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Berlinerinnen um 1930: Texte von Maria Leitner

17. März 2014

Das Berlin der 1920er und frühen 30er ist einer unserer (heimlichen) Schwerpunkte. Wie zuletzt in Heny Ruttkays Roman Gestohlene Tage gelesen, vereinen diese Jahre so viel Faszination und Krisen, dass sie bis heute den Großstadtmythos prägen. Diesmal geht es um eine Autorin, die hinter die blendenden Fassaden des Trubels schaute.

Denn Maria Leitner (1892 in Varazdin geboren, in Budapest aufgewachsen und danach Weltbürgerin) ist eine smarte Beobachterin, noch dazu eine wortgewandte. Im von Helga und Wilfried Schwarz herausgegebenen Buch beschreibt sie meist alltägliche Szenen, doch aus dem Detail spricht die große Misere. Für romantische Liebe – bei zeitgenössischen Kolleginnen ganz groß – bleibt nur die Pointe am Rande reserviert. Zusammen ergeben die Miniaturen und Reportagen ein gesellschaftliches Mosaik der späten Weimarer Republik. Leitner war um 1930 als sozialkritische Schriftstellerin bekannt und kämpfte „als sympathische, kluge Genossin“ besonders für ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben der Frauen.

Ich versuche, ganz ohne Übertreibung, nur das zu berichten, was ich selbst gesehen habe. Das ist nicht viel. Man könnte tausendmal mehr sagen und es wäre immer nur ein winziger Ausschnitt aus dem ungeheuren Sumpf.

Ein „ungeheurer Sumpf“ umgibt den § 218, der seit 1871 den Schwangerschaftabbruch „regelt“. Leitner analysiert das System der Kurpfuscher und „ehemaligen Hebammen“ sowie die weitläufigeren Folgen des Gesetzes. Die Wut spricht aus jedem Satz. Ebenso genau beobachtet sie, wie die Verschärfung der Wirtschaftskrise gerade Frauen belastet (Frauen im Sturm der Zeit).

„Weil sie schon seit ihrer Kindheit dazu erzogen werden, Frauenarbeit ist nicht für Männer.“ – „Aber Weiber dürfen Männerarbeit machen, wenn sie nur billiger sind.“

Ihr Interesse gilt besonders den Mittellosen, Außenseitern und Absteigern, sehr genau erfasst sie dabei viele verschiedene Lebenssituationen. Ihr kleiner Roman Mädchen mit drei Namen läuft auf eine engagierte Moral hinaus. Die blutjunge Lina flüchtet aus Cottbus, um in der Großstadt frei zu sein. Plan- und mittellos versucht sie sich als Tänzerin und Bardame, wird in Fürsorgeheim und Kloster drangsaliert. Doch am Ende findet sie ihr Selbstwertgefühl zurück.

„Denn, wenn du nicht in dir selbst dir Fehler suchen wirst, sondern in der Welt, die dich umgibt, dann, so befürchten sie, wirst du einmal diese Welt verändern wollen.“ … Wunderbar neu wurde mir die Welt.

Zwar wird die finale Erkenntnis vom Kommunisten Karl herbeigeredet, doch ist bis dahin vor allem Solidarität zwischen Frauen ausschlaggebend. Aus zufälligen Begegnungen entstehen da Vertraute. Manchmal ist das einfach ein offenes Gespräch: Eine schwarze Deutsche schildert Lina die tagtägliche Ausgrenzung. Eins, zwei Mal rettet die neue Freundschaft tatsächlich das Überleben. Und mit der Freundin an der Seite hat die Großstadt sogar noch etwas vom legendären Glanz übrig.

Die ganze Stadt veränderte sich, wenn ich mit Angelika durch die Straßen von Berlin ging. Ich kam in Gegenden mit den wundervollsten und prächtigsten Geschäften…

Maria Leitner, 1928

Da Leitner schonungslos dokumentiert und auch vor der Bloßstellung von Nazi-Lügen nicht zurückstreckt (Im Krug eines Hitler-Dorfes, 1932), verwundert es nicht, dass die Jüdin schon untergetaucht war, als einige der hier abgedruckten Texte in den Zeitungen erschienen. Vor ihren Artikeln über Berlin und Norddeutschland bereiste sie im Auftrag von Ullstein Amerika (dazu die Bücher Eine Frau reist durch die Welt und Hotel Amerika). Bis 1939 bereiste sie aus dem Exil weiterhin mutig als Reporterin Deutschland – sie starb 1942. Diese Dokumente der NS-Zeit werden bald in Elisabeth, ein Hitlermädchen und andere Beobachtungen neu erscheinen. Maria Leitner, die sich selbst für die Anerkennung der Exilliteratur einsetzte, kann nun als eine „verdrängte Autorin“ wiederentdeckt werden.

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Leitner, Maria: Mädchen mit drei Namen, Hg. v. Helga und Wilfried Schwarz, AvivA Verlag Berlin 2013, 224 Seiten, Broschur, 15,90 Euro

 

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