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Kweens-Guide zur 64. Berlinale

7. Februar 2014
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Gesicht der diesjährigen Teddy Awards: Valeska Gert, ein Stück Goldene-Zwanziger-Nostalgie

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Hört ihr die Rufe? Berlinaaaale! Valeska Gert, Kabarettistin der Weimarer Republik (heute würde man performance artist sagen) grölt es vom Teddy-Plakat, von allen Zeitungen Berlins wird Kinofieber propagiert. Zeit, endlich einen genaueren Blick auf das Festival und seine Programmsektionen zu werfen. Zur Einstimmung erstmal hier Berlinale-Trailer gucken!

Fangen wir ganz „oben“ an: Über die Goldenen und Silbernen Bären entscheidet dieses Jahr eine ausgesprochen sympathische International Jury: Michel Gondry, Greta Gerwig und Barbara Broccoli (links), Trine Dyrholm, Christoph Waltz, Tony Leung und Mitra Farahani (rechts). Den Präsidenten (Produzent und Autor James Schamus) mag man vielleicht nicht gleich zuordnen können, dabei war er für Brokeback Mountain, Taking Woodstock u.v.a.m. verantwortlich.

In Schlappen aufm Red Carpet: Kween Tilda bei der Eröffnung

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Apropos sympathisch: Wes Andersons skurriles Grand Budapest Hotel eröffnete den Wettbewerb mit keiner Geringeren als Tilda Swinton (als 84-jährige Liebhaberin) neben Léa Seydoux, Saoirse Ronan und den üblichen Verdächtigen. Regulärer Kinostart ist übrigens schon in 4 Wochen.

Viel queerer wirds im Wettbewerb dann nicht mehr. Die deutschen Beiträge zeichen ein Dreiecksgeschichte um Schiller (Die geliebten Schwestern) und die Schrecken eines katholischen Elterhauses (Kreuzweg). Der kalkulierte Aufreger des Festivals wird Lars von Triers Nymphomaniac (145 min) mit Charlotte Gainsbourg, von dem bereits so einige Teaser im Umlauf sind. Spannung versprechen zum Beispiel auch eine schwangere Astronautin (Afronauts, USA, 14 min) und die üppige Neuverfilmung von Die Schöne und das Biest (FR, 112 min) mit Léa Seydoux.

Der Langzeitspielfilm Boyhood (164 min) ist eine über 12 Jahre hinweg gedrehte Coming-of-Age-Perle, die schon in Sundance Erfolg hatte. Richard Linklater und Ethan Hawke auf den Spuren von Antoine Doinel – ich scharre schon aufgeregt mit den Füßen!

Erst ein zuckersüßes Kerlchen, dann der Halbstarke zwischen Ethan Hawke, Patricia Arquette und linklater mit Tochter: Ellar Coltrane

 

Der Wettbewerb zeigt bekanntlich nur einen kleinen Teil der über 400 Filme – und die Teddy-Hoffnungen liegen gerade woanders…

Die Berlinale hatte als erstes großes Festival einen speziell schwullesbischen Preis, den Teddy Award. Dieser hat sich vom waschbaren Stofftier zu einer Art Subfestival quer durch alle Sektionen gemausert. Auch dieses Jahr haben alle queeren Filme ihr eigenes Programmheft. Der Wehrmutstropfen, ein Grund zum Protest: Lesbisches Kino muss man dieses Jahr woanders suchen („Baumkuchen“ erinnert auf The Most Cake gerade etwas wehmütig an die Wichtigkeit lesbischer Filme). Kann es sein, dass im Gegensatz zu den vergangenen Jahren diesmal der einzige Lesbenfilm im engeren Sinne ein Jugendfilm unter 20 Minuten ist?! Ist aus schwullesbisch, später LGBT, jetzt GTIQ geworden? Denn Trans*/Intersex/Genderqueer wird erfreulicherweise mehrfach thematisiert.

