Bücher

Karen-Susan Fessel: Liebe macht Anders. Thriller

3. Januar 2014

Karen-Susan Fessel ist eine routinierte Autorin, die nicht nur einmal Tabuthemen für ein oft junges Publikum aufbereitet hat. Aber auch sie findet noch Neues. Über ihr Jugendbuch Liebe macht Anders kann man nur schwer ohne Spoiler schreiben. Dennoch sollte gerade das zentrale Thema dem Thriller viele Leser_innen bringen. Also: Wer sich die komplette Spannung nicht nehmen lassen will, sollte jetzt erstmal das Buch lesen. Es lohnt sich!

liebe_macht_anders

Konzept der Kosmos-Serie Herzblut ist es, Teenie-Romantik mit Krimi-Elementen zu verbinden. Im ersten Buch der Reihe lebt eine Gruppe Neuntklässler fatale Machtkämpfe aus. Anstoß ist der Neue in der Klasse: Anders. Sein Name ist Programm. Die Mädchen finden ihn spannender als alle anderen Jungs, denen wiederum sein Sonderstatus ein Dorn im Auge ist. Als Sanne und Anders sich näherkommen, setzt ihr Ex-Freund Robert alles daran, den androgynen Neuling bloßzustellen. Und eben das schafft er am Ende, wortwörtlich.

Obwohl das tragische Ende von Anfang an vorgezeichnet ist, werden die Ereignisse erst Schritt für Schritt nachgezeichnet. Aus verschiedenen Perspektiven, durch die Augen von Haupt- und Nebenfiguren, in der Chronologie von Berichten unterbrochen, in der jugendlich krassen Wortwahl nicht immer leicht erträglich. Auf diese Weise verdeutlicht das Textmosaik gerade, wie das Thema Intersex sowohl öffentlich als auch privat meist behandelt wird: Es wird drumherum geredet.

In den entscheidenen Passagen lässt Fessel dann ihren Anders erklären, wieso er nicht mehr Svea ist, vielleicht nie war, aber eben doch immer bleiben wird. Warum sein Körper eine Sportkarriere unmöglich machte. Wie seine Eltern und seine besorgte Schwester alles daran setzen, um ihn einen Neustart zu ermöglichen. Und Sanne, die zwar gar nichts mehr versteht, ist eigentlich auch nicht verwirrter als andere Teenager. Erste Liebe ist immer anders. Nur leider verstehen das die anderen nicht.

Details zum Thema – beispielsweise was die Ursache seiner Entwicklung ist, welche Eingriffe ihm bevorstehen und wie häufig solche Phänomene sind – werden in diesem Jugendbuch ausgespart. Im Gegensatz zum Spielfilm XXY oder dem Bestseller Middlesex prangt das abweichende Geschlecht nicht groß über der Geschichte, sondern ist lediglich dessen Pointe. Fessel zeigt es als eine Form von Andersein unter vielen, also als etwas, mit dem sich alle Teenager identifizieren können (sollen).

*

Ein starkes Plädoyer gegen das Schweigen zum Thema ist dagegen der Dokumentarfilm Mein Leben zwischen den Geschlechtern, der bis zum 9.1. in der arte-Mediathek (48 Min.) zu sehen ist. Die junge Australierin Phoebe Hart beschloss mit ihrer persönlichen Geschichte, ihrer Intersexualität (in diesem Fall Androgenresistenz) an die Öffentlichkeit zu gehen und andere Intersex-Menschen kennenzulernen. Ein optimistischer, einnehmender Film.

*

Karen-Susan Fessel: Liebe macht Anders. Thriller. Aus der Reihe Herzblut. Für Leute ab 14 Jahren, 176 Seiten, Taschenbuch, Kosmos 2013, 9,99 Euro (E-Book 8,99 Euro).

Leseprobe

 

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar