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Graphic Novel: Eine kunstvolle Hommage an Tina Modotti

13. April 2012

In Mexiko ist Geschichte lebendig, sie hilft, die Gegenwart zu verstehen.

Obwohl ich jetzt zwei Biografien über sie, einen Bildband mit ihren eigenen Fotos, einen mit denen von Edward Weston und eine Postkarte (s.o.) mit ihr besitze, habe ich Tina Modotti bisher doch sehr stark verbunden mit dieser heißen Tango-Szene aus Frida (mit Selma Hayek als Kahlo und Ashley Judd als Modotti im rückenfreien Kleid). Erst nach der Lektüre von Ángel de la Calles grandioser Graphic Novel (bei Rotbuch) hat sich mein Bild der Modotti und ihres abenteuerlichen Lebens bleibend verändert. Was nicht heißen soll, sie hätte keine wilden 20er-Party gefeiert…

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Ausgehend von einer persönlichen Begeisterung für die Fotografin und einer langjährigen Recherche hat der spanische Comic-Zeichner, Illustrator und Autor nun Tina Modotti ein Denkmal in zwei Teilen gestetzt. Schon der vom Autor gewählte Titel macht neugierig, denn hier wird die berühmte Fotografin gerade nicht beim Vornamen genannt, wie bei Frauen oft üblich, oder gar beim Kosenamen wie im biographischen Roman Tinissima von Elena Poniatowska. Indem de la Calle den Nachnamen schlicht und groß auf dem Titel pranken lässt, zollt er Modotti Anerkennung, beschreibt sie als eigenständige Künstlerin und als eigensinnige Kommunistin neben all den namhaften Männer in ihrem Leben und endlich einmal nicht als Muse, Schülerin, Modell von Westen, Rivera und Co.

Einige berühmte Arbeiten von Modotti

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Der gezeichnete Roman beginnt mit dem schicksalhaften Mord ihres Mannes Julio Antonio Mella, des im Exil lebenden Gründers der Kommunistischen Partei Kubas… Wie ein Krimi, bzw. wie zwei Krimis, wird nun das wahrhaft abenteuerliche Leben Modottis erzählt. Zunächst der Tod Mellas und im zweiten Teil der von Modotti selbst sind die zwei großen Geheimnisse, die das Buch umkreist. Dabei wird ihre Lebensgeschichte durchaus nicht (immer) chronologisch erzählt. Zudem geht de la Calle immer kritisch und mitunter ironisch mit widersprüchlichen Fakten um. Beispiel: „Roubaix de l‘ Abrie Richey, genannt Robo, war Tinas Mann. Manche Biografen behaupten, sie hätten nie geheiratet, aber was macht das schon!“ Und der Autor liebt es, uns mit Randbemerkungen in den Bann zu ziehen. So berichtet er, dass Modotti als eine der ersten (Frauen) Jeans trug und sogar Pfeife rauchte! Doch letztlich ließ diese eigensinnige, moderne Frau ihr Leben von einigen einflussreichen Männer bestimmen und opferte ihr künstlerisches Talent einer der großen politischen Ideen der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts…

Modotti ist die Ausgeburt einer lang gepflegten Obsession“, stellt de la Calles Freund und Comic-Nebenfigur Taibo fest, mit dem der Autor in einer Rahmenhandlung den Schauplätzen hinterherreist. Auch die Skizzen und Notizen im Anhang deuten an, welch planerische und kreative Monsterarbeit in dem Buch steckt, und was für ein Batzen an zusammengetragenen Informationen. Zu den zahlreichen Fakten und Fiktionen über Tina selbst sammelte er unterhaltsame zeitgeschichtliche Bruchstücke, die die Lesenden unwillkürlich an die Story fesseln.

In den 30ern gab es in Paris mehr Buchläden als in allen Städten der USA zusammen.

An die verschiedenen Orte der Handlung versetzt uns vor allem die Gestaltung. Hier wird mit vielen Schatten und Schraffuren gearbeitet. Selbst das sonnige Mexiko wirkt von Anfang an dunkel und geheimnisvoll, zu düster ist der politische Konflikt. Nur die Kunst und Fotografie schafft helle, klare Bilder. Und auf Reisen verblasst der dunkle Schleier: die Berliner Oberbaumbrücke und die weiten Plätze Paris‘ erheben sich aus dem Dunkel.

Mehr zu Biografie und Arbeit von Modotti

Ángel de la Calle: Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhundert. Aus dem Spanischen von Timo Berger, Rotbuch Verlag 2011, 272 Seiten, 16,95 Euro.

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