Bücher Queer Life

Sarah Sajetti: Chiara, Simona und die anderen

7. Dezember 2012

Wer sich nach all den Provinzgeschichten in der langen italienischen Filmnacht nun fragt, wie die dortige Großstadtlesbe heute so lebt, wird bei den Neuerscheinungen von Krug & Schadenberg fündig. Sarah Sajettis Debüt führt uns anhand einer Krimigeschichte mitten ins Szeneleben Mailands, zeigt seine Eigenheiten und Charaktere. Natürlich gibt es Konstanten quer durch Europa, ob nun in Berlin, London oder Mailand. Laut dem Vorwort der Autorin leben die italienischen Lesben allerdings noch immer sehr versteckt. Wie schon in den vorgestellten Filmen gehört es auch in Chiara, Simona und die anderen zur Normalität, das Privatleben vor der eigenen Mutter zu verheimlichen und gegenüber Autoritäten wie der Polizei generell misstrauisch zu sein.

Und so versucht das lesbische Mailand – Gleiches gilt übrigens für jede andere Stadt Italiens – , sich vor den zudringlichen Augen jener zu verstecken, deren Unverständnis man fürchtet. Mein größter Wunsch ist es, dass es mir gelingen möge, dieses Mailand etwas verständlicher zu machen, zugänglicher und realer…

Zu diesem Zweck lässt Sajetti ausgerechnet eine Lesbe in den eigenen Reihen morden! Die junge Chiara hat nach unzähligen kleinen Jobs ihr erstes richtiges Projekt am Wickel: Mit ihrer besten Freundin Simona dreht sie einen Film über das lesbische Beziehungsleben anhand ihrer reichen persönlichen Erlebnisse. Doch in der Nacht vor Drehbeginn erhängt sich die Hauptdarstellerin. Trotz ausgeprägter Klatsch- und Tratschkultur ist in Szenekreisen über die Tote wenig bekannt. Als klar wird, dass sie einem Verbrechen zum Opfer fiel, schleicht sich die ermittelnde Kommissarin Alessandra in die Szene ein – getarnt als neue Geliebte von Chiara. Diese schlägt sich nun mit moralischen Bedenken, Ängsten, unerwarteten Begegnungen und der starken Faszination für ihre „Partnerin“ rum. Als wäre ihr Leben nicht schon kompliziert genug!

Versuch du mal, drei Viertel deines Lebens so zu tun, als wärst du jemand anderes, um dich dann plötzlich inmitten von hundert anderen wie dir wiederzufinden, die dir dort, und nur dort, das geben können, was du suchst. Für die Stammgäste ist das etwas anderes. … Ohne die verpflichtenden Bande einer Ehe oder Familie, die Moral und Anstand diktieren, sind die Hormone inmitten all dieser Frauen ständig in Wallung, unbezähmbar.

Kaum behält man bei all den Nebenfiguren die Übersicht, zumal viele auch Spitznamen haben. Die Chronologie des Romans wird zudem durch einige Drehbuchsequenzen unterbrochen, die Spotlights auf vergangene Erlebnisse setzen. Dennoch verliert Sajetti die zentrale Geschichte nicht aus den Augen und hält uns mit allerlei Pointen am Ball: Haustiere namens Dilda und Dyke, eine deutsche Judith-Butler-Fanatikerin, chinesische Antiquitäten und Bondage am Kronleuchter. Ein Manko des Buches ist leider seine flüchtige (bzw. flüchtig korrigierte) Übersetzung, in der schon mal „sie“ und „ihr“ verwechselt werden und die Dialoge mitunter holpern. Von jungen Dozent_innen und Kommissar_innen ohne privaten Computer hat man auch lange nicht gehört. Doch der unbändige Erzählfluss hilft über Fragwürdiges wie „virtuelle Lokalitäten“ und „Ex-Feministinnen“ leicht hinweg. Neben der Krimihandlung fesselt vor allem der Charme der Hauptfigur, durch deren Augen und Ohren wir alles erleben. Chiara wird mit all ihren Fehlern und ihrer Planlosigkeit so vertraut, dass man sie bei einem ihrer kleinen Nervenzusammenbrüche gleich selbst in den Arm nehmen möchte. Doch da kommt uns eine gutaussehende Polizistin zuvor…

 

Sarah Sajetti: Chiara, Simona und die anderen (Originaltitel: Volevo solo un biglietto del tram). Aus dem Italienischen von Julika Brandestini, Krug & Schadenberg 2012, broschiert, 248 Seiten, 16,90 Euro.

Sarah Sajetti, Jahrgang 1972, war viele Jahre in lesbi­schwu­len Organisationen in Mailand tätig, bevor sie sich mit ihrer Part­nerin auf einen Bauernhof in den Hügeln des Monferrato zurück­zog.

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