Medienwechsel: Blau ist eine warme Farbe (Artikel zu Buch und Film auf kweens.de) […]

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