Filme Kultur

The Berlinale is coming

9. Februar 2012

Die Berlinale ist zurück, das altbekannte Gemisch aus Chaos, Kälte, Aufgeregtheit, Problemfilmen und (Möchtegern-)Glamour – und das Mekka für alle, die Filme sehen wollen, von denen sie nie dachten, dass sie je existieren könnten, in fast allen Sprachen dieser Welt. Dazu vor wirklich jeder Vorstellung ein Feuerwerk! Ganz ehrlich, dieser Trailer verursacht mir nach all den Jahren noch immer Magenkribbeln:

Wettbewerb & Berlinale Special

Am allermeisten wird ja immer über die Wettbwerbsfilme berichtet, denn dort gibt es die Stars und natürlich die Bären. Auch in der großen Jury sitzen dieses Jahr wieder so illustre Prominenzen wie Charlotte Gainsbourg, François Ozon und Jake Gyllenhaal. Die Wettbewerbs-Sektion versammelt diverse Filme, auf die ich schon gespannt warte und deren weibliche Rollen nicht besser besetzt sein könnten. Zu sehen sind die Iron Lady Meryl Streep, Haywire mit Gina Carano (und einer männlichen Star-Riege), Charlize Theron in Diablo Codys Young Adult, Nina Hoss im neuen Christian Petzold Barbara und Charlotte Rampling (neben Hayley Atwell) im Debütfilm ihres Sohnes I, Anna. Daneben laufen ebenso bekannte Gesichter in Bel Ami und Extremly Loud and Incredibly Close über die Leinwand sowie Angelina Jolies strittiges Regie-Debüt In the Land of Blood and Honey. Dem Eröffnungsfilm Les Adieux á la Reine geht schon der Ruf einer gewissen Verruchtheit voraus, immerhin scheint das Verhältnis zwischen Marie Antoinette (Diane Kruger) und ihrer Vorleserin (Léa Sedoux) Anlass genug zu geben, den Film für den Teddy vorzuschlagen. Im folgenden Filmausschnitt kommt die Königin aber der Duchesse de Polignac (Virginie Ledoyen) näher:

Am roten Teppich werden sich also zahlreiche Fans die Füße abfrieren. All diese Filme wird man aber über kurz oder lang in regulären Kinos sehen können. Wer also genug Geduld hat, wartet auf die offiziellen Starts und schaut sich in den vielfältigen anderen Sektionen um…

Spielfilme in den Nebenreihen

Es mag an meinem selektiven Blick auf der Suche nach queeren Filmen liegen, aber an Sex mangelt es der diesjährigen Berlinale ganz sicher nicht.

Glaubt mir, einige der folgenden Trailer sind ganz sicher NSFW…

Lil Harlow und Jiz Lee

Allen voran Cheryl Dunyes neuer Film Mommy is Coming, mit dem sie nach The Watermelon Woman (Teddy Award 1996) und The OWLS (2010) ein drittes Mal die Panorama-Sektion um reichlich lesbisches Geschehen bereichert. Diesmal versucht ein Berliner Frauenpaar die Grenzen der Monogamie in alle Richtungen zu überschreiten. Und dann kommt auch noch Mama, äh, zu Besuch…

„So viel expliziter, brutaler, alle Tabus brechender lesbischer Sex, war noch nie auf einer Berlinale zu sehen,“ sagt die Siegessäule. Und die sollten’s wissen.

Ob die von Lili Taylor dargestellte Mutter in Cherry auch beim Sex mitmischt, ist noch nicht bekannt, dafür aber, dass es sonst vor allem um das eine geht. Der ehemalige Sexworker und mehrfache Buchautor Stephen Elliott lässt in seinem Debütfilm die junge Angelina (Ashley Hinshaw) die Pornowelt in San Franciso entdecken. Mit dabei sind James Franco als reicher Anwalt und Heather Graham als lesbische Pornoregisseurin… (Hier ein wenig vom Script inspirierte Pop Art von Ian Huebert.)

Doch nicht nur im traditionell queeren Panorama wird es provokant (wie viele Schwulenfilme dort laufen, kann man kaum noch zählen), auch Generation und Forum haben Aufregendes zu bieten. Erstmals wird in der jungen Sektion „Generation 14+“ ein Film ab 16 freigegeben: In Joven & Alocada (Young & Wild) von Marialy Rivas spielt Alicia Rodríguez ein Mädchen aus evangelikalem Elternhaus, das sich erst ein Ventil in zügellosem Bloggen sucht und dann beginnt ihre sexuellen Phantasien auszuleben. Unter anderem beginnt laut Programmheft „eine leidenschaftliche Liebesaffäre“ zur besten Freudin…

