Queer Life

Girls Gone Gaming: Remember Me

1. April 2014

Meine Tage als Game-Junkie sind mittlerweile Vergangenheit. Aber manchmal zuckt es mir doch noch in den Fingern. Vor allem, wenn ein Spiel so vielversprechend aussieht, wie Remember Me: die Protagonistin, das Setting, die Story, die Engine… – nachdem ich den Trailer zum ersten Mal gesehen hatte, war ich schwer angefixt.

rememberme

2084, Neo-Paris: Eine Welt, in der Erinnerungen zur Ware geworden sind, über deren Handel ein einzelner Konzern (Memorize) wacht. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Nur die Erroristen versuchen sich dieser absoluten Kontrolle zu widersetzen. Einige von ihnen sind sogenannte Memory Hunter. Während die meisten von ihnen nur Erinnerungen löschen oder stehlen können, besitzt Nilin Cartier-Wells die außergewöhnliche Fähigkeit, Erinnerungen zu verändern und so Menschen zu manipulieren. Doch als sie in der Bastille (noch immer als Gefängnis genutzt) zu sich kommt, weiß sie selbst nicht mehr, wer sie ist und vor allem, warum ihre Erinnerungen komplett gelöscht werden sollten…

Schon 2011 tauchte das Spiel – damals noch unter dem Titel Adrift – auf meinem Radar auf. Der Grund war kein schöner: Die ursprüngliche Zusammenarbeit des französischen Studios Dontnod und Sony wurde beendet, ohne dass das Spiel fertig gestellt war. Der herbe Rückschlag wurde mit dem angeblich fehlenden Marktwerk frauenzentrierten Games begründet:

We had some [publishers] that said, ‚Well, we don’t want to publish it because that’s not going to succeed. You can’t have a female character in games. It has to be a male character, simple as that.‘ – Jean-Max Morris, creative director

2012 wurde bekannt, dass Capcom das Spiel unter dem Titel Remember Me trotz aller Vorbehalte und Schwierigkeiten in den Augen der Spieleindustrie veröffentlichen würde.

You have to avoid the pitfalls of making her just a damsel in distress or a sex bomb, because this is what you think would appeal most to the hordes of men that constitute your fan base. – Jean-Max Morris im Interview mit Brenna Hillier (16. April 2013)

Pluspunkte:

  • Nilin ist die Protagonistin
  • Nilin ist eine Woman of Color (Französin mit Wurzeln in Südasien und Äthiopien)
  • Nilin ist schlagfertig (auch verbal), zielstrebig, wehrhaft, pragmatisch und rebellisch, hat aber auch ein ausgeprägtes Unrechtsempfinden
  • Fanservice ist auf das nötige Minimum reduziert: Nilin sieht wirklich toll aus, aber ihr sexy Outfit ist kein Selbstzweck, sondern zweckmäßig und nicht oversexed
  • der Soundtrack von Olivier Deriviere ist perfekt
  • die Concept Art von Paul Chadeisson ist großartig
  • der Memory remix ist ein ziemlich spannendes Feature (leider gibt es im ganzen Spiel nur wenige dieser Sequenzen)
  • die Story ist originell, durchdacht, tiefgründig, manchmal überraschend und szenisch sehr stimmungsvoll umgesetzt
  • das Setting ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet
  • Movie-Feeling und teils beeindruckende Cinematografie

Minuspunkte:

  • bevor es losgehen kann, müssen noch via Steam 2,2 GB runtergeladen werden
  • das Spiel ist für Konsolen optimiert, was die Steuerung mit Maus und Tastatur teilweise etwas umständlich und manchmal frustrierend macht
    – Tipp: benutzt einen Contoller, empfohlen wird der Xbox360 Controller
  • der Memory remix lässt sich mit Maus und Tastatur nur sehr schlecht und mit viel Geduld steuern (es ist nicht unmöglich!)
    – Tipp: haltet die linke Maustaste und malt große Kreise gegen den Uhrzeigersinn
  • das Kampfsystem ist etwas gewöhnungsbedürftig, teilweise träge
  • die Kampfsituationen sind wenig abwechslungsreich
  • die deutsche Synchro ist ein bisschen lieblos
  • das Spiel ist insgesamt sehr Cutscene lastig, das schränkt die Spieler_innen sehr in ihren Interaktionsmöglichkeiten mit der Welt und der Handlung ein (erzeugt aber gleichzeitig ein Filmgefühl)
  • die Kameraführung ist manchmal sehr irritierend (vor allem wenn man an einer Regenrinne über einer Häuserschlucht hängt…)
  • die Welt ist nicht frei zugänglich (man kommt nicht in Geschäfte etc.) und Nilins Wege durch Neo-Paris sind vorgegeben (teilweise mit sehr aufdringlichen Hinweisen, wohin man als nächtses springen muss etc. – ideal für Genre- und allgemein Spiele-Neulinge)

Fazit: 100%ig gelungen ist Remember Me meiner Meinung nach leider nicht. Einige Probleme (der PC-Version) rühren daher, dass es erst später als Multi-Plattform-Spiel umgesetzt wurde. Man braucht etwas Geduld, um sich in die Steuerung einzufühlen (ich war kein Konsolen-Kind). Trotz der eher geringen Bewegungs- und Interaktionsfreiheit in Neo-Paris gibt es viel zu entdecken. Außerdem gibt es ein paar anspruchsvolle Sprünge zu bewältigen und Rätsel zu lösen. Der Memory remix ist originell, insgesamt aber auch wenig frei. Remember Me vereint viele schon bekannte Elemente und Konzepte aus anderen Spielen, kombiniert sie aber zu einem sehr unterhaltsamen Erlebnis. Das Spiel und sein (total überraschender) kommerzieller Erfolg sind definitiv ein guter Schritt für eine Entwicklung, die ich mir als Spielerin sehr für die Industrie wünsche…

Women make up 45% of the gaming community and 4% of the main characters of the 25 biggest games of the year. – Jezebel

Gäbe es Remember Me als gut geschriebenes Buch, wäre es ein anspruchsvoller Pageturner und garantiert in meinem Regal zu finden (sogar bei den richtigen Romanen und nicht im Nerd-Fach)! Würde ein Studio Remember Me verfilmen, würde ich mal wieder ins Kino gehen und mir garantiert die Special Limited Collector’s Edition kaufen. Der Live-Action-Trailer macht mir jedenfalls Lust auf mehr.

Außerdem gibt ein tolles kleines Web-Gimmick zur Vertiefung der Vorgeschichte (Antoine’s Journal) und ein Wiki.

Eck-Daten:

  • Genre: Third-Person-Adventure
  • Plattformen: Xbox360, PS3, PC
  • Benötigt: Steam-Account, Internet
  • Spielzeit: ca. 22h

1 Kommentar

  • Reply Bioschokolade 21. April 2014 at 18:13

    Das Spiel war vor ein paar Monaten mal bei Playstation Plus dabei. Seitdem hab ichs auf meiner Festplatte, auch schon ein paar mal gestartet, aber nie gespielt. Dieses „Du musst mich spielen, JETZT!“ schreit es mir noch nicht zu. Aber vielleicht sollte ich es wirklich mal starten und spielen, zumal die Spielzeit ja wirklich geht.

  • Schreibe einen Kommentar