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Lesbian Ranting: Tag gegen Homophobie

17. Mai 2013

Eine meiner engsten Freundinnen machte mich gerade darauf aufmerksam, dass heute Tag gegen Homophobie und Transphobie ist. Wenn man bedenkt, dass heute außerdem der Weltfernmeldetag und der Tag des Allgäuer Weißlackers ist, sollte es wenige erstaunen, dass ich diese Tage eigentlich nicht besonders ernst nehme. (Am 20. ist übrigens Internationaler Venentag. Nein, wirklich! Ich hab das nachgeschlagen!)

Meistens ist das ja nur eine Entschuldigung für die ganzen „Straight allies“ mal wieder rauszuhauen, dass sie für Homoehe sind oder wir doch einfach alle gleich behandeln sollen. Ist ja auch gut und schön und in den meisten Fällen lieb gemeint, allerdings hat das für mich immer einen sauren Beigeschmack. Einfach deswegen, weil Menschen die ein absolut heteronormatives Leben leben, Homophobie nie wirklich verstehen werden – and who can blame them? Lucky you, du wirst nie wissen, wie es sich anfühlt, wenn jemand dich dafür hasst, dass du jemanden liebst. Und wenn ich sowas sage, kommen auch schon wieder etliche aus ihren Löchern und sagen: „Ja, aber ich hab mal den und den gedatet, und der und der hat mich dafür auch gehasst!“ Mag eine scheiß Erfahrung gewesen sein, tut mir leid für dich, aber: Es. Ist. Nicht. Dasselbe.

Erfahrungen und Konfrontationen mit homophoben Menschen sind furchtbar, teilweise traumatisch. Da sind Menschen, die nicht nur ein/zwei Dinge nicht über dich mögen, nein, deine ganze Existenz widert sie an, in manchen Fällen so drastisch, dass sie sich wünschen, dass du gar nicht existierst. Man fühlt sich danach meistens kleiner, wenn auch stolz, dass man es durchgestanden hat, dass man weiter die_der ist, die_der man eben ist. Aber man muss diesen ungefilterten Hass, der einem entgegenschlägt, verdauen und das ist nicht einfach. Das muss man lernen, eine dickere Haut entwickeln, am besten schon Paroli parat haben, denn sonst trifft es einen wie ein Kleinkind auf dem Spielplatz, das nur sein Eimerchen und Schaufel zum Spielen mit jemandem teilen will und von dem anderen Kind stattdessen ohne Vorwarnung damit eins übergebraten bekommt. Man verliert kurz oder auch länger das Vertrauen in die Menschheit. (Die Eimer-Schaufel Anekdote ist mir als Kind übrigens wirklich passiert.)

Ich halte mich hauptsächlich in meinem Freundeskreis unter queeren Menschen auf und bekomme jedes Mal wieder einen kleinen Kulturschock, wenn da jemand Neues dazu stößt, der nicht „so wie wir“ ist oder wenn ich tatsächlich mal von Menschen umringt bin, die latent homophobes Gedankengut mit sich rumtragen – und es nicht mal merken. Und das muss nicht mal so weit aus dem eigenen Dunstkreis rausgehen, das geht in der Familie los: Mein Vater meinte, dass er, falls ich irgendwann ein Kind adoptieren oder meine Partnerin eines bekommen würde, es nicht als sein Enkelkind anerkennen würde. Meine Schwester schleuderte mir neulich ein „Ihr Homos wollt aber auch immer eine Extrabehandlung!“ entgegen. Nur meine Oma väterlicherseits weiß, dass ich lesbisch bin. Für den Rest der 60+ Fraktion bin ich die eiserne Jungfrau.

homophobia post

Man lernt damit zu leben. Klar macht es mich manchmal traurig und ich bin einen Großteil meines Lebens tierisch wütend, nicht mal auf wen Bestimmtes. Einfach darauf, wie scheiße unfair es manchmal ist und wie machtlos man sich oft fühlt. Ich werde jetzt nicht von konkreten Erfahrungen mit Homophobie reden. Das würde mich nur wieder wütend machen, traurig machen und einige von euch vermutlich auch. Nur soviel: Ich hatte mehr als genug davon. Selbst wenn es nur eine gewesen wäre: Eine ist schon zuviel.

Stattdessen möchte ich über einen Abend reden, der meine „Eimerchen-Schaufel-Erfahrung“ mit der Gesellschaft ein wenig gekittet hat, an die ich immer wieder gerne denke und die mich lächeln lässt.
Vor ein paar Jahren war ich mit der besagten guten Freundin in der Waldbühne zum Drei ???-Open-Air. An diesem Abend wurde der Publikum-Weltrekord für Live-Hörspiele erzielt, es waren über 11.000 Leute da und die Zuschauer waren gut gemischt. Alle Alterklassen und auch Gehaltsklassen waren anwesend: Promis, Normalos, Teenager; junge Eltern mit Kindern, die das Drei ???-Universum gar nicht kannten; Kinder, die ihre Eltern mitgeschleppt hatten; Studenten wie wir mit unseren eingepackten Broten; ein Mann weiter weg, der anscheinend aus seiner Aldi-Tüte lebte. Alles war vertreten. Es war ein warmer, schöner Augustabend und die ganze Waldbühne ein einziger Kessel aus Liebe. Innerhalb dieses Live-Hörspiels performten die Schauspieler, die Peter und Bob verkörpern, einen Karaoke-Song, der damit endete, dass sich die beiden küssten. Auch kein kleiner Schmatzer auf die Wange, sondern ein richtiger Kuss eben.

Für die meisten im Publikum waren und sind diese zwei Charaktere und auch Schauspieler Kindheitshelden. Wir haben mit ihren Stimmen im Hintergrund gespielt, gepuzzelt, gelacht, manchmal geweint und sind zu ihnen eingeschlafen. Sie haben uns ein Leben lang begleitet. Und anstatt davon geschockt, empört oder angewidert zu sein, dass sich zwei Männer auf der Bühne küssen, gab es Standing Ovations und nicht enden wollenden Applaus. Von allen.
Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich nur daran denke. Denn in diesem Moment war Homophobie weit weg und diese ganzen Menschen mit ihrem Klatschen, ihrem Jubeln, was in die Berliner Nacht getragen wurde und der offensichtlichen Liebe in der Luft, gaben mir ein nie vergessenes Gefühl davon, dass es okay ist. Es ist alles okay.

In diesem Sinne: All hail the Allgäuer Weißlacker, make all the …Fernmeldegespräche and fuck homophobia!

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