María Gracia Omegna und Alicia Rodríguez

Ebenfalls in der Reihe Generation 14+ wird das mexikanische Roadmovie Un Mundo Secreto von Gabriel Mariño gezeigt, das wunderschöne Aufnahmen verspricht. Am Tag ihres Schulabschlusses packt Maria ihren Rucksack und macht sich auf den Weg in ein neues Leben…

Lucía Uribe in: Un Mundo Secreto

Wiedermal um Sex geht es in Koi ni itaru yamai (The End of Puberty), der in der Forum-Sektion läuft. Die junge Japanerin Kimura Shoko erzählt in ihrem Regie-Debüt eine Geschlechtertauschgeschichte zwischen der Schülerin Tsubara und ihrem Biologie-Lehrer. „Gemeinsam versteckt sich das seltsame Paar auf dem Land. Dort werden sie jedoch bald von Mitschülern entdeckt: En, die heimlich in Tsubara verliebt ist, gefolgt von derem hartnäckigen Verehrer Maru.“ Hier sind keine expliziten Szenen zu erwarten, sondern eine Problematisierung dessen, was ein Genitalwechsel so mit sich brächte, im Genre einer Schulmädchenparodie.

Koi ni itaru yamai mit Wagatsuma Miwako

Romantisch mutet dagegen der ebenfalls japanische Film Rentaneko von Naoko Ogigami, der „japanischen Miranda July“, an. Hier verleiht eine junge Frau Katzen an einsame Menschen:

Dokumentationen

Die Doku Man for a Day von Katarina Peters über Diane Torrs berühmte Drag King-Workshops hat der eingeweihten Großstadtlesbe vermutlich wenig Neues zu bieten. Dennoch: Cross-Dressing und Kinging ausgerechnet in der Reihe Kleines Fernsehspiel des ZDF sollten nicht unbeachtet bleiben, insbesondere wenn sie die Sektion Perspektive deutsches Kino eröffnen dürfen (Trailer hier).

Diane Torr in einer ihrer männlichen Rollen

Portraitiert werden aber auch noch spannendere Frauen, wie die lesbische Dichterin und Aktivistin Audre Lorde, über deren Berliner Zeit uns Dagmar Schultz reichlich Material zusammengetragen hat. So ist Audre Lorde – The Berlin Years auch ein Film für zum Beispiel May Ayim-Fans geworden.

 

Künstlerinnenportraits werden auch über die Filmemacherin Ulrike Ottinger (Die Nomadin vom See von Brigitte Kramer) und Kunst-Star Marina Abramovic (The Artist is Present von Matthew Akers und Jeff Dupre) gezeigt, also zwei außergewöhnlich erfolgreiche und bekannte Frauen.

Preise

Kurz vor dem potentiellen nächsten Oscar wird Meryl Streep ihren Goldenen Ehrenbären mit nach Hause nehmen, zu dem sie auch eine kleine Retrospektive gewidmet bekommt.

Die meisten Überraschungen kann man ganz sicher in den Kurzfilmprogrammen erleben, wobei besonders die Teddy-Rolle hervorzuheben ist.

The Man that Got Away (Kurzfilm)

Außerhalb des Wettbewerbs werden ansonsten zwar keine klassischen Bären vergeben, aber viele der hier genannten Filme haben zum Beispiel eine Chance auf den queeren Teddy Award als Spielfilm, Doku oder Short. Zwei Personen haben ihren Teddy Award sogar schon sicher: Der Special Teddy 2012 geht sowohl an Ulrike Ottinger als auch an den Trans-Superstar  und einstigen Warhol-Schauspeler Mario Montez. Alle Teddys werden dann auf der großen Gala in der Halle des Flughafen Tempelhof gefeiert, bei der auch Peaches und Stereo Total auftreten. Die Aufzeichnung der gesammten Teddy-Veranstaltung wird ürbigens auf arte (18.2.) und RBB (19.2.) ausgestrahlt werden.

Während der Berlinale lohnt nicht nur der regelmäßige Besuch der Teddy-Homepage, sondern auch der wiedergekehrte Missy-Gast-Blog zur Berlinale. Ebenso wird die Siegessäule uns nicht im Stich lassen.

Viel Spaß!

1 Kommentar

  • Reply Helena 9. Februar 2012 at 22:19

    Ich kann ja leider die Begeisterung nicht teilen, dass sooo viele queere Filme auf der diesjährigen Berlinale laufen werden – Gemessen an der Gesamtzahl der Berlinale-Filme (ca. 400) ist die Anzahl der Filme, in denen Frauen-liebende-Frauen/lesbische Hauptrollen dargestellt/zu sehen sind, doch mehr als dürftig (das war schon mal anders).
    Nichtsdestotrotz gibt es sicherlich wieder viele auch „andere“ lohnenswerte Produktionen, die anschließend bestimmt nie den Weg ins Kino finden werden…

  • Schreibe einen Kommentar