Nichts für ungut, Kurzfilme sind mir eines der liebsten Genres aller Festivals, voller neuer Ideen und Leute. Auf der Berlinale haben sie gleich mehrere eigene Preise und neuerdings auch ein Stream-Portal: Berlinale Shorts Online. Die Kurzfilmprogramme Teddy-Rolle (So, 16.2., 17:00, International) und Queer Shorts (So, 09.02., 22:00 CinemaxX 3) sind garantiert lohnenswert. Gezeigt werden unter anderem der britische Viertelstünder Tits (Bild oben), der das Thema Intersex an eine Jungenschule bringt und Vetrarmorgun / Wintermorgen (Färöer, 19 min) mit Helena Heðinsdóttir Jørgensen und Armgarð Mortensen um eine intime Mädchenfreundschaft – Fucking Åmål lässt grüßen…

 

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Wie die beiden Kurzfilme stammt auch der australische Spielfilm 52 Tuesdays (Bild oben, 114 min) aus der beeindruckenden Sektion Generation 14+. In diesem Fall geht es um das schwierige Verhältnis einer 16-Jährigen zu ihrer transexuellen Mutter, die sie jeden Dienstag trifft – und irgendwann Dad genannt werden möchte. Der charmante Film gewann in Sundance den World Cinema Dramatic Directing Award.

Weniger Problemfilm als Hipsterparty ist das Musical God Help The Girl (UK, 111 min) von Belle & Sebastian-Kopf Stuart Murdoch mit Emily Browning. Wohl sowas wie der Film zum Soundtrack zur Lieblingsband aller Indie-Mädchen. We’ll love it!

Weitere Sektionen im Schnelldruchlauf.

Neben vielen Schwulenfilme finden sich im Panorama zum Beispiel auch fessselnd erzähltes Frauenleben: In Fever (Luxemburg/Österreich, 80 min) von Elfi Mikesch begibt sich Eva Mattes als Fotografin Franziska auf die Spuren ihrer Familiengeschichte und dem Kriegstrauma ihres Vaters.

Atonales Cross-Dressing bietet das Forum expanded: Bruce LaBruce inszeniert mit Pierrot Lunaire (Dtl./Kanada, 51 min) die von Arnold Schönberg vertonten Gedichte Albert Girauds. Die Hauptrolle in dieser Cabaret-Traumwelt von „dekadentem Verlangen, Schuld, Angst und Rausch“ übernimmt Susanne Sachsse, die hier auch ein Mädchen verführen wird.

Bei Panorama Dokumente gibt es die wundersame Geschichte einer posthum entdeckten Fotografin Finding Vivian Maier – aber auch Gruseliges: Vulva 3.0 berichtet (kritisch) über grenzenlose Beauty Pressure und Schönheits-OPs im Intimbereich. (Achtung, vorm Clip-Anschauen am besten Beine übereinander schlagen!)

Die Retrospektive feiert Licht und Schatten in Filmen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das ist die Chance Marlene mal auf der großen Leinwand im Shanghai Express zu bewundern oder Jean Cocteaus Variante mit dem neuen Schöne-und-das-Biest-Film zu vergleichen.

Ein Bonus der Berlinale: Die City ist voll von Filmeschaffenden und -fans, mit denen man in Kassenschlangen oder Foyers plaudern und auf Partys feiern kann. Die Teddy-Partys starten heute bei London Calling im Schwuz.

Von Zuhause aus kann man Live-Streams von Pressekonferenzen und vom Roten Teppich verfolgen oder aus guten Film-Magazinen Hintergrundwissen ziehen. Oder nehmt die Filmfestspiele doch zum Anlass ins nächste Kiez-Kino zu gehen und euch dort ohne Massenauflauf an einen anderen Ort zu träumen.

Wer sein Glück versuchen will: Spielzeiten, Infos und Tickethinweise zu allen genannten Filmen sind im Titel verlinkt und hier zu finden. Denn es ist und bleibt größte Publikumsfilmfestival der Welt!

Berlinale14+

Vor uns der Horizont: Gaite Jansen in „Supernova“  – „Eine erfrischend skurrile Geschichte über die erwachende Sexualität eines Mädchens.“

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