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Magazines to discover: Die Preziöse

16. Juli 2013

UPDATE: Gerade ist die zweite Ausgabe der Preziöse erschienen. Diese ist nicht mehr über den Bahnhofsbuchhandel, aber ganz einfach über den eigenen Webshop oder einschlägige Buchläden (Männerschwarm, Eisenherz, Schwarze Risse u.a.) zu bekommen. Die wieder sehr lesenwerten Artikel verbinden queere Welt, Wahlkampf, Literatur, Musik und Wissenschaft; von Trans*aktivismus über Austra bis Ruth Weiss…

CoverPrezioes

Die Preziöse wartet seit drei Monaten darauf, besprochen zu werden. Meine Skepsis mag einerseits dem etwas gestelzten Namen überm barocken Cover geschuldet sein, aber vor allem dem Unglauben, dass ein unabhängiges, queeres Zine es an die Bahnhofskioske geschafft haben sollte. War das Magazin nicht gerade noch ein ambitioniertes, aber fast unbeholfenes Crowdfunding-Projekt? Etwas verzögert nehme ich mir das Heft nun ausführlich vor – und muss gleich ein doppeltes Lob aussprechen: Eine solche Themenbreite überrascht selbst hinter dem betont offenen Untertitel „queeres Gesellschaftsmagazin“. Außerdem sind die Gestaltung, das Papier, der makellose Druck eine Freude für jeden Print-Fan. (Dieses Lob geht auch an den Oktoberdruck, der zudem das Backcover mit einer reizenden Anzeige verzierte.)

Dass im Editorial die eigene Existenz im Blätterwald gerechfertigt und die Relation zu Frauenzeitschriften gezogen wird, ist völlig unnötig und führt in eine falsche Richtung. Anders als etwa Missy oder Brav_a arbeiten sich die Blattmacherinnen kaum an gängigen Rubriken und Themen ab. Der Inhalt ist ganz und gar nicht frauenspezifisch. Viel mehr werden besonders im ersten Teil alle Anstrengungen unternommen, die Geschlechterbinarität und andere Alltagsnormen aufzulösen: Ein Crash-Kurs in gender-gerechter Sprache, Porträts vielfältiger Identitätsentwürfe und eine fotografische Bearbeiteung des Gender Trouble legitimieren tatsächlich das „queer“ auf dem Titelblatt.

Den hinteren Teil des Magazins gestalten popkulturelle und feuilletonistische Themen. Hier werden die Ideale des aktivistischen Einstiegs etwas zurückgestellt. Typische Jugendhelden (sic) wie Kerouac, Bukowski und Tocotronic werden in all ihrer männlichen Selbstbezogenheit geeehrt, sorgt doch (auch politische) Anti-Haltung für Sympathie. Dass selbst in Texten der Herausgeberinnen dann wieder das generische Maskulinum auftaucht und stellenweise ein Redigat fehlt, ist aber schade. Nichtsdestotrotz erstaunen Artikel etwa zu Filmen über genußvolle lesbische Prostitution, zu Cellulose oder Funktionaloptometrie. Manch ein Text regt vor allem das Weiterdenken und -lesen an. So soll es sein.

Die erste Ausgabe der Preziöse ist für 5 Euro (bei 112 Seiten) in einigen größeren Bahnhöfen oder direkt im eigenen Webshop erhältlich, wo auch Beutel und Abos für Support werben. Der dortige Blog bietet übrigens nicht nur Neuigkeiten, sondern eine selbstkritische Auseinandersetzung mit Publikumsreaktionen sowie ein Manifest 3.0 (als work in progress). Ich bin gespannt, was Sandy Artuso & Co. im nächsten Heft bieten!

SaskiaSchmitt

Eines der Fotos der Herausgeberin Saskia Schmitt

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