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Von Judsonia bis Hawaii: Beth Dittos Autobiografie

25. Juli 2013
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Wie eine antike Göttin: das deutsche Buchcover

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In der Autobiografie von Beth Ditto könnte man schillernde Erlebnisse aus Modeszene wie Riot-Grrrl-Kultur erwarten. Ein wenig davon bekommt man am Ende tatsächlich zu lesen. Zuvor erzählt Beth die schockierende Geschichte ihrer Kindheit. Alle Frauen (und viele andere) in ihrem Umfeld sind mit Missbrauch, Vernachlässigung und oft jahrelangen Vergewaltigungen aufgewachsen. Die bitterarmen und verwirrenden Verhältnisse ihrer Familie im ländlichen Arkansas bieten auch kaum eine Perspektive, all dem zu entkommen. Erst an der Highschool kann sich Beth in einer Nerd-Clique geborgen fühlen und sich mit Fanzines und Demotapes genug Musik- und Welterfahrung aneignen, um mit ihrer ersten Band all den Frust in Punkmusik zu kanalisieren.

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8 Seiten zeigen ausschließlich Bilder aus Jugend und Punkzeit

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Little Miss Muffet wird bald zu Gossip; aus Arkansas schafft Beth es ins Riot-Grrrl-Zentrum Olympia, Washington, und schließlich nach Portland, Oregon. Die für ihre Subkultur bekannte Stadt erscheint Beth zunächst riesig, laut, unerträglich. Wenig später bereist Gossip bereits Europa, wird vom NME gehyped und unterschreibt trotz der Indie-Herkunft beim Major-Label. Nebenbei findet Beth Zeit für Girl Rock Camps und versöhnt sich mit (einem Teil) ihrer Familie.

Beth Ditto verschweigt nicht, wieviel Glück sie hatte. Ausführlich beschreibt sie dennoch den Kampf, sie selbst zu werden. Das lesbische Coming-Out ist in ihrer christlichen, weltfernen Heimat fast undenkbar; Selbstbewusstsein als dicke, laute, lustige Femme mindestens ebenso schwer. Von der ersten Liebe zur besten Freundin, den miesesten Jobs und einer lebensbedrohlichen chronischen Krankheit mal ganz zu schweigen…

Ihre Jahre als „Klemm-Femme“ bringt sie (leider noch immer aktuell) auf den Punkt:

„Die weiblichen Frauen wurden immer als schwach dargestellt, deshalb hingen zu der Zeit die meisten einem subkulturellen Ideal von Jungshaftigkeit an. Heute kommt mir das wie eine weitere Form von Frauenfeindlichkeit vor, aber damals war es die richtige Art, gegen den Mainstream zu rebellieren. … Ich toupierte mir die Haare, machte mir glamouröse Frisuren und bürstete alles wieder raus, bevor wir aus dem Haus gingen.“

Nicht nur ihre Wahlfamilie, auch ihre langjährige Beziehung zum Transmann Freddie, der Hormone und andere Behandlungen ablehnt, stärkten Beth letzlich in ihrem neuen Körperbewusstsein:

 „Indem Freddie sich körperlich nicht veränderte, forderte er alle um sich auf, die bescheuerten Vorstellungen darüber, was männlich und was weiblich ist, zu hinterfragen. … Wir beide hielten uns an unseren Körpern fest und überließen es der Welt, sich so zu verändern, dass wir einen Platz in ihr fanden.“

Zwar hielt die Liebe zu Freddie nicht ewig, doch dafür fand Beth ein neues Happy Ending: Gerade heute kam sie mit ihrer frischgebackenen Ehefrau Kristin Ogat von Hawaii zurück und veröffentlichte ihr Hochzeitsfoto via Facebook: Beth barfuss im Jean Paul Gaultier-Tüll und Kristin mit Shorts, beide breit grinsend – das lässt sogar Kitschmuffel wie mich von happyly ever after träumen.

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„I just feel comfortable there. I love the idea of being partnered forever. I love my girlfriend, we’ve been best friends since I was 18. There’s not a thing we haven’t been through except for marriage … We’ve had talks about what we would name our kids since we were in our 20s.“ (x)

So schwärmerisch wie hier im Interview ist Beth in ihrer Autobiografie selten. Meist erzählt sie eher lakonisch von ihrem wechselhaften Schicksal. Statt großer, chronologischer Erzählbögen reiht sie Anekdoten aneinander, springt zwischen den Jahren und Stimmungen. Die erfahrene Romanautorin Michelle Tea hat sich als Co-Writerin nicht zu sehr eingemischt. Das Buch verbreitet eher das Gefühl einer durchplauderten Nacht, in der tief in Abgründe geblickt wird und heimliche Träume geteilt werden. Wie hatte ich mich bloß vom nahezu übermenschlichen Medienbild Beth Dittos ablenken lassen und fast vergessen können, dass sie eine meiner wahren Heldinnen ist? Mein signiertes Exemplar bekommt einen Ehrenplatz im Regal!
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Beth Ditto (mit Michelle Tea): Heavy Cross. Die Autobiografie. Deutsch von Conny Lösch. Heyne Verlag 2012, gut 200 Seiten, 16,99 Euro.

Original: Beth Ditto (with Michelle Tea): Coal to Diamonds. A Memoir. Spiegel & Grau 2012, 176 Seiten, ca. 13,95 Euro.

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