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Das Leben der Christa Winsloe

12. November 2012

„Was Sie Sünde nennen, nenn ich den großen Geist der Liebe, der tausend Formen hat.“ (berühmtester Satz aus: Mädchen in Uniform)

Eine Schriftstellerin, die kurzzeitig durch einen Film weltberühmt wurde und auch heute vor allem noch durch dessen Remake erinnert wird: Christa Winsloe und ihre Mädchen in Uniform, das Vorbild aller Back to School-Filme. Obwohl Winsloe – als Autorin von nur einem realisierten Drehbuch – eine vielseitige Schriftstellerin und Bildhauerin war, ist über sie jenseits des Films wenig bekannt. Das wird sich nun ändern, denn gerade wird ein regelrechtes Winsloe-Revival ausgerufen. Angestoßen hat das die Journalistin und Antiquarin Doris Hermanns, die während ihrer Arbeit an der ersten Winsloe-Biografie überall fragende Blicke erntete. Ihr ehrgeiziges Projekt fand dennoch nicht nur Unterstützer_innen, sondern gibt nun den Anlass für die Wiederveröffentlichung Winsloes bekanntesten Romans unter dem Originaltitel und für eine vielversprechende Ausstellung im Berliner Schwulen Museum.

Hermanns‘ Buch Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela (eine vierfache Alliteration, oha!) rekonstruiert Winsloes Leben mit erstaunlichen Episoden aus jenen ereignisreichen Jahre von 1888 bis 1944. Schon die Familiengeschichte markieren Superlative: der erste Tote im Deutsch-Französischen Krieg, die älteste Bürgerin Darmstadts, die frühe Prophezeiung eines unnatürlichen Todes… Winsloes eigenes Leben war zudem mehr als ungewöhnlich. Am Tag vor Weihnachten in eine Militärsfamilie britischer Herkunft hineingeboren, verliert Christa ihre Mutter als 11-Jährige und wird wenig später vom pensionierten Vater auf ein Internat geschickt. Hier erlebt sie militärischen Drill, Schwärmereien und den Selbstmord einer Mitschülerin – Stoff für ihre späteren Texte.

„Es ging dort um die Heranzüchtung von Soldatenmüttern und -frauen, eine preußische Frauenelite.“ (Peer Straube)

Nach der Schulzeit sucht Winsloe Anschluss an die Künstlerkolonie in ihrer Heimat Darmstadt und geht schließlich nach München, um an der Königlichen Kunstgewerbeschule, fast allein unter Männern, Bildhauerei zu studieren. Vor allem Tierbildhauerei soll zeitlebens ihr Hauptberuf bleiben, auch wenn sie nicht immer und überall die Mittel dazu haben wird. Ihre Plastiken von knubbeligen Makis oder lebensgroßen Schweinen sind bei der Kritik kein großer Erfolg, gerade von einer Frau erwartet man anderes. Später erreicht sie als „Meisterin des Meerschweinchens“ allenfalls zweifelhaften Ruhm. Ihrem Ehrgeiz tut das keinen Abbruch.

„Ich musste eine schreckliche Lungenentzündung kriegen, um mein Atelier zu verlassen – und mich von meinem schriftstellerischen Mann scheiden, ehe ich dazu kam zu schreiben.“ (Winsloe an Renate von Gebhardt)

Gemeint ist der Geisteswissenschaftler Lajos Hatvany, der sie 1913 durch Heirat zur ungarischen Baronin machte und auf seinen Landsitz Hatvan nördlich von Budapest mitnahm, wo beide selbstverständlich weiterarbeiteten. In ihrer Schwägerin Irén Hatvany findet Winsloe eine lebenslange Vertraute, der sie ihren Roman Das Mädchen Manuela widmet. 1922 geht Winsloe ohne ihren Mann nach Berlin und wird von der Inflation überrascht. Nach der Scheidung zwei Jahre später kann sie sich ein großes Haus in München leisten, das sie angeblich mit 50 Tieren teilt, u.a. Affen, Agutis, Kaninchen und Möpsen. Über ihre Arbeit schreibt sie lakonische Artikel in der Zeitschrift Querschnitt:

