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Berlinale-Wegweiser 2013

7. Februar 2013

Julie Fain Lawrence und Robin Weigert in Concussion

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„Sieh dir drei Filme pro Tag an – das ist besser als Prozac.“

Was Ethan Hawke aktuell im Interview mit dem Stadtmagazin Tip als sein Mittel gegen Depressionen empfiehlt, hat in Berlin allwinterlich Tradition. Seit 1978 finden die Internationalen Filmfestspiele immer dann statt, wenn niemand mehr den tristen Februar erträgt, die schlimmste Grippewelle im Umlauf ist und man so zwischen Golden Globes und Oscars einfach nicht in die Realität zurück will. Berlinale heißt fast 900 Vorstellungen in 11 Tagen, also hunderte von Filmen, irgendwo zwischen Problemkino und Weltflucht…

Die bekannten Namen gibt es wie immer vor allem im Wettbewerb. In der diesjährigen Jury sitzen erstmalig vier Frauen neben drei Männern, darunter die iranische Künstlerin Shirin Neshat, Attenberg-Macherin Athina Rachel Tsangari aus Griechenlans und die dänische Erfolgsregisseurin Susanne Bier. Die internationale Premiere von The Grandmaster des chinesischen Regisseurs und diesjährigen Jury-Präsidenten Wong Kar Wai eröffnet die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Mit den altbekannten Hongkong-Stars Ziyi Zhang und Tony Leung in wunderschönen 30er-Jahre-Sets. Der Martial-Arts-Film läuft natürlich ebenso außer Konkurrenz wie Les Miserables (Anne Hathaway, Amanda Seyfried und Helena Bonham Carter singen ab 21.2. regulär im Kino) oder das schon in Sundance gezeigte Sequel Before Midnight, in dem Hawke, Julie Delpy und Richard Linklater die Geschichte von Céline und Jesse weiterspinnen.

Im eigentlichen Rennen um die Bären ist unter anderem das kanadische Drama Vic+Flo ont vu un ours von Denis Côté, in dem ein lesbisches Paar (Romane Bohringer und Pierrette Robitaille) in einer Waldhütte in den Tag hinein lebt und zwischen allerlei skurrilen Gestalten von seiner Vergangenheit eingeholt wird…

UPDATE: Da hat der Bär im Namen Glück gebracht. Mit Vic+Flo ont vu un ours wurde von der großen Jury tatsächlich ein lesbischer Film ausgezeichnet – mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven im Kino.

Mehr Frankophiles bieten Camille Claudel 1915 mit Juliette Binoche in der Titelrolle und Elle s’en va, in dem sich Catherine Deneuve alias Cathy beim sprichwörtlichen Zigarrettenholen einfach aus dem Staub macht, um letztlich neue Hoffnung für ihre verkorkste Familie zu finden.

Die einzige rein deutsche Produktion im Wettbewerb kommt wieder aus dem Berliner-Schule-Umfeld und lässt wieder Nina Hoss glänzen, nämlich in Gold. Thomas Arslan geht diesmal zurück in die Zeit der Goldgräber im „wilden“ Kanada.

Aus den USA kommen zwei politisch ambitionierten Thriller: Steven Soderbergh hat wieder einmal Channing Tatum vor die Kamera geholt, dazu Jude Law, Rooney Mara und Catherine Zeta-Jones. In Side Effects führt er die Macht der Pharmakonzerne anhand eines Psychodramas vor. In Gus Van Sants Promised Land versuchen Vertreter eines Energiekonzerns (Matt Damon, Frances McDormand) einem kleinen Ort die Erdgas-Förderrechte abzuschwatzen, treffen aber auf Widerstand.

In der Berlinale-Special-Reihe läuft diesmal überraschend eine TV-Serie der Australierin Jane Campion (Das Piano). Top of the Lake erzählt eine düstere Kriminalhandlung in malerischer Landschaft. Im Clip stellen die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerinnen Elisabeth Moss und Holly Hunter den 6-Teiler selbst vor:

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Zurück zu lesbischen Stories.

Ein Beitrag der Reihe Perspektive deutsches Kino trägt den programmatischen Titel Zwei Mütter, dabei zeigt die Regisseurin Anne Zohra Berrached vielmehr den schwierigen Weg eines Frauenpaares (Karina Plachetka und Sabine Wolf) den Kinderwunsch Realität werden zu lassen.

