Bücher Queer Life

Roman-Sequel: leben nebenbei von Tania Witte

21. September 2012

 

Fast unmittelbar mit dem Erscheinen ihres Debüts beziehungsweise liebe versprach uns Tania Witte eine Fortsetzung ihres Ensemble-Romans. Keine anderthalb Jahre später hole ich den Band leben nebenbei aus dem Briefkasten, der mit seinen 323 Seiten tatsächlich 100 Seiten dicker ist als der Vorgänger. Ein halbes Jahr nach der Vorgeschichte einsetzend, umspannt die Handlung trotzdem nur wenige die Kapitel betitelnde Sommer- und Herbstmonate. Fürs Cover hat Risk Hazekamp wieder eine sonnige Szene auf dem Tempelhofer Feld eingefangen – diesmal sieht man allerdings keine entspannte Autorin auf dem Asphalt liegen, sondern eine eher angestrengte Gymnastikpose.

Bevor die gewohnt schlagfertig geschriebenen Geschichten um das Traumpaar Sandyunmanu, um Workaholic Johanna, das Model Tekgül und die erweiterte Regenbogen-WG-Familie fortgesetzt werden, lernen wir Frau Schäfer kennen. Nach jahrelangem Putzen hat die Mittfünfzigerin eine große Faszination für ihre Arbeitgeberin, eben jene Johanna, entwickelt. Den Erwartungen zum Trotz ist sie geekiger und fußballverrückter als ihr Ehemann und alle LGBT-Figuren zusammen. Außerdem birgt die Neugierige mehr als ein Geheimnis…

Zudem gibt es allerlei Nachwuchs im engeren Sinne des Wortes, da beispielsweise die „letzte wahre Butch“ zur Freude ihrer Trans-Geliebten schwanger wird. Nicht nur der Personenkreis auch der geografische Radius wurde ein wenig erweitert. Wenn zuvor Mitte, Neukölln und Erkner wie unterschiedliche Welten aufeinanderprallten, sieht doch alles von Island, Bayern oder Johannesburg betrachtet nochmal ganz anders aus. Eheringe, Weihwasser, die Rose von Jericho und George Sand mögen da auch einen Beitrag leisten.

Im zentralen Fokus des Romans und aller handelnden Figuren bleibt aber – selbstverständlich, möchte man sagen – Berlin. Nur hier scheinen ihre Lebens- und Identitätsentwürfe in aller Queerness lebbar zu sein. Vor allem ist die Stadt die Basis ihrer Freundschaft, die in dieser Geschichte so einige existentielle Probleme überwinden und zum Happy End führen muss. Zum vorläufigen Ende, versteht sich. Noch stärker als im ersten Buch hat Tania Witte unverknüpfte Erzählfäden und schwelende Konflikte hinterlassen, die nach einem dritten Band ihrer Stadtgeschichten schreien. Solange die deutsche Unterhaltungsliteratur weit und breit nichts Vergleichbares zu bieten hat, was queerlesbisches Großstadtleben zeigt und weiterdenkt, müssen wir da laut mitschreien.

 *

©ginevrasottosuolo

Die große Buchpremiere wird 17.10.12 um 19.30 Uhr im Kreuzberger SchwuZ gefeiert, mit Auftritten von Coco Lorès (aka Sigrid Grajek), CayaTe (d.i. Tania Witte als Performerin, Foto rechts) und Ka Schmitz. Weitere Lesungen finden am 25.10.12 im Hamburger Magnus-Hirschfeld-Centrum und am 31.10.12 bei Kunst ein Zuhause geben in Berlin zusammen mit Sarah Mondegrin (Berlin am Meer, 2006) statt.

Tania Witte: leben nebenbei. Roman. Querverlag, Berlin 2012. 14,90 Euro bzw. als eBook 9,99 Euro.

Homepage / Facebook / Leseprobe

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar