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Rezension: Marit Kaldhol – Allein unter Schildkröten

20. Mai 2013

Ich hatte schon immer einen Hang zu traurigen Büchern. Ich sehe die Cover, werfe einen (wirklich sehr kurzen) Blick auf den Klappentext und die Autorenbio, lese die ersten Sätze der ersten Seite, ein paar Sätze einer wahllos aufgeschlagenen Seite und manchmal auch die letzten Sätze der letzten Seite. Und wenn es mir traurig genug erscheint (Aber bitte verwechselt das nicht mit Kitsch!), dann kaufe ich es.

alleinus

Meine Trefferquote liegt natürlich nicht bei 100%. Öfter als mir lieb ist, haben sich derart sorgfältig ausgewählte Werke dann leider doch als Reinfall erwiesen. Nicht so aber Allein unter Schildkröten der Norwegerin Marit Kaldhol… Und egal, welche Seite des Buches man aufschlägt und egal welche Sätze man liest, immer, wirklich immer ist ihre Sprache klar, unpathetisch und gerade deswegen wunderschön und stark.

Das fand auch die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises und nominierte „Allein unter Schildkröten“ für den Preis der Jugendjury 2013.

Wem das schon als Empfehlung reicht, der lese bitte nicht weiter, denn ich kann nicht viel mehr über das Buch sagen, ohne zu verraten, worum es geht und wie es endet…

Das Ende kommt nämlich schon in der Mitte. Mikkes Ende: sein Selbstmord. Bis Seite 65 des gerade mal 136-seitigen Büchleins liest man Mikkes Tagebucheinträge. Er schreibt über seinen Wunsch, Meeresbiologe zu werden, über seine Mutter, die ihn liebt, über seine Freundin Siri, über Sverre, der am Down-Syndrom leidet und um den er sich kümmert, über seinen leiblichen Vater, den er vermisst…
Man könnte meinen, dass er ein ganz normaler junger Mann ist, kurz vor dem Schulabschluss und keinen Grund hätte, sich umzubringen. Und doch: er ist traurig, verloren, antriebslos. Seine Einträge werden düsterer, zu immer späterer Stunde geschrieben. Am 11. Mai, 3.42 Uhr enden seine Aufzeichnungen mit den Worten „Jetzt schreibe ich nicht mehr“.
Eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ liefert Marit Kaldhol im zweiten Teil des Buches nicht.

Aber seine Mutter erinnert sich an Mikke:

An deinem dreizehnten Geburtstag hast du dich in deinem Zimmer eingeschlossen.
[…]
„Ich will kein Teenager werden, das ist gemein! Ich will nicht erwachsen werden!“
[…]
Was habe ich an diesem Tag zu dir gesagt? Dass es nicht schlimm ist, erwachsen zu werden? Dass das Leben schön ist? […] Habe ich alles Wichtige gesagt? Hast du mir geglaubt?
Die Finsternis in dir an diesem Tag hat mich erschreckt.

(Seite 92 f.)

Sein leiblicher Vater, der als Filmemacher viel unterwegs und selten für seinen Sohn da war, schreibt ihm einen Brief:

Wer bist du gewesen?
Wie – was – wo – warum musstest du …?
Eine Lawine unbeantworteter Fragen reißt mich mit.
[…]
Ich habe dich nicht gekannt, weiß nicht, wer du warst.
Ich habe dich verloren, ehe ich dich verlor. Ich bin ein erbärmlicher Vater!

(Seite 119 ff.)

Ebenso sein Stiefvater Idar, der sich an die gemeinsamen Radtouren erinnert und daran, wie sehr er Mikke lieb gewonnen hatte:

Ich habe dich verloren.
[…]
Von nun an fahre ich wieder alleine. An den Steigungen werde ich dein Schnaufen hören. Und vielleicht mit dir reden.

(Seite 125)

Seine Freundin Siri schreibt ihm einen Brief und stellt darin eine Liste mit den Dingen auf, die nie mehr sein werden, eine Liste mit den Dingen, die niemals verschwinden werden und eine mit Fragen, auf die sie keine Antwort hat:

du hast mal gesagt:
Wenn um dich herum Chaos ist, hilft es, Listen zu machen.
[…]
Liebster, bester, kluger, süßer Mikke, helfen diese Listen mir nun weiter?

(Seite 128 und 130)

Auch sein bester Freund Tore und Sverre schreiben ihm:

Wir wollen leben, Mikke! Nicht nur wir anderen – du auch! Wie konntest du das vergessen? Warum wolltest du nicht mehr? Was ist dir durch den Kopf gegangen, worüber du nicht mit mir sprechen konntest? […] Tausendmal am Tag stelle ich mir diese Fragen.
Aber am meisten wünschte ich mir, dass du hier wärst.

(aus Tores Brief, Seite 133)

 

Du warst mein allerbester Freund und ich vermisse dich.
Sie sagen, dass du nicht mehr länger leben wolltest.
Aber das glaube ich nicht.

(aus Sverres Brief, Seite 134)

Meiner Meinung nach besteht die größte Leistung dieses schmalen Buches darin, dass es nicht versucht zu erklären oder zu begründen, keine Biografie konstruiert, die unweigerlich in Selbstmord enden muss, sondern einfach einen Jungen auf dem Weg ins Erwachsenwerden zeigt, der diesen tragischen Schritt geht.

Es ist wirklich ein Buch, das man binnen kurzer Zeit lesen kann, aber es hallt unendlich lang nach und behandelt die Themen Depression und Selbstmord unter Jugendlichen auf eine ganz besondere Weise. Obwohl ich es schon vor einigen Wochen gelesen habe, beschäftigt es mich immer noch und ich habe sehr lange darüber nachgedacht, wie ich diesem besonderen Buch mit einer Empfehlung gerecht werden kann. Vielleicht ist es geglückt. Vielleicht auch nicht. Lesen lohnt sich, denn dieses Buch schafft, was mir als Vielleserin heute leider nur noch selten passiert: es berührt und macht nachdenklich.

Marit Kalhol – Allein unter Schildkröten
136 Seiten, mixtvision Verlag
Broschiert – 12,90
Kindle Edition – 6,99

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