Bücher Queer Life

Sommerlektüre: Erotische Expeditionen

7. Juni 2013

In den nächsten Wochen stehen die hellsten Nächte des Jahres an. Inspirierenden Lesestoff für Mittsommernachtsträumereien bieten diese Bücher, die allerlei erotische Texte (und Bilder) versammeln, ganz nah am Leben und ganz nah an Frauenkörpern.

Wer es bei der Urlaubslektüre lieber surreal mag, kann sich auch nochmal phantastisch erotische Geschichten empfehlen lassen.

Wie soll man dem vielfältigen Jahrbuch Mein lesbisches Auge – das volle Dutzend wird mit einer Doppelnummer gefeiert – in wenigen Sätzen gerecht werden? Texte von Hausautorinnen des Konkursbuchverlags wie Anne Bax und Yoko Tawada stehen neben internationalen Neuentdeckungen und Portraits berühmter oder unbekannter Frauen, historischen Gemälden und frischen Skizzen. Von Engel-Figuren bis Dildos im Kühlschrank ist in dieser Bilderwelt nichts Tabu. Zwischen den Fotos von zum Beispiel Anja Müller und Fundstücken aus allerlei Archiven sind intime Bekenntnisse, Poetisches und Amüsantes zu lesen. Wortwörtlich ohne Punkt und Komma schreibt beispielsweise Cornelia Jönsson:

Wenn ich nicht auf dem Gleitgel ausrutsche stolpere ich über die Peitsche oder über dich weil du am Boden krabbelst und dein Zeug zusammensuchst und mich wahrscheinlich hasst weil ich über dir stehe

Andere Autorinnen sammeln Diskursmaterial. So endet Roberta Gradls Erzählung Dr. Butch mit dem ironischen Satz:

„Willst du etwas über die Sexualpraktiken der Völker aus dem ostpolynesischen Kulturraum wissen?“

Laura Mérrit (Hg.): Mein lesbisches Auge 12/13. Jahrbuch der Erotik, Broschiert, 288 Seiten, Fotos, Gemälde, Zeichnungen, Erzählungen, Gespräche, Gedichte und kurze Essays. Konkursbuch Verlag 2013, 15,50 Euro

Auch die „Mutter-Buchreihe“ Mein heimliches Auge hat dieses Jahr – in der nunmehr 27sten Ausgabe – übrigens ein besonders sinnliches Cover. Was sich wohl alles dahinter verbirgt?

 

Anders als der Untertitel 33 skurrile SM-Erlebnisse, seltsame Fetische und schräge Fantasien vermuten lässt, hat Julia Strassburg keine antörnenden Kurzpornos geschrieben. Der Fokus liegt vielmehr auf den nicht offensichtlichen Seiten der BDSM-Welt. Es geht nicht um den Sex, sondern das Drumherum. Strassburg versammelt Berichte über Begegnungen mit Szenemitgliedern und Neulingen, Fetischist_innen und Außenstehenden. Veröffentlich wurde das Buch vor allem für Leute, die eher Klischees zu dem Thema im Kopf haben. Solche können sich über die pointierten Anekdoten amüsieren und vielleicht sogar neugierig werden – und dann doch beruhigt zum Alltag zurückkehren. Wie auch einige der Protagonistinnen nach ihren lesbischen Erlebnissen… Was sich mitunter sehr schön liest:

„Du riechst anders,“ sagt sie und ist höflich. Gemeinsam gehen wir in die Wohnung, nehmen ein Bad. Luise liegt auf mir, Badeschaum türmt auf ihrer Nasenspitze. Die Augen geschlossen erträumt sie sich ein Abenteuer. Doch auf das nächste kann sie lange warten. (Aus: Luise friert nicht)

Die Autorin selbst lässt sich Abenteuer nicht entgehen und hat mittlerweile auch einen praktisch orientierten BDSM-Guide und einen Roman zum Thema geschrieben.

Julia Strassburg: Schöner Leiden. 33 skurrile SM-Erlebnisse, seltsame Fetische und schräge Fantasien. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 248 Seiten, 9,95 Euro.

 

In Hardcore von Herzen lässt sich ein bunter Mix an Texten über und von der legendären Sexaktivistin Annie Sprinkle finden.
Neben dem obligatorischen Umriss ihres Lebenslaufes findet sich zum Beispiel auch eine Wohlfühlanleitung in 16 Schritten mit dem Titel Metamorphosexuelles Schlammbadritual. Somit kann man die ganze Perfomance im heimischen Badezimmer nachstellen – oder in weiteren Kapiteln die Scripts von einigen ihrer Bühnenauftritte nachlesen und einfach das Kopfkino anschalten. Dazu gibt es Interviews und Gespräche, die Sprinkle mit anderen aus dem Bereich Sexarbeit und Performance-Art geführt hat. Das Gespräch zwischen ihr und Mae Tyme, einer Feministin aus der Anti-Pornografie-Bewegung, deren Standpunkte nicht gegensätzlicher sein könnte, verläuft hier erstaunlich friedlich und erleuchtend für beide Parteien:

MT: Ich versuche herauszufinden, worum es für eine freie und freiwillig beteiligte Frau beim Sex geht. Meiner Ansicht nach wurden Frauen, die Pornografie machen, entweder schrecklich falsch informiert oder verskalvt. Du sagst mir, dass stimmt nicht. Pornos machen kann sich befreiend und profitabel auswirken.
A: Ich stimme dir zu, dass wir alle sehr viele vorprogrammierte Vorstellungen davon, was sexy ist, im Kopf haben. Es gibt noch sehr große Spielräume, im Porno kreativer zu werden, experimenteller, feministischer und erotischer für Frauen. Aber es ist schwieriger, das hinzukriegen, als du vielleicht glaubst. Das ist die Herausforderung, die ich liebe.

Wer von Sprinkle, ihrem Leben und ihrer Arbeit nichts wusste, bekommt in diesem Buch einen perfekten Einblick, bei dem die eigenen Vorurteile gegenüber Sex, Sexarbeit und Pornographie herausgefordert werden. Und auch wer mit Sprinkle schon bekannt ist, kann mit diesem Buch einen lohnenswerten Nachmittag in der Hängematte verbringen.

Annie Sprinkle: Hardcore von Herzen. Herausgegeben von Gabrielle Cody. Edition Nautilus. 158 Seiten, 14,90 Euro.

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