Karina Plachetka und Sabine Wolf

Queere Filme findet man leicht in der Sektion Panorama, darunter mindestens zwei weitere lesbische Spielfilme: Der brasilianische Beitrag Reaching for the Moon zeigt ein lesbisches Dreieck um die erfolgreiche New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop im Rio de Janeiro der 50er Jahre. Mit dabei Miranda Otto, Gloria Pires und Tracy Middendorf.

Miranda Otto und Gloria Pires

Concussion ist der Debütfilm von Stacie Passon, wurde aber von keiner geringeren als Rose Troche produziert. Da erwarten wir beste lesbische Unterhaltung. Eine Hausfrau, die zur Hure wird, mag jetzt trotz Ehefrau nicht die neueste Plotidee sein. Doch können wir ein paar interessante Szenen erwarten, immerhin stellt Eleanor ihre Dienste ausschließlich Frauen zur Verfügung…

UPDATE: Concussion erhielt den Special Jury Award bei der Verleihung des Teddy Award. Gratulation! Begründung der Jury:

Da sich Concussion bewusst einer moralischen Beurteilung verwehrt, gelingt es dem Film einerseits die Werte einer modernen Regenbogenfamilie hochzuhalten und anderseits deren Mitglieder von konventionellen Erwartungen zu befreien.

Um Geschlechtsidentität und andere Überlebensfragen geht es in Carters Maladies. Catherine Keener und James Franco spielen ein Künstler-Freundespaar in New York im Jahr 1963. Sie ist Malerin und Crossdresserin; er hat seinen Schauspielvertrag wegen psychischer Probleme verloren und kämpft nun mit Schreibmaschine und Kamera.

Auch zwei Dokumentationen möchte ich empfehlen: eine kurze und eine längere.

Sao Sopheak berichtet in Two Girls Against the Rain von einem kambodschanischen Frauenpaar, das um sein Recht auf Heirat kämpft. Zu sehen ist der Film beim traditionellen Kurzfilmprogramm für unsereins: der Teddyrolle!

 Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR von Jochen Hick und Andreas Strohfeldt (die schon die TV-Doku DDR unterm Regenbogen drehten) verspricht, aus individuellen Lebensgeschichten und historischem Kontext ein ausführliches Bild der Ost-Berliner LGBT-Bewegung zu zeichnen. Vorgestellt werden unter anderem die „Terrorlesben“ aus dem Prenzlauer Berg, kommunistische Schwule und Kirchengruppen.

Wen die schon wieder angestiegenen Kartenpreise abschrecken, sollen einen gründlichen Blick in die Sektion Generation werfen. Hier werden für 4 Euro pro Karten nicht nur Kinderfilme aus aller Welt gezeigt. Die Unterreihe Generation 14plus bietet wieder ebenso politische wie spannende Programme, zum Beispiel Baby Blues der jungen polnischen Regisseurin Kasia Roslaniec. Eine besonders starke Mädchenfigur zeigt Jîn (von Reha Erdem). Eine jugendliche Kurdin ist mitten im Guerilla-Krieg auf der Flucht zu ihrer Großmutter. Um sich dem Militär zu widersetzen, muss sie sich allein durch gefährliche Naturgewalten schlagen. Eine Katniss der Gegenwart.

http://youtu.be/6xcEhSnS9B4

Für die Nostalgikerinnen unter euch gibt es da noch die Retrospektive: Diese will unter dem Titel The Weimar Touch den Einfluss der Weimarer Republik auf das Weltkino vorführen. Gezeigt werden zum Beispiel die Geschlechtertauschkomödien Some Like It Hot und Viktor und Viktoria.

Das wildeste Potpourri bietet wie immer die Sektion Forum, vom reinen Kunstfilm über die Doku-Spielfilm-Hybride bis zum Gangsterfilm ist alles dabei. Nur ein Beispiel: Der georgische Film Grzeli nateli dgeebi (In Bloom) erzählt von zwei Freundinnen, die in dem von Bürgerkrieg und Armut geprägten Land des Jahres 1992 zwischen Gewalt und Idylle erwachsen werden.

Mehr Infos zu queeren Filmen gibts aktuell immer bei TeddyTV und übersichtlich im Teddy Programm Guide. Dort erfahrt ihr auch alles über die Galas und Partys.

Für Genaueres zu den Filmen sowie Spielzeiten einfach auf die verlinkten Filmtitel klicken.

Viel Spaß!

 

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