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Medienwechsel: Scherbenpark

18. November 2013

Vorsicht, Medienwechsel!

Wenn ein (bekannter) Roman verfilmt wird, ist der Aufschrei meist groß. Die Fantasie einer begeisterten Leserin kann von keiner noch so getreuen Verfilmung eingefangen werden, ergo geht dem Film viel Argwohn voraus. Andererseits basieren unzählige Kinoklassiker auf Literatur und manche Bücher verdanken ihren Erfolg erst einer Adaption. Statt zwei völlig verschiedene Medien in Konkurrenz zu setzen, nur weil sie zufällig eine ähnliche Geschichte erzählen, möchte ich hier Filme zum Anlass nehmen, auch die zugrunde liegenden Bücher zu reviewen – und bestenfalls beiden gerecht werden.

UPDATE: Gerade erschien Bettina Blümners Kinoversion von Alina Bronskys Scherbenpark auf DVD und als VoD!

Scherbenpark

„Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen: Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben…“

Das Buch

Wer anfängt, hat schon verloren. Auch wenn die Synopsis von Alina Bronskys Debütromans gar nicht nach lockerer Unhaltung klingt, will man sofort die ganze Geschichte der 17-jährigen Sascha in einem Rutsch lesen. Diese ersten Sätze stellen die beiden Personen vor, die als Abwesende der Fixpunkt von Saschas Leben in dieser Plattenbausiedlung namens Scherbenpark nahe Frankfurt stehen. Vadim ist der Vater ihrer beiden kleinen Geschwister, der für den Eifersuchtsmord an ihrer Mutter hinter Gittern sitzt. Nun kümmert sich Maria, eine Verwandte aus Nowosibirsk, um die Kinder. Als Vadim ausgerechnet in der regionalen Presse seine Reumütigkeit zur Schau stellt, geht Sascha auf die Barrikaden.

„Er ist der mieseste, dreckigste, ekligste Abschaum von Mensch, der Ihnen wahrscheinlich jemals begegnet ist. Und Sie schreiben, dass seine Briefe ausdrucksstark sind. Oder Bilder. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was es in mir auslöst, so etwas zu lesen?“

Als Quotenkind in der Eliteschule ist Sascha Klassenbeste und für ihre Geschwister tut sie alles. Dennoch schaut sie nur mit Verachtung auf die Welt. Auf Männer im Allgemeinen und besonders die Nachbarjungs, die ihren Bruder drangsalieren, aber Saschas Schlagfertigkeit meilenweit unterlegen sind. Auf die naiven Mitschülerinnen, die auf den reichen, netten Ehemann hoffen. Auf den Redakteur, der diesen unsäglichen Artikel über Vadim verantwortet – und ihrem Leben überraschend eine neuen Anstoß gibt, als sie sein vorschnelles Angebot, bei ihm und seinem jugendlichen Sohn unterzukommen, tatsächlich annimmt. Hier lernt sie:

„Jede Familie ist eine wandelnde Naturkatastrophe.”

Klassengegensätze, Perspektivlosigkeit, Wut, Flirts, erstes Mal, man kennt diese Coming-of-Age-Versatzstücke. Bronsky findet dazu die genau passenden Worte. Mit kurzen Sätzen und bissigen Dialogen zeichnet sie ihre beeindruckend starke Protagonistin, die weiß, wie man sich in einer trostlosen Welt durschschlagen kann.

Alina Bronsky: Scherbenpark. Roman. KiWi, Köln 2008, 288 Seiten, gebunden, 16,95 Euro, Taschenbuch 8,99 Euro.

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scherbenparkplakat

Der Film

Meine Freude darüber, dass Bettina Blümner die Kinoversion von Scherbenpark übernahm, ist erst etwas getrübt von der Sorge, dass die unverwechselbare Hauptfigur wohl unweigerlich gegen die (Lein)Wand gefahren wird. Doch dann trifft die großartige Jasna Fritzi Bauer genau den halbstarken, schlagfertigen, nervösen, liebenswerten Charakter der Vorlage. Noch dazu schafft es Blümner erstaunlich gut den Tonfall, den „Bronsky Beat“, hinüberzuretten. Bis auf einen entspannten Ullrich Noethen (dieser Krankenhauslachanfall!) sind weitgehend unbekannte Darsteller dabei, und zwar voll bei der Sache.

Die Geschichte wird weder verharmlost noch tragisch überhöht. Selbst die unvermeidlich peinlichen Teenie-Szene werden gekonnt abgefangen. Bis auf die Kling-Klang-Musik und ein paar zu sehr in den Vordergrund gerückte Klischees ist Scherbenpark eine absolut empfehlenswerte Tragikomödie. Von welchem deutschen Jugendfilm kann man das schon sagen. Die Auszeichnungen beim Max Ophüls Preis und dem Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern werden vermutlich nicht die letzten bleiben.

SCHERBENPARK, Deutschland 2013, 91 Minuten, von Bettina Blümner, mit Jasna Fritzi Bauer, Ulrich Noethen, Vladimir Burlakov, Max Hegewald, Kinostart: 21.11.2013, ab 23.05.2014 auf DVD und als VoD!

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Zum Weitergucken:

Ein Glück, dass Jasna Fritzi Bauer optisch noch als Teenager durchgeht, so kann sie uns als Jungpianistin (Für Elise), Tourette-Geplagte mit schräger Familie (Ein Tick anders) oder Unterdrückte im SED-Regime (Barbara) überzeugen. Wer mal in Wien ist, sollte auf den Spielplan des ehrwürdigen Burgtheaters achten, wo die 24-jährige „Ernst Busch“-Absolventin jetzt Ensemblemitglied ist.

Bettina Blümners Dokumentarfilm Prinzessinenbad zeigt als unterhaltsame Sozialstudie in etwa solche Mädchen, wie sie in Saschas Nachbarschaft leben. Diese drei Gören kommen allerdings aus Berlin und  wachsen fast ans Herz – „Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!

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Zum Weiterlesen:

Alle Bücher von Alina Bronsky, aufgewachsen in Jekaterinburg, Marburg und Darmstadt zeichnet ein atemloser Erzählstil und eine harte, aber humorvolle Darstellung der Realität aus. Ihre Migrationsgeschichten (Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche) oder Dystopien (Spiegel-Trilogie) sind ratzfatz gelesen und wirken lange nach. Thematisch auf Jugendliche/junge Erwachsene gemünzt sind die Romane auch in Feuilletons, bei Literaturpreisen, in Bühnenfassungen und zahlreichen Übersetzungen zu finden – und erreichen nun das hoffentlich breite Kinopublikum.

Ihr neuester Streich Nenn mich einfach Superheld hat erstmals kein Mädchen zur Hauptfigur…

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Und jetzt: Viel Spaß im Film- und Lese-Sessel!

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