Bücher Queer Life

Sarah Waters: Solange du lügst – Fingersmith

11. August 2013

Sarah Waters, die vielgepriesene britische Schriftstellerin, gehört mit ihren Büchern und deren Bearbeitungen zu den Standards vieler Lesben-Regale. Zeit sich mal ein Werk genauer anzuschauen, und zwar dritten ihrer bisher fünf Romane.

Solangeduluegst

„Könnten Sie sich nur hören! Schreckliche Komplotte? Lachende Schurken? Geraubte Reichtümer und Mädchen, die man für verrückt erklärt? Der Stoff, aus dem Schauermärchen gemacht werden! Es gibt einen Namen für diese Krankheit. Wir nennen sie die Hyperästhetische Krankheit. Man hat Sie ermuntert, sich übermäßig der Literatur hinzugeben, und so haben sich die Organe Ihrer Phantasie entzündet… Sie haben zu viel gelesen.“

Wie viele andere kenne ich Sarah Waters vor allem durch die BBC-Verfilmungen. Entsprechend ziert die deutsche Neuausgabe von Solange du lügst ein Szenenbild des Mehrteilers Fingersmith. Glücklicherweise habe ich die Inszenierung mit Sally Hawkins und Elaine Cassidy (aus Zufall) nie gesehen und konnte mich so ganz unvoreingenommen auf den Historienschmöker einlassen. Unvoreingenommen? Nunja, bei einem Umfang von 730 Seiten war ich doch etwas skeptisch, ob die Spannung tragen würde. Tatsächlich beginnt der Roman eher gemächlich. Die zahlreichen Vorausdeutungen bleiben zunächst vage.

Im London des 19. Jahrhunderts lebt die 17-jährige Waise Sue Trinder mit ihrer Ziehmutter Mrs Sucksby vom Betrügen, Stehlen und dem „Handel“ mit Kindern. Als der charmante „Gentleman“ das Haus besucht und eine Hochstapelei vorschlägt, sieht sie ihre Chance gekommen. Schnell wird sie mit neuer Kleidung ausgestattet und als Zofe auf den Weg nach Briar geschickt, wo sie das Vertrauen der Erbin Maud Lilly erschleichen und eine Hochzeit zwischen ihr und Gentleman vorbereiten soll. Maud erscheint als schwaches Wesen, das von Alpträumen geplagt wird und von ihrem Onkel schon ewig in seinem verdunkelten Anwesen eingesperrt wird …

„Ich lerne, dass die Bücher meines Onkels voller Unwahrheiten stecken … Die Ruhelosigkeit verwandelt sich in Verachtung. Ich werde das, wozu man mich herangezogen hat. Ich werde eine Bibliothekarin.“

Erstaunliche Plotwendungen und Perpektivwechsel später ist die Waisenkindgeschichte zu einem vertrackten Kriminalroman angewachsen, der schließlich in einem langen Showdown mündet. Über die letzten 250 Seiten bin ich dann regelrecht geflogen. Die tragische lesbische Liebesgeschichte funktioniert als Schwungrad der Geschichte und Sympathiepunkt. Dennoch bleiben die Hauptfiguren durch ihr widersprüchliches Handeln zwischen Intrigen und Wehmut etwas unnahbar. Sprachlich sind die eigentlich gegensätzlichen Mädchen als Ich-Erzählerinnen kaum zu unterscheiden. Beide sind auf ihre Art naiv und reflektiert zugleich.

Scharfzüngige Heldinnen im viktorianischen Korsett, das konsequente Unterlaufen von Identitäten und eine selbstironische Hommage an pikante Literatur geben dem abgründigen Wälzer seinen Charakter – dazu eine Sprache, die mal Genre-Phrasen zitiert, mal hübsche Bonmots liefert:

“Stripping a lady is heavy work.”

Sarah Waters: Solange du lügst. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Retterbush. Krug & Schadenberg, 736 Seiten, broschiert, 19,90 Euro.

Englische Ausgabe: Sarah Waters: Fingersmith. Virago Press, 548 Seiten, broschiert, ca. 10 Euro.

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