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Heny Ruttkay: Gestohlene Tage

8. Oktober 2013

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„Eigentlich hatte ich nicht zu der Geburtstagsfeier gehen wollen“, eröffnet Heny Ruttkay ihren zweiten zeitgeschichtlichen Roman, der dennoch ein gutes Geburtstagsgschenk ist, erzählt er doch von einem schicksalshaften Zusammentreffen auf einer solchen Feier im Jahre 1931…

Gestohlene Tage beginnt mit einer plötzlichen Trennung. Die 18-jährige „unmodisch üppige“ Eva, Sproß einer gutbürgerlichen Familie in Karlsruhe, verliert jedes Interesse an ihrer verklemmten Schulfreundin; auch ihr Schwarm für die Lehrerin ist fast vergessen, denn: Fünf Tage in Berlin haben ihr eröffnet, welche Frauen und Gelegenheiten die Welt noch zu bieten hat, Nacht für Nacht – da kann die Freundin einfach nicht mithalten:

Im Gegensatz zu ihrer sexuellen Fantasielosigkeit war sie imstande, die erstaunlichsten Ausreden zu erfinden, warum wir nicht die Nacht zusammen verbringen konnten.

Evas Cousin Heinrich hält es unter der Überfürsorge seiner Mutter und in den vornehmen Münchner Kreisen nicht mehr aus. Seine dortigen Nachtklubausflüge kann er aus Angst vor Entdeckung nicht recht genießen. Gerade 21 geworden kommt dem zierlichen Schwulen das Angebot seiner Lieblingstante, ihn nach der Hochzeit mit stattlicher Wohnung plus Einkommen zu versorgen, gerade recht. Schließlich findet sich auf besagter Feier die passende „Ehefrau“. Nach Berlin soll es gehen.

Er hatte viele Nächte lang mit weit geöffneten Augen davon geträumt, einfach den Zug zu nehmen und nach Berlin zu fliehen. Während er im Bett lag, fühlte er den Sog, der von jener Stadt ausging, wie vom Auge eines Zyklons…

Abwechselnd verfolgen die Kapitel Evas und Heinrichs Erlebnisse. Über weite Strecken ist der Roman voll bissiger Pointen, großer Träume und überraschender Begegnungen. Die Faszination der Klubkultur, welche ganz die Realität vergessen lässt, ist im heutigen Berlin (für Neulinge) sicher nicht geringer. Die ersten offen homoerotischen Flirts und Liebschaften, neue Outfits, neue Priotitäten, all das wird mitreißend erzählt. Das Berlin der frühen 1930er wird durch authentische Straßen, Lokale, Zeitschriften etc. erlebbar.

„Das Dorian Gray ist nicht mehr so gut besucht wie früher. Das liegt nicht nur an der Krise; Frauen wie wir brauchen Abwechslung… Treu in der Freundschaft, wenn schon nicht in der Liebe.“

Natürlich kann niemand heute ein Buch über Deutschland 1931 bis 33 lesen, ohne dass die Vergänglichkeit der Freiheit und der kommende Schrecken von vornherein im Nacken sitzen. Heny Ruttkay führt die politischen Kämpfe mit Nebenfiguren ein. Über Eva und Heinrich, beide viel zu sehr mit sich beschäftigt, bricht der Wandel nahezu unvorbereitet herein. Erstaunlich, da sie doch eine Jüdin bzw. einen Kommunisten lieben und ihr Zimmergenosse zum Nazis wird.

Die ersehnte Stadt entwickelt sich vom Alles-ist-möglich-Paradies zum lebensbedrohlichen Ort ohne Gesetze. Wenige Jahre nach der Flucht vor der konservativen Familie soll die Vertreibung aus der gerade gefundenen Heimat folgen – für manche vielleicht unmöglich. Die Grausamkeit von SA-Schlägern und NS-Ideologie wird gekontert, indem Eva und Heinrich trotzig aktiv bleiben, Hilfe von Freunde haben, weiterleben. Und wie in den großen Schmökern steht und fällt alles mit der Liebe…

Vorm letzten Kapitel zitiert Ruttkay ihr Vorbild Christopher Isherwood, der selbst den Niedergang der liberalen Weltstadt am Ende der Weimarer Republik miterlebte:

„Nein, auch jetzt kann ich es nicht glauben, dass dies alles vorbei ist…“

Heny Ruttkay: Gestohlene Tage. Historischer Roman. Querverlag, Berlin 2013, 288 Seiten, 14,90 Euro. E-Book 9,99 Euro. Leseprobe

Zum Weiterlesen bietet der Querverlag Stefanie Zesewitz’ gerade erschienenen Roman Wie ein Versprechen, der vom Lesbischsein im Hamburg der 30er Jahre erzählt.

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