„Es gibt in der Tiermodeliererei andere Schwierigkeiten, zum Beispiel, wenn man ein einzelnes Meerschweinchen modelliert, ein recht rundes, dickes, und kommt am nächsten Tag dazu und findet anstatt eines dicken ein dünnes und vier neue. Das ist Pech.“

In München gibt Christa Winsloe legendäre Kostümparties, auf denen nicht nur Therese Giehse auf Erika Mann trifft, sondern auch Ringelnatz und Klaus Mann feiern. Auch der Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis ist hier zu Gast mit seiner Frau: Die Zeitungskorrespondentin Dorothy Thompson wird Winsloes schwierige große Liebe werden. Mit ihr wird sie glücklich Italien bereisen, trotz Hindernissen in den USA leben, dort neue Publikationswege finden – allerdings nicht auf Dauer. Thompsons journalistischer Erfolg, besonders ihr energisches Engagement gegen den Nationalsozialismus, wird sie immer mehr in Anspruch nehmen, Vorrang vor allem anderen bekommen.

„Wie um Himmels Willen soll man solche Gefühle nennen, wenn nicht Liebe? Diese außerordentlich vertiefte Eindrucksfähigkeit, diese erhöhte Sensibilität, diese völlige Übereinstimmung der Gefühle?“ (Thompson im Tagebuch über Winsloe)

Zuvor beginnt mit dem Drama Ritter Nérestan (später: Gestern und heute) Winsloes schriftstellerische Karriere. Sie landet mit der Verfilmung Mädchen in Uniform (1931) von Leontine Sagan den großen Durchbruch. Dass sie die ausführlichere Romanbearbeitung unter dem Titel Das Mädchen Manuela 1933 in einem niederländischen Exil-Verlag herausbringt, kostet sie die Publikationserlaubnis im Nazi-Deutschland. Fortan kann sie nur wenige ihrer Bücher, zum Teil in Übersetzung, veröffentlichen, während sie zwischen Italien, Frankreich, den USA, Ungarn und Deutschland pendelt. In Südfrankreich erlebt sie karge Kriegsjahre an der Seite von Simone Gentet. Als die beiden Frauen trotz Reisebeschränkungen versuchen, Winsloes enge Freundin Hertha von Gebhardt entgegenzureisen, werden sie als mutmaßliche Spioninnen ermordet.

Gründlich recherchierte Doris Hermanns ein Künstlerleben, dessen Dokumente verstreut oder zerstört sind, das bis heute von Gerüchten und Fehlinformationen überschattet ist. Über manche Lebensphasen, zum Beispiel die Jugendjahre, kann auch Hermanns nur anhand literarischer Zeugnisse mutmaßen. Viele persönliche Beziehungen werden dagegen durch Briefzitate lebendig. Mit zahlreichen Anekdoten und noch mehr berühmten Namen, mit Fotos und ausführlichem Anhang liegt hier nun endlich das faszinierende Standardwerk über Christa Winsloe vor. Sollten die Biografie und die Roman-Neuausgabe Erfolg haben, können wir vielleicht auf eine Veröffentlichung ihrer unbekannten Bücher hoffen. Auf den lesbischen Roman Life begins oder die schwule Geschichte Die halbe Geige beispielsweise hat Hermanns neugierig gemacht.

„Aber seit ich arbeite, ist mir die ganze Wichtigkeit von Hollywood ins Nichts zerflossen. Meine Geschichte wird die Geschichte des Jungen, der seine Homosexualität bekämpft. … Ich bin so glücklich wieder bei meinem Thema zu sein. Und ich fühle, dass ich nur dann gut bin. Die Sache ist auf einer Linie mit Manuela und meinem Buch [Life begins].“ (Winsloe über Die halbe Geige)

Doris Hermanns: Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe. AvivA Verlag 2012, Gebunden, 320 Seiten, 70 Abbildungen, 19,90 Euro

Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela, Verlag Krug & Schadenberg 2012, broschiert, 292 Seiten, kritisch durchgesehene und mit einem Nachwort von Doris Hermanns versehene Neuausgabe, 16,90 Euro

Andere Lesben-Bücher der Zeit findet ihr unter Freundinnenromane

 

1 Kommentar

  • Reply Andrea Krug 20. November 2012 at 16:39

    Ein toller Artikel!
    Herzliche Grüße aus der Hauptstadt im Nebel –
    Andrea Krug

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