Bücher Queer Life

Schmöker für zwischendurch

24. Mai 2012

Gerade haben die Temperaturen den meteorologischen Sommer eingeleitet. Höchste Zeit also, dass wir hier ein paar Bücher vorstellen, die euch an freien Tagen in die Sonne, in den Schatten, an den See oder ans Meer begleiten könnten. Neues aus der Kategorie Strandlektüre:

 

Last Minute Liebe von der jungen Autorin Juliette Bensch hält, was der Titel verspricht, und ist vielleicht eher etwas für unsere jüngeren Leserinnen. Als Teresa nach einer schlimmen Trennung überraschend ein Flugticket nach London geschenkt bekommt, nimmt sie spontan die Gelegenheit wahr. In London lernt sie die Schauspielstudentin Raphaela kennen. Als Teresas Ex ihr zurück in Deutschland wieder Avancen macht, merkt Teresa jedoch, dass Raphaela für sie mehr als ein Urlaubsflirt war.

Das Problem an diesem Buch ist leider das Lektorat, das man gelegentlich arg vermisst. Was war da los, Elles-Verlag? Als leichte Unterhaltung enttäuscht das Buch jedoch nicht und an manchen Stellen es erinnert durchaus an frühe Werke von Miriam Müntefering. Wer mehr von Juliette Bensch lesen möchte, kann das ebenfalls im Elles-Verlag erschienene Lesbische Jugendbuch zur Hand nehmen.

Juliette Bensch: Last Minute Liebe, Elles Verlag 2011, 225 Seiten, 14,90 Euro (oder als eBook für 8,23 Euro).

Kein Neuling im lesbischen Unterhaltungsgenre ist Carolin Schairer. Drei Romane, darunter Marie anderswie und Ellen, hatte die Wienerin bereits im Ulrike Helmer Verlag veröffentlicht, bevor sie letztes Jahr gleich doppelt nachlegte. Der Titel Aprikose im Kopf meint nur einerseits saftig-zarte Gedanken und ruft andererseits ein ziemlich düsteres Thema auf… Hier soll nicht zu viel verraten werden. Kurz gesagt: Die Sorgen der heimgekehrten Kriegskorrespondentin Katja drehen sich weniger um ihre traumatischen Erinnerungen, als um ihre Schwester, deren Familie und ihre alten Freundschaften.

Umso komplizierter wird ihr Leben durch eine leidenschaftliche Schwäche für das russische Au Pair-„Mädchen“ Irina. Während man sich in Familienstreits, Weihnachtsstress und Beziehungsmüdigkeit leicht wiedererkennen kann, wird die Liebesgeschichte als völlige Realitätsflucht erzählt. Wer gern von Schmetterlingen im „Magen“ (!), tobender Haut und „traumhaften Alpträumen“ liest, wer sich vom Wert der Familie, von beruflicher Moral und der Überwindbarkeit jeder Krankheit überzeugen lassen will, nun, für diejenigen mag Aprikose im Kopf genau das Richtige sein.

„Überhaupt schwand in letzter Zeit generell ihre Freude daran, sich für ihre Mitmenschen Todesursachen auszudenken.“

Solche wunderbar zynischen Sätze machen auch Lass keine Fremden ins Haus zur amüsanten Lektüre. Die Hauptfigur läd ansonsten wenig zur Identifikation ein: Langsam auf die 40 zugehend lebt Laura zurückgezogen in einer altmodischen kleinen Wohnung, hasst ihre monotone Arbeit bei einem Wiener Auktionshaus und hat als einzigen (gedanklichen) Gesprächspartner ihre verstorbene Mutter. Eines Nachts nimmt sie eine verwirrte, aber elegante Frau mit zu sich, pflegt und umsorgt sie. Erst Wochen später findet die Verletzte zu ihrem Gedächnis zurück und Laura sich plötzlich in einer komplizierten Krimigeschichte wieder. Durch dieses Erlebnis gelingt es Laura schließlich ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen…

Etwas mühsam verbindet Schairer ein qualvoll verspätetes Coming-Out mit Wirtschaftskriminalität, Mysterie und unvorhersehbarer Liebe. Dabei wirkt ihre Protagonistin geradezu der Gegenwart enthoben, wenn sie beispielweise ihre Kündigung auf einer staubigen Schreibmaschine tippt statt gegenfalls ins Internetcafé zu gehen. Am Ende ist sie immerhin nicht nur über den modernen Alltag aufgeklärt, sondern hat auch die Vorurteile gegen Bisexuelle abgeschüttelt. Carolin Schairer selbst erklärt, Lass keine Fremden ins Haus sei ihr das liebste ihrer Bücher – obwohl es auf den ersten Blick vielleicht nicht zu ihrem Hauptanliegen passt:

Ich möchte … zeigen, dass wir lesbischen Frauen keine abstrus lebende, asoziale Randgruppe sind, sondern dass wir genauso lieben, leiden und leben wie Heterosexuelle und sehr ähnliche Wünsche und auch Probleme haben. (Interview)

Carolin Schairer: Lass keine Fremden ins Haus und Aprikose im Kopf, beide: Ulrike-Helmer-Verlag 2011, je knapp 300 Seiten für 19,95 Euro.

Ihr nächster Roman Riskantes Spiel, dessen Hauptfigur in die Identität ihrer Zwillingsschwester schlüpft, ist für diesen August angekündigt.

Die drei vorgestellten Neuerscheinungen spielen alle mehr oder weniger originell mit den bekannten Genre-Mustern. Ganz anders schreibt dagegen Sheila Taylor Ortiz, die angeblich die Tochter eines Stepptänzers und einer Jojo-Lackiererin ist. Ihr schon drei Jahrzente altes Buch Faultline heißt auf deutsch nicht zufällig 300 Kaninchen, zwei Frauen und ein Erdbeben. Den Rahmen dieses kleinen Romans bildet ein Sorgerechtsstreit. Doch wenn Arden Bendow sich als lesbische Mutter ihrer sechs Kinder verteidigt, ist das nur der Anlass einen Reigen skurriler Geschichten und durchgeknallter Figuren zu präsentieren: Ein schwuler, schwarzer Tänzer sagt als Babysitter aus; der Futterlieferant säuft mit dem Farmnachbarn; ein verhinderter Zauberer pflegt Ardens alte Tante; und eine Erdspalte sorgt für extreme Fruchtbarkeit bei den Haustieren… In den einundzwanzig (sowohl sprachlich als auch inhaltlich) völlig unterschiedlichen Kapiteln verliert man die eigentlich traurige Situation der Protagonistin schon mal aus den Augen. Aber keine Angst: Das Happy End kommt bestimmt.

Sheila Ortiz Taylor: Faultline, The Women’s Press Ltd 1982 / 300 Kaninchen, zwei Frauen und ein Erdbeben, Orlanda 1993 bzw. Fischer Taschenbuch 2000, 170 Seiten. Alle Ausgaben sind aktuell vergriffen, aber sehr billig antiquarisch zu bekommen. 

 

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