Filme Queer Life

„Anarchie Girls“ – Widerstand in Vilnius

13. Dezember 2011

Sturmklingeln. Ein energisches Punk Girl treibt bei einer jungen Frau die Mietschulden ein; als es die nicht bekommt, droht es erst mit der Faust und schwingt dann den Nietengürtel. Schnitt. Im Zug Richtung Hauptstadt sitzt ein blondgezopftes Mädchen vom Land und träumt von Pädagogik-Studium und Unabhängigkeit. Bald werden die beiden sich in einer dieser 60er-Jahre-Plattenbau-Wohnungen begegnen. Regisseur Saulius Drunga lässt gern Gegensätzen aufeinander prallen. Seine Hauptfiguren Sandra (Severija Janušauskaite) und Vilé (Toma Vaskeviciute) inszeniert er als grundverschieden, aber gleichermaßen verloren.

Anarchy in Žirm?nai, so der Originaltitel, hätte man sich auch etwas anders vorgestellt. Sandra schreibt ihren Namen zwar gern mit zwei großen, eingekreisten As, hat aber sonst mit Revolution nicht viel am Hut. Ensprechend ihrer Definition bietet „Anarchie“ Schutz nach so eine Art Buchstaben-Magie: Wer das A im Namen, am Spiegel, auf dem Ärmel trägt, kann sich gegen die anderen durchsetzen. Denn der titelgebende Plattenbau-Stadtteil am Rande Vilnius‘ zeigt sich als hartes Pflaster. So wie Sandra ihre kleine Girl Gang dominiert, ist sie den kriminellen Aktivitäten ihres abwesenden Bruders unterworfen. Eigentlich wollen alle nur dort weg.

Vilé, die zunächst mit naiver Begeisterung die Stadt erkundet, merkt schnell, was hier läuft: Unter der bemühten Autorität der Tante verbirgt sich ein Kontrollzwang, Sandras Gerede hat nicht viel Substanz und der Zusammenhalt der Möchtegern-Anarchos ist auch eher erzwungen. Der Faszination für die androgyne Rebellin kann und will sie sich trotzdem nicht entziehen. Wie selbstverständlich lässt sie sich auf eine Spritztour im geklauten Auto ein, versteckt eine Waffe und bietet ihr unermüdlich Tee an. Als dann die Miete fällig wird, verführt sie die ach so toughe Frau kurzerhand. Und zum Molotowcocktail wird Vilé auch noch greifen…

Nachdem im Vorspann zu lesen ist, dass hier mit Mitteln des litauischen Kulturministerium gearbeitet wurde, überrascht der Film mit Punk-Musik, Lesben-Sex und einem Crashkurs im linken Terrorismus. Inszenatorisch wirkt das Ganze leider etwas unentschlossen. Die Wandlung der Charaktere ist keine Entwicklung im eigentliche Sinne. Da werden plakative Einsamkeitsmetaphern an Verfolgungsjagden und lange Flirts gereiht. Überdeutlich wird in den eingefügten Nachrichtenbeiträgen auf Auswanderung und Kriminalitätsraten verwiesen. Dennoch bleibt man am Ball – aus Interesse am Leben in der ehemaligen Sowjetrepublik, aus Neugier an den jungen Hauptdarstellerinnen, aus Begeisterung für die kleinen Ideen.

Denn Lippenstift und Marmeladenglas werden hier zu Materialien für die Girl Revolution.

„Anarchie Girls“ ist seit Ende Oktober auf DVD bei Pro-Fun Media erhältlich.

Litauisch mit (optionalen) deutschen Untertiteln, 90 Minuten, ca. 15 Euro.

Alle Bilder und Trailer (c) Pro-Fun Media


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