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Alltag jenseits der Geschlechternorm: Begegnungen auf der Trans*fläche

21. Januar 2013

Zwar wird das Thema „Transsexualität“ mittlerweile fast regelmäßig in Fernsehshows und Filmen aufgegriffen, doch meist geht es um Menschen, die möglichst schnell und möglichst weitgehend vom einen zum anderen Geschlecht „wechseln“. Im akademischen Bereich dagegen arbeiten die Queer Studies seit über 20 Jahren an der Dekonstruktion des Zweigeschlechtersystems, während die Medizin wiederum noch immer mit dem Pathologisieren von Normabweichungen beschäftigt ist. Es gibt also jede Menge Meinungen über Trans*.

Wie viele Arztbesuche pro Quartal bei möglichst unterscheidlichen Ärzten schaffe ich, ohne irgendetwas zu erreichen?… Keine Sorge, der von der Kasse geforderte Leidensdruck kommt von ganz allein. (aus: Mein neues Vollzeithobby)

Doch wo kommen eigentlich mal Trans*-Personen selbst zu Wort? Das kollektiv sternchen & steine hat im vergangenen Jahr eine kleine Anthologie herausgegeben. Unter dem pointierten Titel Begegnungen auf der Trans*fläche werden hier zum Teil witzige Anekdoten, Alltagsgeschichten und Mini-Essays von ganz verschiedenen Trans*-Leuten versammelt. Die Texte unterscheiden sich in ihrer Knappheit und auch stilistisch sehr von einander. Einige Autor*innen verzichten komplett auf die Großschreibung oder missachten andere sprachliche Regeln. Das liest sich nicht immer leicht, betont aber die Vielstimmingkeit dieser Sammlung. Topthemen sind das Outing vor den Eltern/Verwandten, der Kampf mit den Behörden und absurde Gespräche auf öffentlichen Toiletten bzw. im Supermarkt. Hier zeigt sich, wie man am besten „passt“ oder aber komplett verwirren kann:

Wenn ich als „ordentliche Cisfrau“ [als Mädchen geboren] durchgehen will, sollte ich keine pinke Perücke tragen. Solange ich nur „kein Transjunge“ sein will, erfüllt sie durchaus ihren Zweck. (aus: So oder so)

Dazu spielen Illustrationen von mik mit der Vieldeutigkeit der Vorsilbe trans. Außerdem ergänzt ein theoretischer Anhang alle Begriffsklärungen für Außenstehende, die auch gleich einige Tipps für einen empathischeren Umgang mit Trans* geliefert bekommen. Doch selbst dieser „Theorieteil“ ist frisch und verständlich geschrieben. Was das Buch aus dem linken, herrschaftskritischen Verlag edition assemblage, der übrigens auch den queer-feministischen Taschenkalender der Riot Skirts veröffentlicht, leistet, ist nicht nur ein Einblick in Trans*-Alltag, sondern auch jede Menge Denkanstöße wider die Zweigeschlechternorm. Man muss nicht mit den anarchistisch-aktivistischen Idealen der Autor*innen übereinstimmen, um mit ihnen zusammen die gesellschaftlich unterstellte Kohärenz von Aussehen, Körper und Begehren wenigstens gedanklich umzuwerfen. Durchaus ein Buch zum Weiterschenken.

Merke wohl: Schwanz (etwas in der Hose) macht: Mann. Kleine Füße machen: Frau. Aber ein Basecap – das, ja das macht: lesbisch. (aus: Woran man ein Geschlecht erkennt)

Kurzes Radio-Interview mit Moritz

kollektiv sternchen & steine (Hg.): Begegnungen auf der Trans*fläche – reflektiert 76 Momente des transnormalen Alltags.  edition assemblage, Münster 2012. 128 Seiten. 9,80 Euro.

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